Wirtschaft : Die Pleite von Enron war erst der Anfang

Die US-Energieversorger haben die Nachfrage falsch eingeschätzt / Nun leiden sie unter Überkapazitäten, und die Aktienkurse stürzen ab

Sandra Louven

Washington. Den amerikanischen Energieproduzenten droht eine Pleitewelle: Die Unternehmen sind hochverschuldet, und der US-Markt bietet wegen eines Überangebots an Energie auf absehbare Zeit keine Aussichten auf Ertragssprünge. Unter dem Abwärtsstrudel der Energieproduzenten könnten auch zahlreiche amerikanische und europäische Banken leiden, die teilweise mit hohen Kreditsummen bei den maroden Firmen engagiert sind.

Die skandalträchtige Pleite des Energiehändlers Enron war nach Ansicht von Experten nur der Anfang eines Einbruchs, der in den kommenden zwei Jahren zahlreiche Riesen der Branche treffen könnte. Bereits jetzt sind die Aktienkurse von führenden Erzeugern und Händlern kaum noch etwas wert.

Denny Ellerman, Chef des Center for Energy and Environmental Policy Research am elitären Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, verweist darauf, dass die Aktien der US-Branchenschwergewichte AES, Dynegy, Mirant, Calpine und Reliant in den vergangenen zwei Jahren zwischen 93 und 99 Prozent ihres Wertes verloren haben.

Darüber hinaus stehen die Unternehmen bei Kreditgebern tief in der Kreide: Gemessen an ihrer Marktkapitalisierung liegt die Verschuldungsquote der Riesen zwischen 94 und 99 Prozent. „Wir erwarten weitere Konkurse“, sagt auch Shawn Carraher von den Cambridge Energy Research Associates (Cera), einem unabhängigen Bostoner Forschungsinstitut für Energiefragen.

Der Grund für die verfahrene Lage liegt nach Meinung der Cera-Experten darin, dass die Unternehmen nach der Deregulierung des US-Energiemarktes Ende der 90er Jahre die Nachfrage nach Energie falsch eingeschätzt haben. Sie seien davon ausgegangen, dass die Revolution des Internets auch einen höheren Strombedarf nach sich ziehen würde. Dessen Pfründe wollten sich zahlreiche Marktteilnehmer sichern und bauten neue Produktionsanlagen. Dies hat zu einem Überangebot an Energie geführt: In den vergangenen drei Jahren überstieg das Angebot in den USA die Nachfrage fast um das Dreifache. „Es dauert mindestens fünf Jahre, dieses Überangebot abzubauen“, erklärt Shawn Carraher. Die Folge waren sinkende Energiepreise, die die ohnehin angespannte Finanzsituation weiter belasteten.

Die ambitionierten Pläne der Unternehmen wurden zudem von dem Geist der Boomjahre beflügelt, in denen das Wachstum der US-Wirtschaft keine Grenzen kannte. „Aber das Energiegeschäft unterstützt keine Geschäftsmodelle, die auf hohem Wachstum basieren“, sagen die Cera-Experten. Denn Strom ist Strom, egal, ob er mit neuester Technologie oder in veralteten Fabriken hergestellt wird. Die Markteintrittsbarrieren sind niedrig, und die Nachfrage nach Energie steigt nur langsam. Um die hochgesteckten Wachstumsziele zu erreichen, finanzierten die Versorger ihre Investitionen zu großen Teilen mit Hilfe von externen Geldgebern. „Es wurde zur Norm, 80 bis 90 Prozent eines Projektes fremd zu finanzieren“, erklärt MIT-Professor Denny Ellerman.

Im vergangenen Jahr stuften die Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit zahlreicher Versorger auf Junk-Status herab. Die Pleite des Branchenführers Enron hat ebenfalls dazu beigetragen, das Vertrauen der Investoren in die Branche zu erschüttern. Potenzielle Käufer für die derart angeschlagenen Gesellschaften stehen nicht gerade Schlange. „Es gibt einen Käufermarkt“, sagt Shawn Carraher. „Unter Umständen könnten kanadische oder europäische Firmen wie Eon oder RWE in den US-Markt einsteigen.“ Noch verhalten sich die Investoren jedoch abwartend. Die Ratingagentur Standard & Poor`s listet in einer aktuellen Studie die Energieproduzenten auf, deren hohe Schulden sich bald zu einem Problem auswachsen könnten, weil sie bis 2006 refinanziert werden müssen. Ganz vorne auf dieser Liste befinden sich unter anderem Reliant, Calpine, Mirant, PG & E sowie CMS Energy. Reliant muss 5,9 Milliarden Dollar umschulden, bei Calpine laufen Ende 2006 Kredite über 7,3 Milliarden Dollar aus, bei CMS Energy knapp vier Milliarden Dollar. Die Unternehmen, denen es überhaupt gelingt, ihre Kredite zu refinanzieren, müssen derzeit gewaltige Risikoaufschläge hinnehmen und Zinsen von über 20 Prozent bezahlen.

Doch auch die Banken leiden unter der Talfahrt der amerikanischen Energiebranche. Dem Standard & Poor´s-Bericht zufolge sind sie mit insgesamt 70 Milliarden Dollar bei den Energiefirmen investiert, Kredite über knapp 44 Milliarden Dollar laufen bis um Jahr 2006 aus. Die Kredite an US-Energieproduzenten wurden je zur Hälfte von europäischen und amerikanischen Banken vergeben. Zu den Kreditgebern gehören dem Bericht zufolge unter anderem Namen wie J. P. Morgan, Citigroup, Bank of America, Crédit Suisse, Crédit Lyonnais, BNP Paribas, Commerzbank, Deutsche Bank und Dresdner Bank. J. P. Morgan etwa ist nach eigenen Angaben mit 2,2 Milliarden Dollar im Energiesektor engagiert. „Citigroup und Bank of America haben auch bedeutende, aber bislang noch unveröffentlichte Verpflichtungen“, so der Bericht.

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