Wirtschaft : Die Revolution auf den Aktienmärkten

GREG IP

Unternehmen, die neue Aktien an der New Yorker Börse einführen, starten gewöhnlicherweise mit einer Feier. Glückwünsche werden ausgesprochen und kleine Präsente verteilt. Die Stimmung anlässlich der Börseneinführung der Investment Technology Group (ITG) im April war hingegen gedämpft. "Nicht viele freie Börsenmakler sind gekommen und haben uns die Hand geschüttelt", erinnert sich David Cushing, der Chef der ITG-Research-Abteilung. Die meisten lehnten es auch ab, Mützen mit dem Slogan des Unternehmens aufzusetzen. Das liegt an dem Slogan "Die Zukunft des Handels". Für die Händler ist ITG einer der größten Konkurrenten. Denn das Unternehmen wickelt über ein System namens Posit für institutionelle Kunden den Aktienhandel elektronisch ab - die Präsenz im Börsensaal spielt dabei keine Rolle mehr. Vor kurzem wurden über Posit 30 Mill. Aktien an einem Tag gehandelt - das entspricht dem Volumen von drei US-Regionalbörsen.Wenn Posit einen großen Aktienhandel abwickelt, können die freien Händler einem institutionellen Kunden nur schwer erklären, warum sie daran nicht beteiligt waren, sagt Cushing. ITG solle seinen Slogan doch in "Die Zukunft des Nasdaq-Handels" ändern, schlug der Präsident der New Yorker Börse, Richard Grasso, bei einem Frühstück mit ITG-Führungskräften vor, erinnerte sich ein anderer Frühstücksgast. Doch Börsenpräsident Grasso macht nicht nur Witze. Der Mann hat bereits einen radikalen Plan im Auge, um auf die Konkurrenz zu reagieren. Er will die New Yorker Börse in ein gewinnorientiertes Unternehmen umwandeln und an die Börse bringen. Grasso hofft, dass die Börse bereits von Ende November an eigene Aktien verkaufen wird.Dabei wird die Wall Street zunehmend belagert: Eine steigende Anzahl alternativer Aktienhandelssysteme setzt die New Yorker Börse und den technologielastigen Nasdaq-Aktienmarkt unter Druck. Die vor dem Hintergrund von Deregulierung und Internet entstandenen Handelssysteme haben beispiellose Umwälzungen auf dem Finanzmarktplatz ausgelöst. Die herkömmlichen Märkte sind groß, bürokratisch und stark reguliert. Zudem läuft in der Regel jeder Aktientausch über einen Mittler ab. Dagegen sind die neuen privaten Systeme klein, innovationsstark, kaum reguliert und haben keine Händler zwischengeschaltet.Durch diese alternativen Systeme haben sich auch die Kosten des Aktienhandels mittlerweile deutlich verringert. Außerdem sind ihnen Innovationen wie längere Handelsstunden und blitzschneller Internethandel zu verdanken. Die Verantwortlichen für die traditionellen Märkte wollen nun, um ihren alten Arbeitsbereich zu verteidigen, bislang unvorstellbare Maßnahmen ergreifen. So wird von Börsengängen, von Fusionen mit elektronischen Systemen und der Übernahme von Geschäftsfeldern anderer Unternehmen geredet. Es ist gut möglich, dass der herkömmliche Finanzmarkt, der 25 Jahre lang nahezu statisch war, bald nicht mehr wiederzuerkennen ist. "Ich glaube nicht, dass es in der Geschichte der internationalen Kapitalmärkte jemals zuvor eine Periode wie diese gab", staunt Grasso. "Jeder ist im Geschäftsbereich des anderen tätig - egal, ob man Aktien oder Anzüge verkauft, das Internet verändert die Welt."Erst zwei Wochen ist es her, dass sich drei große Online-Broker - Charles Schwab, Fidelity Investments und DLJdirect - ankündigten, sie würden sich mit dem großen Brokerhaus Spear, Leeds & Kellogg LP zusammenschließen, um ein "electronic communication network" (ECN), aufzubauen. Ein ECN ist ein alternatives Handelssystem, das ähnlich wie eine Börse funktioniert, indem es die Order von Kunden sammelt, anzeigt und automatisch durchführt.Angesichts des enormen Geschäftsvolumens dieser neuen ECN-Eigentümer wird erwartet, dass in der Folge einer der größten Marktplätze für den Nasdaq-Handel entsteht. Und die Nasdaq gerät naturgemäß noch stärker unter Druck als die New Yorker Börse. Denn es fällt weniger ins Gewicht, dass die sogenannten ECNs ausnahmslos vom US-amerikanischen Börsenmaklerverband NASD kontrolliert werden. Entscheidend bleibt die klare Konkurrenz zur Nasdaq, die als Netzwerk von Händlern gegründet wurde und vom direkten Handel mit Anlegern profitiert. Um der neuen Herausforderung begegnen zu können, will der Börsenmaklerverband die Nasdaq jetzt ausgliedern, in ein gewinnorientiertes Privatunternehmen umwandeln und dies später an die Börse bringen.Der rasante Wandel begann vor zwei Jahren. Die amerikanische Aufsichtsbehörde für Wertpapierhandel, die Securities and Exchange Commission (SEC), zwang Börsenmakler, die Order der Kunden öffentlich anzuzeigen. Es war Nasdaq-Händlern vorgeworfen worden, übermäßige Aufschläge zu nehmen. Bald entstanden neben der ältesten und noch größten ECN, Instinet der Reuters Gruppe, acht neue ECNs, die dies ausnutzten. Die ECNs und andere elektronische Handelssysteme florieren dank Internet. Denn Millionen von Anlegern nutzen das Internet, um schneller, billiger und innovativer Aktien zu handeln.In diesem Jahr ist ein neues Gesetz der US-amerikanischen Aufsichtsbehörde für Wertpapierhandel in Kraft getreten. Das sogenannte "Reg ATS" verleiht alternativen Handelssystemen einen Börsenstatus, der ihnen viele der Vorteile und Pflichten einer traditionellen Börse verleiht. Als eines der Ersten hat das Unternehmen Island ECN den Börsenstatus gefordert. Das rasch wachsende Unternehmen, das nun etwa sechs Prozent des Nasdaq-Handelsvolumen erreicht, hat sich viel vorgenommen. Vor allem will es Geschäfte von der New Yorker Börse abziehen.Während die Vereinigten Staaten vor zehn Jahren neun Wertpapierbörsen hatte, könnten es dank der Reg ATS theoretisch bald über 20 sein. Dass dies zuviel wäre - darüber sind sich fast alle einig. Es wird sogar behauptet, für die Anleger wäre es ein Vorteil, wenn sich die Börsen ganz zusammenschließen, weil dies einem Käufer erleichtern würde, einen Verkäufer zu finden. Die Mitglieder des Börsenmaklerverbandes NASD haben bislang regelmäßig Fusionen verurteilt. Das könnte sich ändern, wenn die New Yorker Börse und die Nasdaq sich in profitorientierte Organisationen umwandeln und damit wahrscheinlich eine Fusionswelle zwischen Marktplätzen und Handelssystemen auslösen würden.Niemand weiß, wie die absehbaren Veränderungen tatsächlich verlaufen werden. In jedem Falle glauben die Anleger, dass sie von den Entwicklungen profitieren werden. So wollen noch in diesem Jahr zumindest zwei ECNs auch Privaten den Aktienhandel in den Abendstunden anbieten. Lange war das nur den Professionellen vorbehalten. Die traditionellen Märkte wollen im nächsten Jahr folgen - ohne den Druck durch die Konkurrenz wäre es wahrscheinlich nicht dazu gekommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben