Wirtschaft : Die Schlacht scheint längst verloren zu sein

ALEXANDER BUSCH (HB)

SAO PAULO .Bis vor kurzem galt eine Abwertung in Brasilien als undenkbar.Das würde das Vertrauen der Investoren zerstören, sagt die Zentralbank.Doch inzwischen bezweifeln Ökonomen, ob eine Abwertung nicht besser wäre als der jetzt eingeschlagene Weg über hohe Zinsen das währungspolitische Modell zu verteidigen.

"Die Tage des Real sind gezählt" behauptet der nordamerikanische Ökonom Steve Hanke und rechnet mit der Abwertung der brasilianischen Währung noch bis Ende dieses Jahres, aber erst nach den Wahlen am 4.Oktober.Der US-Ökonom argumentiert folgendermaßen: Da Brasilien seine Währung in einer Bandbreite gegenüber dem Dollar schwanken läßt, besteht ein permanenter Konflikt bei der ökonomischen Steuerung.Bei diesem "verwalteten Wechselkurssystem" müsse sowohl der Wechselkurs als auch die monetäre Politik von der Exekutive kontrolliert werden.Im Gegensatz zum frei schwankenden Wechselkurs sorgen die Marktmechanismen nicht für Anpassungen zwischen Kurs und Geldbasis über die Finanzströme.

In der Region hört man auf den Professor von der John Hopkins University, der unter anderem in Argentinien bei der Einführung des Currency-Boards assistiert hat.Brasilien muß früher oder später abwerten, das wird immer mehr Konsens unter Analysten und Ökonomen in Südamerika: Doch wie und wann, freiwillig oder gezwungen, abrupt oder graduell, darüber herrscht keine Einigkeit.

Seit 1995 wertet die Regierung den Real jährlich um 7,5 Prozent gegenüber den Dollar ab.Dabei schwankt die Währung in schmalen Bandbreiten.Unterbrochen wurde diese Wechselkurspolitik in Krisenzeiten wie im Oktober 1997 oder jetzt, während der die Regierung mit Hochzinsen ihre kurzfristigen Titel erneuern muß.Bis zum Wahltag am 4.Oktober will die Regierung so über die Runden zu kommen.Viele Experten attestieren ihr gute Chancen: "Brasilien hat genügend Instrumente, um seine Währung zu verteidigen und seine interne Verschuldung weiterzudrehen", analysiert die Deutsche Bank in Sao Paulo die aktuelle Wechselkurspolitik.Dennoch sehen auch die Deutschbanker einen wachsenden Abwertungsdruck: Von den umgerechnet rund 270 Mrd.Dollar internen Schulden muß bis Ende des Jahres etwa ein Drittel im Markt erneuert werden.Die Zentralbank plaziert ihre Titel vorwiegend zu variablen Zinsen.

Mit den jüngst auf bis zu 50 Prozent erhöhten Zinsen zeigt die Regierung, daß sie nur mit Geldverknappung auf die Kapitalkrise reagieren will.Banken und Fonds ködert sie mit hohen Zinsen, was diesen hohe Renditen garantiert - auch einer der Gründe, warum die Experten der Deutschen Bank kurzfristig keine Bankenkrise in Brasilien erwarten.Doch trotz der hohen Zinsen sind Brasiliens Dollarreserven in den vergangenen sechs Wochen aber um ein Drittel auf jetzt rund 47 Mrd.Dollar gesunken.Wie weit können die Reserven weiter sinken, ohne daß die Regierung neue Maßnahmen treffen muß? Gegenüber der Investmentbank Merril Lynch soll die Zentralbank als Mindestdevisenreserve eine Dollarmenge von 39 Mrd.angegeben haben.

Angesichts der brenzligen Lage fragen sich Ökonomen, ob eine Abwertung für Brasilien nicht viel besser wäre.Viele meist nordamerikanische Investmentbanker sind dafür.Ihr Argument ist: Die Kosten der gegenwärtigen Hochzinspolitik sind höher als ihr Nutzen.Eine starke Rezession, massenhafte Firmenzusammenbrüche, stark steigende Arbeitslosigkeit - das alles um das "Vertrauen der ausländischen Investoren" und das "Wirtschaftsmodell Plano Real" zu erhalten? "Mit hohen Zinsen ist es vielleicht möglich, diese Krise zu managen", so ein deutscher Banker, "aber die Schlacht ist für die Regierung sowieso schon verloren."

Die Folgen einer Abwertung dagegen malen ihre Anhänger in weichen Farben: "Über Nacht" würde sich das Handelsbilanzdefizit auflösen.Weil derzeit deflationäre Tendenzen herrschten, sei der inflationäre Effekt einer Abwertung nicht so stark.Verpflichte sich die Regierung weiterhin zu einer straffen Fiskalpoltik seien die Weichen für neues Wachstum gestellt.

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