Wirtschaft : Die sanften Unternehmer aus Gütersloh

ANDREAS HOFFMANN

Eine Ära geht zu Ende.50 Jahre ist die Mark alt - Symbol für wirtschaftlichen Aufschwung und Stabilität in der Bundesrepublik Deutschland.Geprägt haben diesen Aufbau in den Wirtschaftswunderjahren eine ganze Reihe von Betrieben und Unternehmern, die Gründergeneration der Nachkriegszeit.Nun macht die D-Mark dem Euro Platz.Was ist aus den Unternehmen der Wirtschaftswunderjahre geworden, wie haben sie den Generationswechsel bewältigt? Der Tagesspiegel stellt einige in lockerer Folge vor.



Reisen wir kurz einmal nach China, zum Platz des Volkes in Shanghai.Es ist ein spätsommerlicher Morgen.Die nahegelegene U-Bahn-Station spuckt junge Frauen und Männer aus, die zur Arbeit hasten.Inmitten der Menschenströme steht manchmal Ken Hukan, ein chinesischer Buchverkäufer, und wirbt um Kunden.Wann immer er einen seiner Landsleute im westlich geschnittenen Tuch entdeckt, bestürmt er ihn.Sein Motto: Werde Mitglied im Bertelsmann Buchclub und lerne die Welt kennen.

Bertelsmann erobert China.640 000 Mitglieder haben die Gütersloher mit ihrem Club in den vergangenen zwei Jahren gewonnen und fünf Mill.Bücher verkauft.Man hat Geschäfte errichtet und einen eigenen Lieferservice mit Fahrrädern etabliert, weil der Vertrieb über die Post nicht klappt.Der Start war natürlich schwierig, weil die kommunistischen Herrscher anfangs skeptisch waren, erinnert sich Ekkehard Rathgeber, der den Bertelsmann-Ableger in Shanghai leitet.Warum sollten sie einem ausländischen Medienkonzern erlauben, Bücher zu verkaufen - die dazu meist aus dem Ausland stammten, erzählt er.Doch der 33jährige Deutsche überwand die Bedenken: "Wir haben der Regierung erklärt, daß ihre Bürger lesen lernen müssen, und Buchclubs dabei helfen könnten", sagte er kürzlich dem Wall Street Journal.

Die Gütersloher und ihre Buchclubs.Im Reich der Mitte scheinen die Bertelsmänner ihre Erfolgsidee aus der Nachkriegsära neu aufzulegen.Damit begann ihr Aufstieg zum drittgrößten Medienkonzern auf dem Globus, nach den US-Riesen Time Warner und Disney.Heute arbeiten bei Bertelsmann 58 000 Beschäftigte in 600 Firmen und setzen 22,9 Mrd.DM um.Zum Reich der Westfalen gehören neben den Buchclubs auch Plattenfirmen, Druckereien, Verlage, CD-Preßwerke, Multimedia-Dienste und Fernsehsender wie RTL oder Vox.Wer "Explosiv" oder "Wahre Liebe" im Fernsehen verfolgt, wer John Grisham liest oder Elvis hört, wer durch den "Stern" blättert oder seine elektronische Mail-Box von dem Online-Dienst AOL verwalten läßt - immer trifft er auf Bertelsmann.Selbst bei Hertha BSC mischen die Gütersloher als Sponsoren mit.

Begonnen hat die Erfolgsstory ziemlich genau im Jahre 1947.Reinhard Mohn kehrte aus der Kriegsgefangenschaft in den USA nach Gütersloh zurück.Von dem traditionsreichen Verlag - 1835 hatte ihn Carl Bertelsmann gegründet - war nicht mehr viel übrig.Doch Mohn, ein entfernter Abkömmling des Gründers, brachte von jenseits des Atlantiks eine Idee mit.Er hatte diese Buchclubs gesehen, und das System wollte er auch im Nachkriegsdeutschland einführen.1950 legte er den ersten "Lesering" auf und sammelte schnell Kunden - auch weil manchmal Drückerkolonnen die Bücher an den Leser brachten.Später kamen eine Lexikonredaktion dazu und die Schallplattenfirma Ariola.Mohn etablierte Buchclubs im Ausland und stieg ins Zeitschriftengeschäft ein.1969 übernahm er 25 Prozent der Anteile an Gruner und Jahr, heute hält Bertelsmann 75 Prozent.

Richtig zum Weltkonzern aufgestiegen sind die Westfalen aber erst in der Ära von Mark Wössner, der 1983 den Vorstandssessel übernahm.Damals stand es schlecht um Bertelsmann.Man hatte zu viele Firmen gekauft und finanziell nicht recht verdaut.Es war die Zeit der "dreistelligen Millionenverluste", erinnert sich Bertelsmann-Finanzchef Siegfried Luther.Wössner stoppte erst einmal alle Investitionen und konsolidierte den Konzern.Erst als die Gewinne wieder stiegen, ging er weiter auf Einkaufstour.In den USA legte er sich beispielsweise die Plattenfirma RCA und den Verlag Doubleday zu und stieg ins Fernsehgeschäft ein, zunächst bei RTL, später bei Vox, RTL 2 und Premiere.

Bei all dieser Expansion traten die Bertelsmänner als die etwas anderen Unternehmer auf.Mohn gilt bei vielen seine Unternehmerkollegen als Sozialist, auch weil er Sätze sagt, wie: "Das eigentliche Unternehmensziel kann nicht nur darin bestehen, den Shareholder-Value für die Anteilseigner zu erhöhen." Nein, das Wichtigste für ein Unternehmen sei es, "einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten".Also leistete er.Er gründete die Bertelsmann-Stiftung, die Vorhaben in der Gesellschaftspolitik, in Medizin, Medien, Kultur oder Gesundheitspolitik fördert.Seiner Stadt Gütersloh hilft er mit der Stadtstiftung, die Disco-Busse und Nachtbasketball für Jugendliche organisiert.Selbst die Arbeitnehmer hat er über ein ausgeklügeltes System eingebunden, viele sind am Gewinn über Genußscheine beteiligt.Bei allen sozialpolitischen Neigungen - die Gütersloher achten streng darauf, daß die Zahlen stimmen.Sie haben kaum Schulden, anders als die US-Konkurrenten, und sie können eine Eigenkapitalrendite von 12,5 Prozent vorweisen, die über dem Schnitt in der Industrie liegt.Dennoch: So ganz glücklich dürfte Mark Wössner in diesen Tagen nicht sein.Er hätte seinem Nachfolger Thomas Middelhoff - er übernimmt den Vorsitz Ende Oktober - gern ein "besenreines Geschäft" überlassen.Doch die Sparten Buch und Musik laufen derzeit schlapp und sorgten im abgelaufenen Geschäftsjahr für eine Ertragsdelle von 200 bis 300 Mill.DM.Deshalb mußte er die Bilanz mit Sonderverkäufen verschönern.Ebenso unklar ist es, wie es mit dem Digitalfernsehen in Deutschland weitergeht.Eigentlich wollten Kirch und Bertelsmann gemeinsam hierzulande den Markt aufrollen.Doch die Wettbewerbshüter stoppten den Plan.Das weitere Vorgehen ist offen.Auf den neuen Vorstandschef wartet viel Arbeit.

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