Wirtschaft : "Die Preise können sogar sinken"

TAGESSPIEGEL: Was wird am 1.Januar 1999 eigentlich eingeführt, und wann wird der Bürger das erste Mal Euro-Münzen und -Scheine in der Hand haben?

GRIMM: Am 1.Januar 1999 wird der Euro eingeführt, aber die nächsten drei Jahre existiert er nur als Buchgeld.Die nationalen Währungen bleiben zunächst gesetzliches Zahlungsmittel in ihrem Bereich.Die Europäische Zentralbank wird neue Währungshüterin und trifft die geldpolitischen Entscheidungen in "Euroland".Vom 1.Januar 2002 an werden dann die Euro-Scheine und -Münzen ausgegeben.Die Umstellung soll innerhalb von zwei Monaten erfolgen.Wer später noch einen D-Mark-Schein findet, kann diesen allerdings auch weiterhin noch zum gesetzlich fixierten Umrechnungskurs umtauschen.

TAGESSPIEGEL: Wann wird der Umrechnungskurs der D-Mark gegenüber dem Euro festgelegt?

GRIMM: Am 31.Dezember bestimmen die Notenbanken von 11 Uhr 30 an ihren letztmaligen individuellen Kurs gegenüber dem Dollar.Etwa eine Viertelstunde später wird dann der Umrechnungskurs D-Mark/Euro feststehen.

TAGESSPIEGEL: Sollen die Bundesbürger ihre Girokonten auf Euro umstellen?

GRIMM: Da wäre ich vorsichtig.Es besteht keine Notwendigkeit das Konto umzustellen, im Gegenteil: Viele bestehende Verträge müssen noch in D-Mark erfüllt werden.Zudem kann der Kontoinhaber auch von einem D-Mark Konto in Euro überweisen, wenn er beispielsweise eine Rechnung aus Paris in Euro bekommt.Die Bank übernimmt dann die Umrechnung.Ein Grund zur Kontoumstellung besteht also nicht.

TAGESSPIEGEL: Droht durch den Euro eine Währungsreform?

GRIMM: Nein.Es handelt sich um eine reine Umstellung.Die Stabilität des Euro wird von der Politik der Europäischen Zentralbank abhängen.Diese ist wie die Bundesbank unabhängig und nur an ihr Statut gebunden.Dieses ist zum Teil sogar noch strenger als dasjenige der Bundesbank.

TAGESSPIEGEL: Wird es zu Preissteigerungen kommen?

GRIMM: Nicht wegen der Einführung des Euro.Der Handel wird sogar insbesondere vom 1.Januar 2002 an abnehmende Spielräume für Preiserhöhungen haben.Bei der Umrechnung könnte es sogar zu Preissenkungen kommen.Ein Preis von 1,99 DM wäre umgerechnet in Euro etwa 1,04.Da ist es wahrscheinlicher, daß der Händler die Ware mit 0,99 Cent auszeichnet.

TAGESSPIEGEL: Wie können sich mißtrauische Anleger gegen den Euro absichern?

GRIMM: Wer der Politik überhaupt nicht traut, muß aus der Währung raus, also beispielsweise in Dollar oder Schweizer Franken anlegen.Aber auch dort gibt es Risiken, denn auch der Kurs des Dollar kann sinken.Es gibt Stimmen, die zur Anlage in Immobilien raten.Diese Meinung teile ich nicht.Wenn wir höhere Inflationsraten bekommen, versprechen auch Immobilien keine attraktiven Renditen mehr.

TAGESSPIEGEL: Lauten festverzinsliche Wertpapiere vom kommenden Jahr an auch auf Euro?

GRIMM: Die üblichen Anleihen von Bund und Ländern werden auf den Cent genau umgerechnet.Dabei wird die zweite Stelle hinter dem Komma nach kaufmännischen Regel ab- beziehungsweise aufgerundet.Diese Regelung gilt jedoch nicht für alle Teilnehmerländer.Einige werden die Anleihen auf den Euro genau umrechnen und Differenzen dann auszahlen.

TAGESSPIEGEL: Werden Börsenwerte aus den europäischen Nachbarländern interessanter?

GRIMM: Das ist schon heute so.Da die Währungsrisiken schon vor der Einführung des Euro weitgehend wegfallen, denken die Anleger mehr und mehr europäisch, und konzentrieren sich beispielsweise auf Werte des Stoxx 50.Insbesondere für die ausländischen Investoren, besonders für große Pensionsfonds, wird der europäische Markt interessanter, weil er breiter wird.

TAGESSPIEGEL: Muß ein Gewerbetreibender mit lokalem Markt nun Abrechnungen und die Buchführung in Euro und D-Mark vornehmen?

GRIMM: Die Buchführung kann weiterhin nur in D-Mark erfolgen.Als Unternehmer muß ich aber schon heute entscheiden, wann ich die Umstellung vornehmen will.Man sollte nicht bis zum letzten Termin, also bis zum 1.Januar 2002 warten.2001 dürfte es unter Umständen schwierig werden, schnell genug neue Software oder einen Programmierer zu bekommen.Für Rechnungen empfehle ich eine pragmatische Lösung.Auch kleine Unternehmen müssen sich eine einfache Möglichkeit der Umrechnung schaffen, wenn sie etwa an Ausschreibungen in Euro teilnehmen wollen, oder von Zulieferern Rechnungen in Euro bekommen.Für die kleinsten reicht unter Umständen ein Taschenrechner.

Hotline

Es wird Ernst: Am 1.Januar 1999 kommt der Euro.Dann können Sie bargeldlos in Euro zahlen oder Ihr Konto in der neuen Gemeinschaftswährung führen.Was müssen Firmen, Anleger und Verbraucher wissen, um fit für den Euro zu sein? Rechtzeitig zum Startschuß bieten wir Ihnen die Gelegenheit, Ihre Fragen zum Euro zu stellen.Zum Thema Euro und Geldanlage stehen Ihnen Heinz Grimm von der Bankgesellschaft Berlin (Tel: 26009-820) und Martin Laubisch von der DG Bank (Tel.: 26009-821) zur Verfügung, eine spezielle Beratung für Firmen bietet Manfred Kern-Nelle von der IHK Berlin an (Tel: 26009-822), und für allgemeine Fragen zur neuen Währung steht Jutta Lieneke-Berns von der EU-Vertretung in Berlin bereit (Tel: 26009-823).Bitte rufen Sie an: Die Euro-Hotline ist geschaltet am Mittwoch, den 2.Dezember 1998, zwischen 18 und 20 Uhr.

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