Wirtschaft : "Die Politik soll nicht unsere Arbeit machen"

TAGESSPIEGEL: Herr Zwickel, in dieser Woche entscheidet die Metallindustrie über Arbeitskampf oder Tariffrieden.Wie ist Ihr Tip?

ZWICKEL: Ich bin zuversichtlich, daß die Arbeitgeber eingesehen haben, daß sie uns nicht abspeisen können.Am Ende dieser Woche werden wir wissen, ob die andere Seite auch flexibel genug ist, sich zu bewegen.

TAGESSPIEGEL: Glauben Sie wirklich, daß ein Arbeitskampf in der Metallbranche zu zusätzlichen Arbeitsplätzen in den Unternehmen führt?

ZWICKEL: Die Arbeitnehmer dieser Branche haben sich in den zurückliegenden Jahren mit bescheidenen Abschlüssen begnügt, weil sie gehofft haben, daß dadurch mehr Arbeitsplätze entstehen.Diese Hoffnung war vergeblich.Es ist höchste Zeit, daß die Arbeitnehmer mehr Geld in die Tasche bekommen.

TAGESSPIEGEL: Wir haben 1998 zum ersten Mal seit der Einheit wieder einen Zuwachs der Erwerbstätigen.Reicht das nicht als Beweis, daß Lohnzurückhaltung neue Jobs bringt?

ZWICKEL: Ausschließlich die Automobilindustrie hat neue Arbeitsplätze geschaffen, weil sie eine hervorragende Exportkonjunktur hatte.Wenn der Export nachläßt, werden wir auch dort sehr schnell wieder in Beschäftigungsschwierigkeiten kommen.Auch deshalb wollen wir die Binnennachfrage stärken, um die Konjunktur aus ihrer Exportabhängigkeit zu lösen.

TAGESSPIEGEL: Binnennachfrage, das sind auch Investitionen.Warum machen Sie es den Unternehmen nicht leichter zu investieren - das würde auch neue Jobs bringen?

ZWICKEL: Unser Maßstab sind die Interessen und die Bedürfnisse unserer Mitglieder.In diesem Jahr haben wir die voraussichtlich schwierigere wirtschaftliche Lage längst berücksichtigt.Hätte die IG Metall eine Abstimmung bei ihren Mitgliedern gemacht, hätten wir mit der 6,5 Prozentforderung große Probleme bekommen - weil die Erwartungen höher waren.

TAGESSPIEGEL: Warum akzeptieren Sie nicht, daß die Unternehmen mit ihren Betriebsräten über die Höhe einer Einmalzahlung verhandeln?

ZWICKEL: Weil die Tarifvertragsparteien die verdammte Pflicht und Schuldigkeit haben, das, was ihnen aufgetragen ist, auch zu organisieren und zu verabreden.Eine ertragsabhängige Einmalzahlung, deren Fälligkeit der Betriebsrat durchsetzen soll, ist das nicht.

TAGESSPIEGEL: Keine Macht in die Betriebe?

ZWICKEL: Was ist das denn für eine Macht, von der Sie da sprechen? Tarifautonomie heißt, daß wir die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Unternehmen gestalten.Um diesen Auftrag erfüllen zu können, haben die Tarifvertragsparteien das Arbeitskampfrecht, wenn man am Verhandlungstisch nicht zusammenkommt.Genau dies aber haben die Betriebsparteien aus gutem Grund nicht.Der Betriebsrat hat den Auftrag zu kontrollieren, daß Tarifverträge auch angewendet werden.Er muß dafür sorgen, daß im Betrieb Frieden herrscht.Wer Teilelemente der Tarifverhandlungen auf die Betriebsparteien übertragen will, muß den Betriebsräten das Streikrecht geben.Wir wollen das nicht.

TAGESSPIEGEL: In Ostdeutschland ist es Alltag, daß Betriebsräte Tarifpolitik machen.Und wenn Sie in dieser Woche den falschen Abschluß machen, lösen sich die Arbeitgeberverbände ganz auf.

ZWICKEL: Verantwortungsloser als die Arbeitgeber in Sachsen kann man nicht mehr sein.Den Sachsen scheint die Frage des bewährten sozialen Regulierungsmodells in Deutschland schlicht egal zu sein.Sie sehen nur ihre vordergründigen egoistischen Interessen.Wenn die Sachsen den Verband verlassen, um den Tarifabschluß nicht anwenden zu müssen, werden wir uns in Sachsen Betrieb für Betrieb vornehmen.Und das werden nicht die Betriebsräte tun, sondern die Gewerkschaft.

TAGESSPIEGEL: Sie könnten ja auch eine Lohnzahl finden, die der differenzierten Lage der Metallindustrie Rechnung trägt.

ZWICKEL: Ich bin nach wie vor der Überzeugung, daß wir diese differenzierte Situation mit unseren bisherigen Flächentarifverträgen relativ gut bewältigt haben.Wir haben Differenzierungsmöglichkeiten geschaffen.Aber: Je differenzierter und komplexer die Verträge geworden sind, desto schwieriger wird eben auch die betriebliche Anwendung.Gerade die Hauptschreier nach Flexibilisierung nutzen noch nicht einmal die vorhandenen Möglichkeiten.Man braucht eben auch eine gewisse Innovationsfähigkeit.

TAGESSPIEGEL: Was ist übriggeblieben von all den freundlichen Versicherungen, man werde jetzt einen gemeinsamen Weg gehen und den Flächentarifvertrag partnerschaftlich reformieren?

ZWICKEL: Es wird uns nicht gelingen, eine Reform einzelner Tarifverträge in einem Guß hinzubekommen.Ich glaube inzwischen, daß es viel zweckmäßiger ist, den einen oder anderen Regelungsbereich dadurch zu reformieren, daß wir neben einen bestehenden Tarifvertrag einen neuen setzen.Und dann überlassen wir es den Betrieben, welchen Vertrag sie anwenden wollen.

TAGESSPIEGEL: Und die alten Rituale?

ZWICKEL: Die sind nicht altmodisch.Es ist eine Illusion zu glauben, daß man ohne Zeitdruck und den Druck aus den Belegschaften zügig zu Vereinbarungen kommen könnte, die auch die Arbeitnehmerseite zufriedenstellen.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie Ihre Forderung nach der 32-Stundenwoche beerdigt?

ZWICKEL: Das Thema Arbeitszeitverkürzung bleibt eine Herausforderung.Wir müssen zu weiteren generellen Arbeitszeitverkürzungen kommen.Aber es ist für mich kein Dogma.Wenn im Rahmen unseres internen Diskussionsprozesses am Ende das Ergebnis steht, daß wir die Arbeitszeitverkürzung aus einer Vielzahl von Bausteinen bauen, aber insgesamt die Arbeitszeit in der Summe sinkt, dann werde ich auch das mit Vehemenz vertreten.

TAGESSPIEGEL: Ist das ein Thema für das Bündnis für Arbeit?

ZWICKEL: Wir werden darüber diskutieren müssen, das ist klar.Und in diesem Feld wird auch die Tarifpolitik Bündnisthema sein.Wenn es darum geht, Arbeit gerechter zu verteilen, brauchen wir das Einverständnis und die Kooperation aller Seiten: der Arbeitgeber, der Gewerkschaften und der Regierung.

TAGESSPIEGEL: Arbeitszeitverkürzung ist für die Unternehmen ein Kostenfaktor wie Lohnprozente auch.Warum sprechen Sie dann nicht gleich auch über den Lohn?

ZWICKEL: Wir werden es der Politik nicht zumuten, unsere Arbeit zu machen.Aber wenn wir gemeinsam nach einer Möglichkeit suchen, daß Arbeitnehmer wieder mit sechzig Jahren aus dem Betrieb ausscheiden können, dann haben wir ein Thema für das Bündnis.Tariffonds sind ein Stück klassischer Tarifpolitik.Da müssen Gewerkschaften, Arbeitgeber und die Bundesregierung bereit sein, sich finanziell zu beteiligen.Wenn wir 0,5 Prozentpunkte einer Lohnerhöhung in einen solchen Fonds einbringen wollen, dann hat das natürlich Auswirkungen auf die kommenden Lohnrunden.Uns ist klar, daß wir das, was wir und die Arbeitgeber einbringen sollen, an anderer Stelle nicht noch einmal bekommen werden.

TAGESSPIEGEL: Kriegen Sie denn die Kurve zwischen den Erwartungen der Warnstreikenden und denen Ihrer Bündnispartner?

ZWICKEL: Zunächst einmal müssen wir bei den Arbeitnehmern in diesem Land Akzeptanz für ein Bündnis für Arbeit herstellen.Wenn wir einen Abschluß machen würden, der unsere Mitglieder enttäuscht, würde das dem Bündnis nichts nützen, im Gegenteil: Die Skepsis der Arbeitnehmer würde wachsen, da auch diese Bündnisgespräche am Ende nur mehr Belastungen bringen.Wir müssen dafür sorgen, daß der Gerechtigkeitssinn der Menschen nicht noch weiter erschüttert wird.Dann wäre das Bündnis wirklich in Gefahr.

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