Die re:publica in Berlin startet : Das Festival der digitalen Avantgarde

Die Macher der re:publica halten sich zum zehnten Geburtstag den Spiegel vor. Was geschah in der vergangenen Dekade, was steht bevor?

Michel Penke
Am Montag startet die Republica. Foto: Britta Pedersen/dpa
Am Montag startet die Republica. Foto: Britta Pedersen/dpaFoto: picture alliance / dpa

Vor zehn Jahren startete ein Kurznachrichtendienst namens Twitter. Facebook war gerade erst zwei Jahre alt. Vier Jahre später ließen die sozialen Medien den Nahen Osten brodeln, 2013 wandte sich ein unbekannter Mitarbeiter der NSA an die Öffentlichkeit. Das alles ist in zehn Jahren Internet-Geschichte passiert. Im Netz sind das gefühlte Ewigkeiten.

Am Montag feiert die re:publica in Berlin ihren zehnten Geburtstag und blickt auf eine bewegte Dekade zurück. Die Glasfaserkabel des Internets sind in alle Bereiche der Gesellschaft vorgedrungen – und aus dem kleinen Bloggertreffen ist ein Festival der digitalen Avantgarde geworden. Ein jährliches Event, das von der Szene geliebt wird. Für das streitbare Netz eine schon fast sündhafte Einigkeit. Dabei steht schon jetzt fest. Die zehnte re:publica wird anders: größer, voller – und auch ein wenig nischiger.

Sascha Lobo ist in diesem Jahr wieder dabei

Zur Feier des Tages beendet selbst der Klassensprecher der deutschen Blogosphäre, Sascha Lobo, seinen Liebesentzug für die Community und will sich als Speaker wieder an die Netz-Nation wenden. Nach der viel beachteten „Rede zu Lage der Nation“, hatte der Netz-Erklärer 2015 pausiert und war nicht erschienen – zu schlecht stand es in seinen Augen um das Netz.

Ob sich das 2016 geändert hat, ist mehr als fraglich. Die großen Kämpfe um Vorratsdatenspeicherung, NSA und Netzneutralität sind keineswegs gewonnen. Das digitale #Neuland ist heiß umkämpft, das Web politischer denn je. Doch die Netzgemeinde hat sich daran gewöhnt. Überwachung gehört zum Alltag, anti-demokratische Oligopole von Amazon, Facebook und Google auch. Die frühen Netzaktivisten sind älter geworden, die junge Generation entwickelt sich anders als erwartet. Für sie war das Netz schon immer da. Seine Infrastruktur, über die die erste Blogger-Generation noch hitzig debattierte, ist selbstverständlich geworden. Sie wird diskutiert, aber nicht mehr infrage gestellt.

Datenschutz finden die Jungen weniger wichtig

Die jungen Digitalen bespielen Facebook und Youtube, sie problematisieren sie seltener. Datenschutz und das Monopol der großen Player finden sie weniger wichtig. Dafür steigen andere Themen im SEO-Ranking: Sexismus im Netz, Schleichwerbung auf YouTube, Terrorismus, Refugees und Hass-Kommentare.

Diesen Zwiespalt zwischen den Bloggern der ersten Tage und denen, die im Netz aufgewachsen sind, greift die Konferenz selber auf: „re:publica – TEN is NET“ ist ihr sich spiegelnder Titel. Rückblick und Zukunft. Die alte Blogosphäre und die neuen Netzwerker. Dieses Wortspiel soll sich durch die Veranstaltungen ziehen, sagt Geschäftsführer Andreas Gebhard, „Spiegel werden ein zentrales Designelement – auch physisch“. Das anfängliche Blogger-Treffen, das noch stark um sich selbst kreiste, hat sich auch inhaltlich stark gewandelt. Das Digitale durchdringt alle Lebensbereiche. Die Internetkonferenz ist zu einer Gesellschaftskonferenz geworden, sagt Johnny Haeusler.

Diesen Wandel wollen die Macher der re:publica auffangen. 12 000 Quadratmeter Gelände kommen 2016 hinzu und geben neuen Themen Raum. Die Zahl der eingegangenen Themenvorschläge kratzt erstmals an der Tausender-Marke. Die stattfindenden Sessions und Podiumsdiskussionen sind deswegen breit gefächert. Traditionelle Netzpolitik findet ebenso statt wie die Enthüllungen der Panama Papers. Whistleblower Edward Snowden soll via Livestream aus dem Leben in der Infosphäre berichten. Daneben gibt es Sessions zu NSA, der Tech-Szene in China und dem GIF als Wahlkampfinstrument. Die Nische ist ausdrücklich erwünscht.

Es geht um Identitätstourismus und 3-D-Bilder

Im neuen „Labore:tory“ sollen unter anderem Events zu Musik, Mode und Immersive Arts stattfinden. 3-D-Bilder in Museen, Virtual Reality, die uns bald Identitätstourismus erlauben und uns via Bits und Bytes an ferne Orte in fremde Körper reisen lassen soll. Zudem erweitert die re:publica die Kooperation mit Subkonferenzen wie der FinTech, die digitale Lösungen von Finanzdienstleistungen diskutieren will. Insgesamt sollen so 14 Partnerevents neben der Re:publica stattfinden.

Das wirkt sich auch auf die Besucherzahlen aus. Von den anfänglichen 700 Gästen im Jahr 2007 wuchs die re:publica 2015 auf das Zehnfache. „2016 werden auf jeden Fall mehr als 7000 da sein“, sagt Andreas Gebhard. Wichtiger als die schiere Zahl der Besucher, sei jedoch der Blick fürs Detail.

Denn die re:publica lebt nicht von der Nischigkeit der Themen und der Exklusivität ihrer Sprecher allein. Mit das Wichtigste ist die Atmosphäre. „Du bist die re:publica“, schreiben die Veranstalter auf ihrer Webseite, „BesucherInnen sind Speaker. Gäste sind Akteure“. Das Verschwimmen zwischen Besuchern und Rednern, zwischen Sendern und Empfängern, dass die demokratische Kultur des Internets so stark prägt – es muss der re:publica erhalten bleiben, will sie nicht wie eine der vielen anderen Messen werden.

„Wir wollen eine Veranstaltung auf die Beine stellen, auf die wir selbst gerne gehen würden“, sagt Andres Gebhard. Sprecher, Gäste und Unternehmen sollen sich auf Augenhöhe begegnen. Nur so könne das Gefühl früherer Veranstaltungen erhalten bleiben. Das gemütliche Beisammensein der frühen Bloggertreffen hat mit der mittlerweile größten europäischen Internet-Konferenz jedoch wenig gemein. „Heute kann man schon nicht mehr sagen, ,Lass uns mal auf der re:publica treffen’“, sagt Mitgründerin Tanja Haeusler. Bei 7000 Besuchern läuft man da wahrscheinlich aneinander vorbei.

Es gibt bereits einen Jugendableger: die Tincon

Damit die re:publica während des Erwachsenwerdens nicht den Bezug zu den Jüngsten, den eigentlichen Digital Natives, verliert, startet knapp einen Monat nach der großen Konferenz ein Jugendableger. Die Tincon will als Festival für digitale Jugendkultur Nerds, YouTube-Stars, Snapchatter, Programmierer, Künstler und Jugendliche im Haus der Berliner Festspiele versammeln. Erwachsene Besucher sind nicht erwünscht.

Wie ernst es den Gründern Tanja und Johnny Haeusler mit der jungen Zielgruppe ist, wird an der Themenwahl deutlich: Neben Spaß und Experimenten soll die Tincon den jungen Nachwuchs ausdrücklich zum Netzwerken mit Unternehmen bringen und digitale Berufsmöglichkeiten vorstellen. „Berufe, die kein Schwein kennt“ heißt so ein Workshop dann ganz nonchalant.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben