• Die Schließung des Werkes Vetschau wird vorerst verschoben - Der Aufsichtsrat bestätigt aber die Restrukturierungspläne

Wirtschaft : Die Schließung des Werkes Vetschau wird vorerst verschoben - Der Aufsichtsrat bestätigt aber die Restrukturierungspläne

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Entspannung beim Schienenfahrzeughersteller Bombardier/DWA: Der Aufsichtsrat segnete am Mittwoch zwar die Pläne des Vorstandes ab, bis Ende kommenden Jahres in den deutschen Werken bis zu 1129 Stellen abzubauen, knapp ein Viertel der noch 5100 Arbeitsplätze. Für das Werk im brandenburgischen Vetschau mit noch 135 Beschäftigten, das nach den Plänen geschlossen werden sollte, aber gibt es noch eine Gnadenfrist. Die Entscheidung wurde vertagt, bis zum 1. Dezember soll nun im Verbund mit Arbeitnehmervertretern, Gewerkschaften und der Landesregierung über eine Rettung des Standortes sowie alternative Beschäftigungsmöglichkeiten beraten werden.

"Das ist noch keine Entwarnung, aber wir haben Zeit erkauft", sagte Hasso Düvel, Vorsitzender der IG Metall Brandenburg-Sachsen-Berlin und Aufsichtsratsmitglied von Bombardier/DWA, im Anschluss an die Sitzung. Er sei "zuversichtlich", dass eine Lösung gefunden werden kann, das Werk im Konzernverbund zu erhalten - mit einer "kostenoptimierten Fertigung" und etwa 100 statt der bisher 134 Arbeitsplätze. Gut 500 DWA-Mitarbeiter, Familienangehörige und Sympatisanten des Werkes Vetschau, die das Werk seit Ende Oktober "besetzt" hielten, hatten am Vormittag vor dem Hauptsitz des Unternehmens in Berlin-Köpenick gegen die geplante Schliessung protestiert. Die Werksbesetzung soll nun vorübergehend "ausgesetzt" werden.

Strategische Argumente

Nach Darstellung Düvels waren es vor allem strategische Argumente, die Vorstand und Aufsichtsrat - zu der Sitzung am Mittwoch war auch Jean-Yves Leblanc, Leiter der Schienenfahrzeugsparte des kanadisch-deutschen Konzerns, aus Montreal angereist - überzeugten. Vetschau sei der einzige Standort in Brandenburg, sagte Düvel. Sollte Bombardier sich hier zurückziehen, würde dies auch den Verzicht auf künftige öffentliche Aufträge aus der Region bedeuten. Angesichts der großen Schwierigkeiten der deutschen Bahnindustrie allgemein, dürften Möglichkeiten nicht leichtfertig aufgegeben werden. Gleiches gelte für das Werk Aachen der Konzerntochter Talbot, dessen Schließung zwischenzeitlich ebenfalls zur Diskussion stand - "im verkehrsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen", sagte Düvel. "Das kann nicht sinnvoll sein".

Bombardier/DWA hatte den Stellenabbau seinerzeit mit einem dramatischen Auftragsrückgang und mangelnder Kapazitätsauslastung begründet. Das wird auch von den Arbeitnehmervertretern nicht bestritten. Nach Angaben von Gesamtbetriebsratschef Jürgen Conrad sind die Aufträge seit Anfang des Jahres um rund 25 Prozent auf knapp 400 Millionen Mark zurückgegangen. Der Auftragsbestand liege bei 1,5 Milliarden Mark. Das reiche für die Auslastung nicht aus. Zum Vergleich: DWA allein - ohne Talbot und den Bombardier-Werken im Ausland - hatte zuletzt einen Jahresumsatz von einer Milliarde Mark erzielt, der Konzern insgesamt 3,6 Milliarden Mark (1998).

Probleme in der ganzen Branche

Peter Witt, Vorstandschef der deutschen Konzernniederlassung, wollte diese Zahlen nicht bestätigen. Die deutsche Konzerntochter erziele noch Gewinn, sagte er. Gleichwohl gebe es deutliche Auftragsrückgänge, "die eine Kapazitätsanpassung zwingend notwendig machen." Hier wirkt sich vor allem der Sparkurs der Deutschen Bahn aus. Weil man sich über den Preis nicht einigen konnte, wurde der Folgeauftrag für 33 weitere ICT, die Neigetechnikversion des ICE, mit einem Volumen knapp einer Milliarden Mark gestrichen - er wird neu ausgeschrieben. Gestritten wird nun um die Optionen für den ICE-3, von dem die Bahn statt weiterer 50 nur noch 14 Stück bestellen will. Witt verwies aber auch auf "Gefahren" im Nahverkehr. Mit dem Wettbewerb im Stromgeschäft stünden die Kommunen unter Druck - "eine Quersubventionierung der Verkehrsbetriebe wird es nicht mehr geben", sagte Witt. Zudem wollen die Länder die Zuschüsse für Schüler und Auszubildende kürzen.

DWA/Bombardier ist keine Ausnahme. Die Auftragsflaute trifft die gesamte Branche. Bereits 1998 gab es nach Angaben des Bahnindustrieverbandes einen Rückgang von 7,5 Prozent bei den Auftragseingängen. Die größten Konkurrenten von Bombardier - Siemens und Adtranz - schreiben hohe Verluste. Siemens wird das Werk Uerdingen mit 500 Beschäftigten schliessen, die DaimlerChrysler-Tochter Adtranz baut bis Ende 2000 in den deutschen Werken 1400 Stellen ab, über mögliche weitere Kürzungen wird derzeit beraten. Allein durch den Wegfall der erwarteten ICT- und ICE-3-Aufträge sind nach Angaben der IG Metall in Deutschland 1400 Arbeitsplätze gefährdet. "Die Bahn", warnte Düvel, "ruiniert die Kapazitäten in Deutschland. Wenn das so weitergeht, wir sie ihren Bedarf später nur noch im Ausland decken können."

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