Die Renaissance der Lebensversicherung : Totgesagte leben länger

Trotz sinkender Renditen haben die Deutschen im vergangenen Jahr fast 94 Milliarden Euro in Lebensversicherungen gesteckt. Die Versicherer suchen nach neuen Anlagen.

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Fürs Alter vorsorgen? Viele Deutsche entscheiden sich für eine Lebensversicherung.
Fürs Alter vorsorgen? Viele Deutsche entscheiden sich für eine Lebensversicherung.Foto: Patrick Pleul/dpa

Wenn Versicherer zu Scherzen aufgelegt sind, können die Zeiten nicht allzu schlecht sein. Die Themen Schaden und Unfall seien ja wirklich hochaktuell, witzelte der Präsident des Versicherungsverbands GDV, Alexander Erdland, am Freitag. Zum einen sei es ja Freitag, der 13., und dann sei dieser Freitag auch noch der Tag des Rauchmelders.
Rauchmelder? „Wo Rauch ist, da ist auch Feuer“, weiß ein deutsches Sprichwort. Beim GDV handelt es sich aber eher um einen Fehlalarm. Denn die Branchenzahlen, die Erdland in Berlin vorstellte, lassen weder auf großes Unglück schließen noch auf Großbrände in der Assekuranz. Im Gegenteil: Obwohl die Renditen sinken, stecken die Deutschen mehr Geld in Lebensversicherungen. Die Beitragseinnahmen der Lebensversicherer, Pensionskassen und -fonds sind im vergangenen Jahr um 3,1 Prozent auf knapp 94 Milliarden Euro gestiegen.
Das mag zum einen daran liegen, dass sich einige Kunden noch den alten Garantiezins von 1,75 Prozent sichern wollten, räumte GDV-Präsidiumsmitglied Markus Faulhaber, im Hauptberuf Chef der Allianz Leben, ein. Seit Anfang dieses Jahres bekommen Kunden nämlich nur noch 1,25 Prozent. Vor allem aber ist das Geschäft mit Einmalzahlungen gewachsen. Das Geld kommt vor allem von älteren Kunden, die statt kontinuierlich auf ihre Lebensversicherung zu sparen, jedes Jahr unterschiedlich hohe Summen einzahlen. Für die Versicherer sind diese Kunden weniger berechenbar. „Das ist für uns kein Geschäft zweiter Klasse“, betonte Faulhaber aber ausdrücklich.

Große Schäden sind ausgeblieben

192,3 Milliarden Euro nahmen die Versicherer insgesamt im vergangenen Jahr ein. Dabei haben sich die Sparten recht unterschiedlich entwickelt. Die Schaden- und Unfallversicherer konnten sich nach dem Flut-, Sturm- und Hageljahr 2013 über ein vergleichsweise ruhiges Jahr und Beitragseinnahmen von 62,5 Milliarden Euro (plus 3,2 Prozent) freuen. Dagegen stiegen in der privaten Krankenversicherung zwar die Zusatzversicherungen, das wichtigere Geschäft mit der Vollversicherung bröckelte aber. Die Zahl der Verträge sank hier um 0,6 Prozent auf 8,63 Millionen.

"Die Situation ist nicht einfacher geworden"

Zahlenmäßig wichtigster Bereich ist aber die Lebensversicherungssparte. Sie steht fast für die Hälfte aller Einnahmen. „Es gibt weiter Vertrauen in die Lebens- und private Rentenversicherung“, sagte Verbandspräsident Erdland. „Aber richtig ist auch: Die Situation ist nicht einfacher geworden.“ Mit dem Anleihekaufprogramm habe die Europäische Zentralbank (EZB) den Zinsrückgang verschärft und den Druck auf die Bürger, noch mehr für das Alter zu sparen, erhöht. „Wenn das durchschnittliche Zinsniveau um einen Prozentpunkt sinkt, muss ein Bürger 15 bis 20 Prozent mehr aufwenden, um seine Altersvorsorge stabil zu halten“, warnte Erdland.
Weil neue festverzinsliche Anleihen keine Rendite mehr bringen, suchen die Versicherer nach neuen Anlagefeldern. Sie möchten das Geld ihrer Kunden in Stromnetze, Windparks, digitale Netze, Autobahnen oder Schulen investieren. Mit 1,4 Billionen Euro sind die Versicherer die wichtigsten Investoren Deutschlands. Doch bislang stecken weniger als 0,1 Prozent ihrer Anlagen in Infrastrukturprojekten. Ende April will die von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) eingesetzte Expertenkommission unter Leitung von Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, ihren Bericht vorlegen, wie man das private Kapital besser mobilisieren kann. Vorbehalte, die Beteiligung der Versicherer würde die Kosten der Infrastruktur in die Höhe treiben, wies Erdland zurück. Private Investoren würden besondere Aufmerksamkeit auf das Budget, die Durchführung und den Zeitplan legen, sagte der Verbandschef – mit Blick auf öffentliche Skandalprojekte wie die Hamburger Elbphilharmonie oder den Berliner BER.

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