Wirtschaft : Die Republik wird kapitalistischer und angelsächsischer (Leitartikel)

Rainer Hank

Die Berliner Republik wird kapitalistischer als ihre Bonner Vorgängerin. Und die ökonomischen Regeln dafür werden angelsächsicher. Nachdem der deutsche Mannesmann-Konzern am Wochenende die Offerte des britisch-amerikanischen Mobilfunkanbieters Vodafone zu einer freundlichen Paarung zurückgewiesen hat, ist nun die Szene frei für eine neues und für deutsche Verhältnisse in Dimension und Struktur vollkommen unübliches Übernahmedrama: Vodafone schlägt den Anteilseignern von Mannesmann vor, ihre Aktien mit einem deutlichen Aufschlag gegen den Willen der Unternehmensführung in Vodafone-Anteile zu tauschen. Der Ausgang dieser Offerte, die man unfreundlich zu nennen pflegt, ist offen. Doch selbst wenn der Versuch der Angelsachsen scheitern sollte, wird die deutsche Wirtschaftswelt danach anders aussehen als heute - eben angelsächsischer. Das Reformtempo, das die Märkte derzeit an den Tag legen, übertrifft bei weitem jenes der Politik.

Die Konstellation des Dramas hätte eine Fallstudie an einer Business-Schule nicht besser vorgeben können. Anders als das letzte grosse Übernahmespiel hierzulande zwischen Krupp und Thyssen geht es diesmal nicht um Stahl, sondern um eine schicke Zukunftsbranche. Der Mobilfunk zählt zu den besonders rasch wachsenden Industriefeldern; ihm eignen alle Eigenschaften einer technischen Revolution: Noch Anfang der neunziger Jahre wurden Menschen mit Handy als eitle Wichtigtuer bespöttelt, heute ist die mobile Nummer auf der Visitenkarte für viele schon selbstverständlich. Mehr noch: In wenigen Jahren wird der kleine Handschmeichler nicht nur Telefon sein, sondern so etwas wie die persönliche tragbare Kommunikationszentrale mit Internetzugang für Frau und Herrn Jedermensch.

Technologische Erwartung in die Sprache der Unternehmen übersetzt heisst: Wer schnell und in großem Stil mitspielt, wird bald gigantische Geschäfte machen können. Das ist - nebenbei - die Erklärung für die hohen Preise, die in der Branche gezahlt werden: Mannesmann selbst war vor ein paar Wochen bereit, für den britischen Wettbewerber Orange über 60 Milliarden Mark zu zahlen. Vodafone würde sich jetzt Mannesmann über 200 Milliarden Mark kosten lassen - und dies ist nicht das letzte Wort.

Die Entscheidung liegt bei den Aktionären. Sie werden zwischen den Argumenten des ausländischen Verführers und des heimischen Abwieglers wägen müssen. Beide Seiten geben Nachdenkliches zu Protokoll: Vodafone wirbt damit, dass beide Unternehmen jetzt schon auf wichtigen europäischen Märkten zusammen arbeiten und ein Zusammenrücken der Briten mit den Deutschen geographisch sinnvoll - sprich: für die Aktionäre ertragreich - wäre. Mannesmann hält wenig von der ausschließlich auf Mobilfunk konzentrierten Strategie Vodafones und trumpft mit einer Mischstrategie aus Festnetz, Mobilfunk und Internentangeboten. Im Vergleich zu diesem Potenzial sei das angelsächsische Angebot geradezu lachhaft, sagen die Rheinländer.

Der Aktionär ist frei. Das Spiel folgt den Regeln des Shareholder-Value-Kapitalismus in seiner positiven Reinform.Die kriegerische Sprache, die solche Übernahmen begleitet, ist dabei ziemlich irreführend: Unfreundlich mag ein solches Angebot aus der Sicht des Managements erscheinen. Die Aktionäre brauchen in der Offerte nichts Unfreundliches erblicken. Auch die Befürchtung, die Arbeitnehmer würden wieder einmal Opfer unerwünschter Globalisierungsfolgen, ist - zumindest in diesem Fall - sehr weit hergeholt: Das Wachstum im Mobilfunk verspricht mehr und nicht weniger Arbeitsplätze, und eine Aufteilung von Mannesmann, die die alten Industrieteile abspaltet, ist sinnvoll. Das wurde von Mannesmann bereits vor Beginn des Übernahmenspiels beschlossen.

Das deutsche Recht macht solche Übernahmen für ausländische Interessenten im übrigen ausserordentlich schwer. Klagen, nationale Regulierung sei der globalen Dynamik hilflos ausgesetzt, ziehen somit nicht. Jene Politiker, die jetzt wieder Unheil für den Standort wittern, sollten rasch Ruhe geben. Einzig ihr Eingriff in den Prozess der Entscheidung birgt Gefahr.

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