Wirtschaft : „Die schlimmste Baisse seit 70 Jahren“

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Berlin (mot). Die Vertrauenskrise an den internationalen Finanzmärkten hat am Mittwoch eine dramatische Berg- und Talfahrt der Aktienkurse ausgelöst. In Deutschland sackte der Dax am Nachmittag um bis zu sieben Prozent auf seinen tiefsten Stand seit April 1997: 3265 Punkte. Auch die New Yorker Wall Street geriet zum Handelsauftakt erneut ins Rutschen und verstärkte den Trend nach unten. Nach der Einigung der beiden Kammern des US-Kongresses auf schärfere Bilanzregeln drehte der Dow Jones dann aber deutlich ins Plus. Daraufhin änderten auch die Kurse an der deutschen Börse ihre Richtung. Der Dax begann eine rasante Aufholjagd, die er bei einem Schlussstand von 3632,66 Punkten – das entspricht einem Gewinn von 3,3 Prozent – beendete.

Im Tagesverlauf hatten sich Händler, Fondsmanager und Börsenbeobachter pessimistisch über den Zustand der Börse geäußert. „Diese Baisse ist so extrem wie seit 70 Jahren nicht mehr“, sagte Wasili Papas, Fondsmanager bei Union Investment, dem Tagesspiegel. „Solange es keine nachhaltig guten Nachrichten aus den Unternehmen gibt, werden die Anleger nicht bereit sein, Aktien zu kaufen.“ Mit Blick auf den Neuen Markt und die Technologieaktien sagte der Fondsmanager, nach den stark gefallenen Kursen seien die Bewertungen wieder angemessen, zum Teil sogar günstig. „Wir haben kein Bewertungsproblem mehr, wir haben ein Vertrauensproblem.“ Der Nemax 50 erholte sich am Mittwoch ebenfalls spät von einem Kursrutsch und schloss bei 530,48 Zählern (plus 1,6 Prozent). Mit einer nachhaltigen Besserung der Lage rechnet Papas erst in sechs bis neun Monaten. „Nicht auszuschließen ist, dass es zwischendurch zu einer Liquiditätshausse kommt.“ Diese Bewegung nach oben, die von kurzfristigen Kapitalzuflüssen getrieben wird, sei aber nicht von Dauer.

Die Hoffnung der Anleger auf eine baldige Erholung der Kurse sei aus dem Markt nahezu verschwunden, hieß es auf dem Börsenparkett. Ein Aktienhändler sprach von „einem regelrechten Ausverkauf“. Das Vertrauen der Anleger sei nach den Skandalen um Enron und Worldcom „grundlegend zerstört“. Die Vorwürfe gegen die amerikanischen Banken J.P. Morgan und Citigroup, Enron bei Bilanztricks geholfen zu haben, drohten das letzte Fünkchen Hoffnung zu ersticken. Bis Mitte August, dem Termin, bis zu dem US-Unternehmen die Richtigkeit ihrer Bilanzen versichern müssen, erwarte der Markt keine positiven Nachrichten mehr.

Die Verkaufswelle, die am Dienstag an der Wall Street begonnen hatte, setzte sich am Mittwoch an der asiatischen Leitbörse in Tokio fort, bevor sie die europäischen Märkte erreichte. Der Nikkei-Index sank erstmals seit dem 20. Februar wieder unter die Marke von 10000 Punkten und schloss um 2,62 Prozent leichter bei 9947 Zählern.

Nervös verfolgten Anleger am Mittwoch auch die Entwicklung beim Heidelberger Finanzdienstleister MLP, dessen Firmenräume am Dienstag wegen des Verdachts der Bilanzfälschung durchsucht worden waren. Der Kurs der Aktie fuhr im Handelsverlauf Achterbahn und lag zum Handelsschluss bei 22,25 Euro (plus acht Prozent). Das Unternehmen stellt sich auf längere Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ein. Bei der Untersuchung wird geprüft, ob die Verhältnisse der Kapitalgesellschaft in Jahresabschlüssen falsch dargestellt wurden. Ein von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young vorgelegtes Gutachten bescheinigt MLP indes, „einwandfrei“ gehandelt zu haben.

In den USA wird nach den Kursverlusten inzwischen über eine nochmalige Zinssenkung der US-Notenbank Fed spekuliert. Angesichts der besseren Aussichten für das Wirtschaftswachstum war der Markt bisher von einer Erhöhung der Zinsen ausgegangen. Der Schlüsselzins befindet sich mit 1,75 Prozent bereits auf dem niedrigsten Niveau seit 40 Jahren. „Es wird ein wenig darüber spekuliert, dass die Fed mit einer Not-Zinssenkung kommen könnte", sagte John Spinello von Merrill Lynch Government Securities der Nachrichtenagentur Reuters. Analysten sagten hingegen, nur wenn sich eine größere Krise des Finanzsystems abzeichne, die ein Anziehen der Märkte verhindere, werde Fed-Chef Alan Greenspan noch einmal an der Zinsschraube drehen.

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