Wirtschaft : Die richtige Beleidigung am richtigen Ort

Nur wenige Beleidigungsgesten werden überall auf der Welt verstanden. Bei anderen muss man sich gut überlegen, was man wo tut

Linton Weeks

Zuerst schlägt die Menge auf Saddam Husseins Statue ein. Dann kippt sie sie mit Hilfe amerikanischer Soldaten vom Sockel und zieht den gewaltigen Kopf durch die Straßen. Und dann, eine Geste größter Verachtung, trampelt sie mit ihren Schuhen auf der Statue herum: Ein schnauzbärtiger Mann traktiert die Ikone mit seiner Sandale, ein anderer drückt seine geschnürten Turnschuhe gegen die gigantische Stirn. Ein Junge haut mit rosa Schuhen auf die Statue ein.

Wie man jemanden gekonnt beleidigt, herabwürdigt und verflucht, muss gelernt sein. Nur einige Gesten der Beleidigung haben weltweit die gleiche Bedeutung. Jemandem den nackten Hintern zu zeigen, zum Beispiel. Das symbolisiere überall auf der Welt die Entleerung des Darmes und gelte seit vielen Jahrtausenden als „höchste Beleidigung“ sagt der Anthropologe David B. Givens. Dinge, mit denen man schlagen kann, Schuhe zum Beispiel, rühren ebenfalls an tiefgespeicherte Erinnerungen in unserem Reptilienhirn. Die Sprache sei erst etwa 200000 Jahre alt, sagt Givens, aber einige Gesten reichten weiter zurück. „Sie haben ihre Wurzeln im Tierreich.“

In der arabischen Welt, in der der Fuß als schmutzigster Körperteil angesehen wird, ist es eine der größten Beleidigungen, jemandem die Schuhsohle vor das Gesicht zu halten. Und auf jemandem mit Schuhen einzuprügeln, ist, wie Samer Shehata, Professor für Arabische Studien an der Georgetown Universität, sagt, ein klares Symbol der Verachtung. Das erkläre auch, weshalb der irakische Informationsminister Mohammed Saeed Sahhaf bei seinen legendären Pressekonferenzen im Irak-Krieg als übelsten Fluch auf US- Präsident George W. Bush und seinen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ausstieß, sie „verdienen nur, mit Schuhen geschlagen zu werden".

In einer Zeit, in der sich die Kulturen vermischen, ist es keine schlechte Idee, sich zu informieren, welche Vorstellungen unterschiedliche Kulturen von Beleidigungen und Beschimpfungen haben. „Es gibt im Nahen Osten keine strenge Hierarchie der Beleidigungen", sagt Shehata. Aber die Sohle zu zeigen, steht ganz oben auf der Liste, ebenso, wenn man jemandem einen Klaps auf den Nacken gibt. „Das ist ziemlich schlimm", sagt er, „weil man den anderen zwar nicht körperlich verletzt, ihn aber durch die symbolische Geste entwürdigt."

Wenn die Spitzen des Daumens und des Zeigefingers einen Kreis bilden, signalisiert das in Nordamerika, dass alles in Ordnung ist. In Lateinamerika ist die gleiche Geste mehr als unhöflich - sie entspricht dem, was im Norden ein ausgestreckter Mittelfinger signalisiert – was so ziemlich das rüdeste ist, was sich ein anständiger Mensch vorstellen kann.

Wer in Israel per Anhalter fahren will, sollte niemals den Daumen gebrauchen. Es sei denn, er hat etwas Ernsthaftes gegen den Autofahrer, der vorbei kommt. In der der buddhistischen Welt darf man niemandem auf den Kopf tippen, in Nordafrika keinen mit der linken Hand berühren – es sei denn, man ist auf richtigen Streit aus. In der Mongolei sollte man sich nicht an die Stützstange einer fremden Jurte lehnen.

Wenn man in Frankreich den Daumen gegen die Fingerspitzen presst und die Hand so vor das Gesicht hält, bedeutet das höchste Wertschätzung „ooh-la-la-parfait“. In Ägypten heißt die gleiche Geste: „Halt verdammt noch mal die Luft an!“. Machen Sie in China niemandem ein Geschenk, das Essig enthält. Mit dem Daumen über die Zähne zu fahren, heißt in einigen Ländern, dass man einen anderen für einen Geizkragen hält. In anderen Ländern wird das „V-Zeichen“ durchaus negativ verstanden. Fast in der ganzen Welt ist es nicht nett, in die Armbeuge zu greifen und dabei die Faust zu heben.

Zurück in die arabische Welt: Ein nach unten zeigender Mittelfinger, der bei waagrechter Handfläche auf und ab bewegt wird, bedeutet hier so ziemlich dasselbe wie ein gestreckter Mittelfinger an anderen Orten, sagt Shehata. Was die Sache für Ausländer schwierig macht ist, dass „es keine formalen Regeln gibt. Das sind Dinge, die jeder weiß."

Von allen verstanden werden dagegen Gesten, die in die Ursprünge der Menschheitsgeschichte zurückweisen. Zum Beispiel das demonstrative Sich-Aufrichten, um größer zu erscheinen, erklärt Anthropologe Givens. Ebenfalls aus den altsteinzeitlichen Bereichen unseres Gehirns stammen emotionale Bewegungen wie der – wegwerfende – Schlag, bei dem man den Arm mit der Handfläche nach unten ausstreckt. „Das sind Gesten, die nicht erlernt sind“, sagt Givens. „Sie sind nicht erlernt, sondern universell.“ Auch Schimpansen tun es.

Mit dem Erwerb der Sprache lernte der Mensch, sich verbal zu beleidigen. „Eine Bande verdammter Blutsauger seid Ihr“ schrieb beispielsweise William Shakespeare, der Meister der Beleidigungen. Traviss Willcox, der Beleidigungen aus aller Welt auf seiner Internetseite www.insults.net sammelt, sagt, am beliebtesten sei die Rubrik „Wie man in einer Fremdsprache flucht". Er sagt, dass die Menschen am liebsten jemanden unflätig beschimpfen, ohne dass der einen versteht. Die mit ihren Schuhen bewaffneten Irakis dagegen wollten verstanden werden. „Eine Beleidigung durch Worte ist nicht so schwerwiegend wie eine visuelle Beleidigung“, sagt Givens.

Übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Boykott), Svenja Weidenfeld (Beleidigungen), Karen Wientgen (Kalifornien), Matthias Petermann (Concorde), Christian Frobenius (EU).

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