Wirtschaft : „Die Qualität im Handwerk wird sinken“

Handwerkspräsident Dieter Philipp über die Abschaffung des Meisterbriefs, drohende Ausbildungslücken und die Konkurrenz durch Ich-AGs

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Herr Philipp, was haben Sie eigentlich gegen mehr Unternehmer in Deutschland?

Nichts. Wir Handwerker sind schließlich Unternehmer. Warum?

Weil Sie die Handwerksordnung vor allem deshalb verteidigen, damit keine neuen Wettbewerber auf den Markt kommen können.

Im knallharten Wettbewerb stehen unsere Betriebe täglich, den verhindert doch nicht die Handwerksordnung. Aber wir brauchen endlich wieder echtes Wachstum, dann ergreifen neue Unternehmen selbstverständlich ihre Chance. Heute haben schon viele der bestehenden Unternehmen keine auskömmliche Existenzgrundlage.

Das heißt, dass Sie das magere Wirtschaftswachstum, das es zurzeit gibt, für die bestehenden Unternehmen reservieren wollen?

Wie es aussieht, wenn man nur den Mangel umverteilt, das kennen wir aus vielen Beispielen in der Geschichte.

Wir würden es eher Wettbewerb als Sozialismus nennen, wenn neue Unternehmen in den Markt kommen können und dabei möglicherweise auch eingesessene Betriebe verdrängen.

Der Binnenmarkt schrumpft im vierten Jahr in Folge. Wir erwarten für dieses Jahr einen weiteren Umsatzrückgang im Handwerk von etwa fünf Prozent. Das heißt, dass noch einmal 250000 bis 300000 Arbeitsplätze verloren gehen. Wenn die Politik vor diesem Hintergrund Existenzgründungen mit Geld aus den Zwangsbeiträgen bestehender Unternehmen und ihrer Mitarbeiter subventioniert, dann ist das unlauterer Wettbewerb.

Was meinen Sie damit?

Die Bundesregierung hat die HartzIdee von der Ich-AG verändert, das sind jetzt hoch subventionierte selbstständige Alleinunternehmer, denen nun handwerkliche Beschäftigungsfelder eröffnet werden sollen. In einem Markt, der tief in der Rezession steckt! Bei jedem Großunternehmen würde die EU-Kommission gegen diese Form der staatlichen Intervention vorgehen.

Warum klagen Sie nicht dagegen?

Weil wir als Verband kein Rechtsinstitut wie ein Unternehmen sind, das klagen kann. Wir sind ein Zusammenschluss vieler kleiner Unternehmen – und müssen zum wiederholten Mal feststellen, dass die Politik sich in vergleichbaren Situationen, wenn große Unternehmen betroffen sind, anders verhält.

Ihr Wirtschaftszweig schrumpft im Augenblick stärker als fast alle anderen Branchen in Deutschland. Warum steckt das Handwerk eigentlich in einer so tiefen Krise?

Die 90er Jahre waren eine Boomzeit. In diesen Jahren ging es den Verbrauchern sehr gut, sie haben immer mehr handwerksnahe Dienstleistungen nachgefragt. Jetzt spart der Verbraucher da zuerst.

Oder er lässt einen Schwarzarbeiter kommen.

Natürlich ist die Schattenwirtschaft ein weiterer Konkurrent, der uns Marktpotenzial wegnimmt. Aber wo liegen die Ursachen?

Wo?

Die Ursachen liegen darin, dass die Politik den Faktor Arbeit mit immer größeren Lasten versehen hat. Und die Lohnzusatzkosten steigen weiter. Obwohl das inzwischen alle einsehen, ändert sich nichts, oder es ändert sich zu langsam. Das ist das Problem.

Das Problem ist, dass immer weniger Menschen einsehen, dass sie einen Malermeister beschäftigen sollen, wenn sie eigentlich nur einen Anstreicher suchen.

Jeder darf eine Rauhfaser kleben und eine Wand streichen und Nachbarschaftshilfe beanspruchen.

Aber wenn ich eine Strukturtapete will?

Bei einer solchen Investition sind Sie gut beraten, einen Meisterbetrieb zu beauftragen. Dafür brauchen sie Fachwissen, wenn es richtig gemacht werden und lange halten soll.

Aber Sie hindern junge Menschen daran, sich ohne die von Ihnen für richtig befundene Ausbildung auf dem Markt zu bewähren.

Um das mal klarzustellen. Wir hindern niemanden daran, sich selbstständig zu machen. Die Handwerksordnung ist kein Wettbewerbsrahmen. Die Handwerksordnung ist ein Bildungs- und Ausbildungsrahmen für unsere Jugendlichen und Gesellen.

Dass in Berlin kein türkischer Metzger den Meister machen kann, gehört auch dazu?

Jeder Geselle kann die Meisterprüfung ablegen, wenn er glaubt, die Qualifikation dafür zu haben. Hier wollen wir auch die letzten bestehenden Hürden beseitigen, unser Konzept für eine moderne Handwerksordnung ist da ganz offen.

Aber wenn in der Prüfung von Muslimen standardmäßig verlangt wird, dass ein Schwein geschlachtet und zerlegt wird, dann ist sie ganz eng und ganz und gar unliberal.

An solchen Fällen arbeiten wir doch. Wir haben jetzt schon genügend Möglichkeiten, Spezialberufe zuzulassen. Und wir schlagen doch vor, dass alle Handwerksberufe, die in Europa zugelassen sind, auch in Deutschland zugelassen werden. Und zwar ohne Meisterprüfung. Und wenn das religiöse Gebräuche sind, dann werden sie auch als Tätigkeit zugelassen. Das sind doch keine Grundsatzfragen.

Diese Probleme gibt es doch hundertfach: Landschaftsbauer streiten mit Straßenbauern, wer wie viele Straßen und Wege bauen darf, Bäckermeister mit Fladenbrotherstellern, Maler streiten mit Bautenschützern…

Dass es ungenügende Abgrenzungen gibt, bestreite ich gar nicht. Aber die macht doch der Gesetzgeber, das sind wir doch nicht.

Dann müssten Sie doch froh sein, dass Herr Clement da endlich handeln will.

Herr Clement will nicht die Abgrenzungen verbessern, er will bewährte Strukturen zerstören – etwa die Ausbildungsordnung. Wir wollen die Gewerbefreiheit im europäischen Rahmen. Wir wollen ein Handwerksrecht, das eine dynamische Entwicklung auf den Märkten zulässt. Dafür haben wir Vorschläge gemacht. Wir hoffen, dass der Gesetzgeber uns dabei hilft, diese Ziele zu erreichen.

Welche Rolle spielt das Argument, dass Leistungen sicherer und besser sind, die man bei einem Meisterbetrieb einkauft?

Wenn es um die Sicherheit der Verbraucher geht, soll alles so bleiben wie bisher. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Das gilt auch für Umweltschutz, Gesundheit, Ernährung. Der Meisterbetrieb setzt hier hohe Standards, das hat er unter Beweis gestellt. Da müssen wir uns schon sehr genau fragen, ob wir die aufgeben wollen.

Braucht man dafür eine Handwerksordnung, oder reichen dafür die Gesundheitsämter?

Die Argumentation der Regierung konterkariert sich hier doch selbst. Erst die Handwerksordnung platt machen als Beitrag zur Entbürokratisierung. Und dann neue Qualitätssiegel, Zertifizierungen und sogar neue Ämter schaffen? Das ist doch lächerlich! Im Handwerk hat sich jeder, der einen Beruf ausübt, vorher qualifiziert. Wir haben ein tolles System, das anderen Ländern überlegen ist.

Deshalb wird es ja überall im Ausland kopiert.

Ihr Zynismus ist absolut fehl am Platz. Glauben Sie mir: Wir werden um die Handwerksordnung beneidet, die EU-Kommission hat sie zum Best-Practice-Beispiel erklärt. Dass andere Länder das nicht einführen, liegt an den fehlenden Strukturen. Und es zeigt, wie zerbrechlich diese Strukturen sind. Wenn man daran die Axt legt, hat man schnell Dinge unwiderruflich zerstört.

Zum Beispiel?

Vor allem die Ausbildungsleistung. Das Handwerk ist der größte Ausbilder in Deutschland. Jeder zehnte Mitarbeiter ist ein Lehrling. Damit ist unsere Ausbildung ein Standortvorteil für Deutschland. Kippt aber die Spitzenqualifikation Meisterbrief, dann darf man später nicht klagen, wenn es immer weniger gut ausgebildete Gesellen gibt, dafür aber Existenzgründer, die immer schneller scheitern. Wer eine nachhaltige Mittelstandspolitik will, der weiß, dass die Ausbildungsleistung des Handwerks nicht hoch genug geschätzt werden kann.

Warum sollte ein Betrieb nicht mehr ausbilden, wenn der Meisterzwang fällt?

Reden Sie doch bitte nicht immer von Meisterzwang. Den gibt es nicht. Niemand wird gezwungen, Meister zu werden. Die jungen Menschen werden weniger lernen, wenn sie nicht mehr in Meisterbetrieben lernen.

Die Abbrecherquote in Ausbildungsbetrieben liegt bei zwanzig Prozent. Vielleicht wollen ja nicht alle so viel lernen, wie Sie denken?

An den Universitäten brechen bis zu 50 Prozent ab! Die Fluktuation in kleinen Betrieben ist natürlich: Oft finden Lehrlinge nicht auf Anhieb den richtigen Beruf. Aber es kann doch nicht unser Ziel sein, den Jugendlichen nur noch ein paar Handgriffe beizubringen. Das mag den Unbegabten oder den Faulen genügen, aber doch nicht denen, die wirklich einen Beruf erlernen wollen.

Die können das doch weiterhin.

Eben nicht, die Ausbildung wird sich nachhaltig verändern. Die Qualität der handwerklichen Leistungen wird in der ganzen Breite sinken, und das gilt auch für die Ausbildung.

Werden Sie in diesem Jahr allen Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen, einen anbieten können?

Wir arbeiten intensiv daran. Und wir sind überall im Land auch erfolgreich gewesen, viele Betriebe stellen trotz der schwierigen Situation zusätzliche Lehrstellen bereit. Wir können aber jetzt noch nicht sagen, ob das letztlich ausreicht. Die Diskussion um die unsinnige Ausbildungsplatzabgabe ist noch nicht am Ende. Und wenn der Wirtschaftsminister die Handwerksordnung kippt, dann wird der Beitrag des Handwerks zu Ausbildung und Qualifizierung schrumpfen.

Was ändert sich denn?

Die Betriebe werden Lehrlinge verstärkt nur noch für den eigenen Bedarf ausbilden.

Und was macht dem Malermeister Dieter Philipp noch Freude an seinem Beruf?

Wenn es eine Gruppe gibt, die tatsächlich begeistert ist von dem, was sie tut, dann sind es wir Handwerker. Und wenn wir den Stolz unserer Gesellen sehen, die den Meister gemacht haben, dann wissen wir, dass wir diese Begeisterung immer noch weitergeben. Und dass wir damit etwas für die Jugendlichen, für das Land und natürlich auch für uns tun. Das macht Freude.

Das Interview führten Carsten Brönstrup und Ursula Weidenfeld.

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