Wirtschaft : "Die Produkte sind keine Selbstläufer mehr"

Herr Sibold[die Weltkonjunktur ist ins Stocken ge]

Kurt Sibold ist seit dem 1. Juli 2001 Vorsitzender der Geschäftsführung der Microsoft Deutschland GmbH in München und Vizepräsident von Microsoft Europa. Der Diplom-Informatiker begann seine Karriere bei Hewlett-Packard (HP).

Herr Sibold, die Weltkonjunktur ist ins Stocken geraten. Was bedeutet das für den Softwarekonzern Microsoft?

Wir stehen einer ganz anderen Situation gegenüber, als wir das gewohnt waren. Auch die Branche der Informationstechnologie (IT) ist jetzt vehement von der schwierigen Lage unserer Wirtschaft betroffen. Zweistellige Wachstumsraten wie früher erzielen wir nicht mehr. Das Problem: Auch unseren Kunden geht es wirtschaftlich schlechter, IT-Investitionen werden auf später verschoben. Wir leiden darunter, dass man unsere Produkte auch noch einige Monate länger als geplant nutzen kann. Aber natürlich bringen die neuen Produkte Effiziengewinne.

Verzögert sich der Wachstumsschub, den das neue Microsoft Betriebssystem Windows XP für die ganze Branche bringen sollte?

Wir sehen keine Verzögerung. Wir sind sehr zufrieden mit dem Verkauf von Windows XP. Das Betriebssystem ist ja sowohl ein Produkt für den Privat- als auch für den professionellen Kunden. Es war schon immer so, dass der private Kunde sich schneller für den Kauf eines neuen Produktes entscheidet als der kommerzielle Kunde. Der Verkauf an private Nutzer läuft fantastisch. Vom 25. Oktober bis Ende letzter Woche waren es bereits sieben Millionen Stück weltweit.

Aber nicht nur Microsoft, die ganze Branche wollte vom neuen Produkt profitieren.

Absolut. In den letzten Monaten bevor XP auf den Markt kam, ist eine Erwartungshaltung aufgebaut worden, die schon fast erschreckend war, weil man geglaubt hat, Windows XP muss jetzt die ganze Branche retten. Wir haben hier eine große Verantwortung. Ich glaube, wir sind dem gerecht geworden - wenn ich mir anschaue wie der Vorweihnachtsverkauf anläuft und wie die Werbekampagne aufgebaut ist.

Knapp eine Milliarde Dollar steckt Microsoft in die Kampagne für Windows XP und die Spielekonsole X-Box. Werden Sie ohne diesen Aufwand die Produkte nicht los?

Es gibt kaum mehr ein Produkt, das ein Selbstläufer ist. Schon gar nicht mehr in der Zeit, in der wir uns befinden. Da muss der Werbeaufwand sogar noch etwas steigen. Wir müssen unsere Kunden überzeugen, dass das neue Produkt tatsächlich einen Mehrwert bringt und dass er so groß ist, dass er andere Dinge aufwiegen kann.

Wann rechnen Sie damit, dass Firmen in großem Stil auf Windows XP umsteigen?

Das wird im Laufe des kommenden Jahres beginnen. Viele werden Windows 2000 überspringen und direkt auf XP gehen. Es ist ganz normal, dass Firmenkunden abwarten und erst einmal Erfahrungen sammeln.

Wann kommt die nächste Windows-Version?

Ich nehme an, dass Ende 2002 oder Anfang 2003 das nächste Windows kommen wird. Das zeigt mir die Erfahrung.

So schnell?

Ein führendes Unternehmen in der Entwicklung von Betriebssystemen steht in der Verantwortung, die technologischen Möglichkeiten, die peu à peu hinzukommen, auch relativ schnell dem Kunden anzubieten. Warten wir zu lange, dann kommt der Vorwurf: Euch fällt nichts mehr ein.

Wie läuft der Verkauf der neuen Spielekonsole X-Box an?

Es gab einen richtigen Ansturm auf die Geschäfte. Zahlen kann ich Ihnen nicht nennen.

Warum müssen wir in Deutschland bis zum Februar warten?

Das hat nichts mit der Wertigkeit der Märkte zu tun. Wenn man mit einem Produkt herauskommt, das ein Renner werden soll, muss man auch ausreichende Stückzahlen bringen. Es gibt nichts schlimmeres, als wenn sie eine Marketingkampagne starten und dann gibt es das Produkt aber nicht. So ähnlich ist es ja Sony mit der Playstation 2 ergangen. Aus diesem Fehler hat Microsoft gelernt. Wir können nicht alle Märkte zur gleichen Zeit bedienen.

Microsoft kommt jetzt mit der X-Box, zuvor kam der Pocket-PC 2002, später das Handybetriebssytem Stinger. Prangt bald auf allen Geräten das Microsoft-Logo?

Microsofts Vision ist, Produkte auf den Markt zu bringen, mit denen man zu jeder Zeit, an jedem Ort und mit jedem Gerät die Möglichkeiten des Internet nutzen kann. Wir arbeiten mit daran, dass es eines Tages einen gewissen Standard gibt, wo man jegliches Gerät an einer Plattform anschließen kann. Der Kunde möchte doch alle neuen Produkte nutzen können, ohne dass er ein riesiges Handbuch dafür braucht. Egal ob Handy, Laptop oder digitaler Terminplaner: Alle haben die gleiche Bedienoberfläche. Daran arbeiten wir.

Es gibt da also ein natürliches Monopol zum Wohl des Kunden?

Man darf uns nicht unterstellen, dass wir damit den Markt beherrschen wollen. Sondern wir wollen dem Kunden die heute zum Teil sehr komplizierte Bedienung der Geräte einfacher machen. Und das Internet ist ja keine Erfindung von Microsoft. Daran arbeiten auch andere.

Was haben Sie sich in Deutschland für das kommende Jahr vorgenommen?

Einer unserer Schwerpunkte 2002 liegt im Bereich der Server. Bei Desktop-PCs haben wir einen Marktanteil von 93 Prozent, bei den Servern nur 41 Prozent. Da liegen also noch Möglichkeiten. Außerdem wollen wir stark mit den Software-Entwicklern zusammenarbeiten, die auf unserer Plattform neue Anwendungen entwickeln. Und es liegt mir sehr am Herzen, das Image von Microsoft zu verbessern. Ich weiß, dass wir hier einen enormen Nachholbedarf haben. Egal mit welchem Produkt wir auf den Markt kommen, es wird unterstellt: Da ist irgendwo ein Trick dabei. Das muss sich ändern.

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