Wirtschaft : "Die Qualifizierungsmaßnahmen taugen nichts" - Sigram Schindler im Interview

Herr Schindler[welcher IT-Spezialist würde b]

Der Teles-Chef über den Mangel an IT-Spezialisten, die Trägheit des Hochschulsystems und private Bildungsdienstleister

Sigram Schindler (64) ist Gründer und Vorstandsvorsitzender der Berliner Teles AG. Der Berliner Informatikprofessor ist mit dem Unternehmen Teles in verschiedenen Geschäftsfeldern der Telekommunikation und als Internet-Dienstleister tätig. Über ihre Tochterunternehmen verwaltet Teles 770 000 Internet-Präsenzen von Unternehmen und privaten Nutzern. Das 1983 in Berlin gegründete Unternehmen beschäftigt rund 800 Mitarbeiter und erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz von 330 Millionen Mark. Seit gut zwei Jahren werden Teles-Aktien am Neuen Markt notiert.

Herr Schindler, welcher IT-Spezialist würde bei Ihnen sofort einen Job bekommen?

Der Bedarf ist überall groß. Wir brauchen mindestens 200 bis 300 Leute bei einem Personalbestand von gegenwärtig über 800 Mitarbeitern bei der Teles AG.

Wo ist der Bedarf am größten?

Es ist wirklich das ganze Spektrum. Das reicht vom Entwickler über den Kundenbetreuer, bis zum Vertrieb und Marketing. Es geht uns ganz generell um Dienstleistungn für das Internet. Viele Kunden kennen sich nicht in der Informationstechnologie aus, aber alle wollen ins Internet einsteigen. Der Gewerbetreibende, der ins Netz will, kann nicht in den nächsten Laden gehen und sich das Internet ins Haus holen. Er braucht die Beratung eines IT-Dienstleisters, der seinen Internet-Auftritt umsetzt und betreut.

Wie viele davon fehlen in Deutschland?

Das lässt sich leicht ausrechnen: Etwa eine Million Mittelständler müssen in nächster Zukunft ins Internet einsteigen, wenn sie nicht von der Bildfläche verschwinden wollen. Das heisst, diese Firmen benötigen die Hilfe von Internet-Dienstleistern. Wenn jeder Dienstleister im Schnitt vier Kunden betreut, brauchen wir insgesamt 250 000 Spezialisten. Etwa 10 000 arbeiten schon mit unserer Internet-Tochter Strato AG. Aber insgesamt ist der Fachkräftemangel weitaus dramatischer, als die Politik zugeben will.

Was tun Sie, um die richtigen Leute zu finden?

Wir suchen neue Mitarbeiter auch bei der Konkurrenz, schalten Anzeigen. Wir haben zudem das Glück, dass zum Beispiel gute Leute von Großkonzernen weggehen, weil sie zu einer Wachstumsfirma wollen. Aber das ist natürlich nicht die Lösung des Problems.

Beschäftigen Sie Headhunter?

Ja. Wir kommen nicht an ihnen vorbei. Das ist aber eine schwierige Geschichte: Die Headhunter ziehen los - auch im Ausland - und bieten den Leuten einfach das Doppelte von dem, was sie heute verdienen - unabhängig von ihrer Qualifikation.

Wie hoch ist die Erfolgsquote?

80 Prozent der Leute, die uns die Headhunter anbieten, können wir nicht gebrauchen. Daran sind aber nicht die Headhunter schuld. Die richtigen Leute sind einfach nicht zu bekommen.

Wurden bei Ihnen auch schon Mitarbeiter abgeworben?

Natürlich. Die Konkurrenz klaut auch uns ab und zu mal einen Mitarbeiter. Manche bekommen jeden Tag zehn Angebote. Der Erfolg des Teles-Konzerns wäre nicht möglich gewsen, wenn wir unsere Mitarbeiter nicht über Aktien-Optionen am Unternehmen beteiligt hätten. Ohne eine Beteiligung würden wir auch die Spezialisten aus den großen Häusern nicht heraus bekommen. Wer den sicheren Konzern-Sessel gegen den etwas riskanteren Job bei einem Wachstumsunternehmen tauscht, will am Erfolg teilhaben.

Sie waren lange Professor an der Technischen Universität. Finden Sie dort keinen Nachwuchs?

Ich war sogar 25 Jahre lang Vorsitzender des Diplomprüfungs-Ausschusses. Aber da lernt man, wie lang es dauert, bis sich die Universität auf Entwicklungen in der Wirtschaft einstellen kann. Das dauert Jahre. Bei den Historikern macht das nichts, weil die Weltgeschichte nicht jedes Jahr neu geschrieben werden muss und die Studienzeit deshalb nicht so eine große Rolle spielt. In der Informationstechnik ist das anders. Da sind die Zyklen viel kürzer. In zwei, drei Jahren ändert sich der Markt komplett.

Das heißt, den akuten Mangel an Fachkräften wird die Universität nicht beheben können?

Nein. Nicht heute, nicht morgen und auch nicht übermorgen. Auf die Spontanität, mit der sich die Wirtschaft verändert, kann ein solcher Apparat gar nicht angemessen reagieren. Man kann Ausbildung praxisorientiert organisieren, aber dann brauchen wir viel mehr Training-on-the-Job und berufsbegleitende Weiterbildung auf höchstem Niveau. Viele Informatiker haben sich an der Uni zehn Jahre lang mit ausgesprochen interessanten Problemen ihres Fachgebietes beschäftigt. Nur diese Probleme gibt es außerhalb der Universität gar nicht.

Viele schwärmen doch von den hervorragenden Bedingungen für High-Tech-Unternehmen am Hochschulstandort Berlin.

Es gibt in Berlin in der Tat einen sehr fruchtbaren Humus für Unternehmen unserer Branche. Ich selbst habe Teles ja auf diesem Humus großgezogen. Oder nehmen sie Pixelpark oder unseren Wettbewerber AVM. Die wären alle nichts geworden, wenn Berlin nicht so gute Standortbedingungen hätte. Aber das löst noch nicht unser gesamtwirtschaftliches Problem. An den Humus kommen eben nicht alle ran. Gerade die Mittelständler haben es da schwer.

Was muss sich ändern?

Wir müssen die Ausbildungskonzepte ändern. Wir brauchen nicht 200 bis 300 Absolventen pro Jahr, sondern 100 000. Und wir müssen die Aussagekraft von Diplomen verbessern, damit die Unternehmen sehen können, wie gut und praktisch geschult die Absolventen wirklich sind. In den meisten Bewerbungen steht: Ich kann alles. In der Praxis müssen wir dann leider das Gegenteil feststellen.

Was müssen die Mitarbeiter können, die Sie suchen?

Es müsen nicht alles hochspezialisierte Experten sein. Das kann ein Fernsehtechniker sein, der sich weitergebildet hat, ein Jurist, der irgendwie ins Umfeld der Internetwirtschaft gelangt ist oder ein Biologiestudent, der sein Studium abgebrochen hat. Die Abbrecher sind häufig die erfolgreicheren Unternehmer, die ihre Professoren zu blutleer fanden. Schauen Sie sich mal die Entstehungsgschichte der meisten jungen Erfolgsfirmen an.

Und was müsste ein Internet-Spezialist können, der den skizzierten Mittelständler ins Internet führt?

Die Trendwende im Internet besteht in der stärkeren Regionalisierung des Angebotes. Die Netz-Ökonomie ist immer nur unter dem Gesichtspunkt der Globalisierung betrachtet worden. Das ist völliger Quatsch. Der Pizzabäcker um die Ecke wird seine Pizza nicht über das Internet in Kalifornien verkaufen. Die Verbesserung des Dienstleistungsangebotes in der Region ist das Entscheidende. Die Internet-Dienstleister müssen also die entsprechende regionale Bindung haben.

und können deshalb auch nicht aus Indien eingeflogen werden.

Nein. In Indien sitzen gute Techniker, die auch dort beschäftigt bleiben können. Die Lufthansa und andere Großunternehmen lassen in Indien programmieren. Aber sie beschäftigen dort keine Leute, die in Kontakt mit den Kunden treten. Die guten Leute, die wir hier brauchen, um den Mittelstand ins Internet zu bringen, die werden wir im Ausland nicht finden. Ich habe übrigens alle meine guten indischen Mitarbeiter wieder verloren und versuche alles, um sie zurückzuholen.

Wohin sind sie gegangen?

Nach Amerika.

Und warum lassen sie sich nicht zurückholen?

Sie verdienen hier weniger, die Lebenshaltungskosten sind ihnen zu hoch, und außerdem fühlen sie sich bei uns als Ausländer. Die Amerikaner sind viel besser auf die ethnische Vielfalt eingestellt. In Deutschland werden Ausländer leider nicht gern gesehen.

Eine deutsche Green Card für ausländische IT-Fachkräfte würde also nichts bringen?

Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber unser großes Problem wird damit nicht gelöst. Ausländern fehlt das nötige "Look-and-Feel", die regionale Kompetenz, die sie brauchen, wenn sie einen Mittelständler in Franken, im Münsterland oder sonstwo ins Internet bringen wollen.

Die Bundesanstalt für Arbeit gibt jedes Jahr rund ein Milliarde für Weiterbildung und Umschulung aus. Haben Sie schon mal einen zum IT-Spezialisten umgeschulten Arbeitslosen eingestellt?

Nein. Da wird viel am Bedarf vorbei umgeschult. Die Qualifizierungsmaßnahmen, die da augenblicklich laufen, taugen nichts. Sicher, vielen hilft es, den Mut nicht zu verlieren, und der ein oder andere wird sicher sinnvoll beschäftigt. Aber um unsere Probleme zu lösen, muss die Wirtschaft selbst die Initiative ergreifen. Die Teles AG wird selbst bald ein entsprechendes Projekt in Berlin vorstellen.

Eine privat finanzierte Aus- und Weiterbildungsinitiative?

Ja. Wir brauchen mehr Praxisbezug und mehr Qualität in der Ausbildung, Wettbewerb der Regionen und der Institutionen. Dann würde das vorhandene Geld effizienter eingesetzt und nicht in irgendwelche überflüssigen Programme gesteckt.

Tragen die Unternehmen mit dieser Eigeninitiative Verantwortung für ein Problem, das sie selbst mitverursacht haben: In den 90er Jahren aus der Beschäftigung von Ingeniueren und Informatikern auszusteigen.

Das ist ein völliges Missverständnis. Die Unternehmen sind dazu da, Wohlstand zu erwirtschaften und das nachzufragen, was sie für ihren langfristigen Bedarf brauchen. Wenn sie keine Ingenieure brauchen, müssen sie auch keine einstellen. Das Dilemma, vor dem wir heute stehen, muss von den Bildungseinrichtungen gelöst werden. Nur hat es diese effizienten Bildungsdienstleister bisher nicht gegeben. Das wird sich mit der Gründung privater Akademien ändern.

Wer finanziert die?

Die Unternehmen und die, die diese Akademien besuchen wollen. Wem die Mittel fehlen, für den kann staatliche Hilfe einspringen.

Die Universitäten versagen, ausländische Experten helfen wenig und ein System privater Aus- und Weiterbildungsakademien muss erst installiert werden. Verliert Deutschland unterdessen den Anschluss an die internationale Spitze?

Das ist ein Problem. Der Abstand zur amerikanischen Wirtschaft, der schon heute bei gut drei Jahren liegt, wird sich vergrößern. Die Green Card wird nur kurzfristig Erleichterung bringen. Wir müssen unsere hausgemachten Probleme dann schon selber lösen. Wir müssen aufpassen, dass im Internet keine Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht. Den Großen gelingt der Auftritt, die Kleinen bleiben außen vor.

Muss denn jeder Pizzabäcker ins Internet?

Ja. Wenn er es nicht tut, ist er in fünf Jahren verschwunden.Mit Sigram Schindler sprachen Corinna Visser und Henrik Mortsiefer.

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