Wirtschaft : Die Ruhe auf den Märkten trügt

BERLIN (asi/rtr).Die internationalen Börsenplätze haben am Donnerstag ruhiger auf die Brasilien-Krise reagiert.An der Konjunkturentwicklung Deutschlands werden die Finanzturbulenzen in Lateinamerika dennoch nicht spurlos vorübergehen.Nach Ansicht von Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, "ist die Belastung der Krisen für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in diesem Jahr bereits deutlich absehbar".

Dem Tagesspiegel sagte Walter, daß es der international eng verflochtenen deutschen Wirtschaft nun "noch schwerer fallen wird", die vorhandenen Fertigungskapazitäten langfristig auszulasten und "den Arbeitsmarkt zu entlasten"."Für uns ist Brasilien alles andere als lustig", äußerte sich der Ökonom besorgt.Angesichts der Risikoszenarien in Asien und Lateinamerika und der "wenig hoffnungsvollen" Konzepte zur Krisenbewältigung, prognostizierte Walter, "werden wir am Jahresende froh sein, 1,5 Prozent Wachstum zu überschreiten".Die Europäische Zentralbank komme nicht umhin, diesen Umstand bei der Zinsfindung zu berücksichtigen und "in einem oder zwei Schritten einen halben Prozentpunkt nachzugeben".Die Tarifparteien ermahnte Walter, die anstehenden Verhandlungen zur "realistischen Einschätzung der Konjunktur" zu nutzen und "nicht aus dem Auge zu verlieren, daß wir Teil der Weltwirtschaft sind".

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) forderte am Donnerstag in Berlin die Schaffung einer neuen globalen Finanzarchitektur.Japan, Europa und die USA seien sich darüber einig, daß die Finanzmärkte stärker kontrolliert werden müßten.Auf dem Gipfeltreffen der Gruppe der führenden sieben Industriestaaten (G-7) im Juni in Köln solle mehr Transparenz an den Märkten und mehr Koordination in der Währungspolitik erreicht werden, sagte Schröder.Auch der britische Premierminister Tony Blair bekräftigte nach der Entwicklung in Brasilien die Notwendigkeit einer Reform der internationalen Finanzordnung.Der französische Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn relativierte die Auswirkungen der Brasilien-Krise: In Paris verwies er auf die "Solidität der Märkte".Brasilien habe eine Korrektur an den Börsen ausgelöst, die aber nicht schwerwiegend sei.Nach Einschätzung von Japans Finanzminister Kiichi Miyazawa kann die Brasilien-Krise von der Siebenergruppe westlicher Industrienationen und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) beherrscht werden."Beide, der IWF und die G-7, wissen, wie man mit Wirtschaftskrisen umgeht, und sie werden in der Lage sein, diese zu beherrschen", sagte Miyazawa am Donnerstag.

Keine Auswirkungen auf ihre Investitionsentscheidungen meldeten indes die deutschen Autohersteller am Donnerstag.Die Entscheidungen seien langfristig getroffen worden und würden wegen aktueller Probleme nicht revidiert, sagte ein Sprecher der BMW AG.Auch DaimlerChrysler hält daran fest, im Frühjahr ein neues Werk nördlich von Rio de Janeiro zu eröffnen.Unberührt zeigte sich auch der Volkswagen-Konzern, der in der kommenden Woche ein neues Werk in Curitiba eröffnen will.

Auch die Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten nach der faktischen Abwertung der brasilianischen Landeswährung haben sich am Donnerstag deutlich abgeschwächt.Durchschnittlich machten die Aktienmärkte in der Euro-Zone gute 1,5 Prozent wieder gut.Der US-Dollar erholte sich wieder an den Devisenmärkten.Der Referenzwert des Euro wurde mit 1,1653 Dollar festgelegt.Der Euro-Stoxx-Index für die 50 führenden Unternehmen in der Euro-Zone verbesserte sich um 1,9 Prozent.Der Deutsche Aktienindex Dax schloß am Donnerstag mit 4912,75 Punkten und damit leicht unter dem Vortageswert.Auch die asiatischen Börsenplätze vermeldeten am Donnerstag einen ruhigeren Handel.Die Tokioter Börse schloß deutlich im Plus.Analysten befürchten hingegen, daß es zu einer weiteren Abwertung des Real kommen wird."Der Real wird weiter sinken müssen", sagte Bruce Steinberg, Chefökonom der Investmentbank Merrill Lynch.Mit einem deutlichen Absinken des brasilianischen Bovespa-Index um 3,4 Prozent hat die Börse in Sao Paolo am Donnerstag reagiert.

Nach der De-facto-Abwertung des Real haben beunruhigte Anleger binnen weniger Stunden 1,5 Mrd.Dollar (2,5 Mrd.DM) aus dem südamerikanischen Land abgezogen.Dies sagte Brasiliens Finanzminister Pedro Malan.Bereits am Tag zuvor waren rund 1,2 Mrd.Dollar aus dem Land abgezogen worden.

Der IWF hat Brasilien aufgefordert, sein Sparprogramm trotz der derzeitigen Wirtschaftskrise aufrechtzuerhalten.Der Geschäftsführende IWF-Direktor Michel Camdessus begrüßte die Absicht der brasilianischen Regierung, die Wirtschaftsreformen weiterzuführen, die der IWF im November zur Bedingung für ein 42 Mrd.Dollar umfassendes Hilfspaket gemacht hatte.Camdessus sagte, "keine Anstrengung sollte gescheut werden", um die finanzpolitische Anpassung zu verwirklichen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar