Wirtschaft : Die Schloßherren lassen auf sich warten

MANFRED SCHULZE

Mäzene finden keinen richtigen Geschmack / Investoren tun sich schwer VON MANFRED SCHULZE

LEIPZIG.Gisela Schroth, Sachsens "Unternehmerin des Jahres 1994", ist seit einem knappen Jahr Schloßherrin.Für ihr Tiefbauunternehmen, ein Familienbetrieb mit 130jähriger Tradition, suchte sie seit der Reprivatisierung 1992 eine Alternative zu den quasi als Altlast mit übernommenen Well-Asbest-Baracken, in denen die Firma ihr volkseigenes Dasein gefristet hatte."Wir wollten gerade in einem Gewerbegebiet für 2,5 Mill.DM neu bauen, da kam die Sache mit dem Schloß", berichtet die Sächsin, die vorwiegend von Aufträgen für die Ortskanalisation lebt. Günter Himstedt, Vorsitzender der Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft TLG, nennt das Beispiel von Gisela Schroth "einen Glücksgriff", bei dem viele günstige Umstände zusammentrafen.69 Schlösser und Herrenhäuser hat die TLG noch immer zu privatisieren und preist die barock-bröckligen Gemäuer, die jedes kunstsinnige Herz schneller schlagen lassen müßten, wie warme Semmeln kurz vor Ladenschluß an."Es wird immer schwieriger, noch potente und seriöse Investoren zu finden", berichtet Himstedt, der immerhin in zwei Jahren 25 Objekte vermitteln konnte.Die Sache rechne sich rein wirtschaftlich einfach nicht, obwohl man beim Kaufpreis "sehr weitgehende Zugeständnisse" machen wolle.Einzige Bedingung: Die den Verfall stoppenden Investitionen durch die künftigen Besitzer müssen zügig durchgeführt werden können.Für die Bauunternehmerin hat die alte Immobilie eine wichtige emotionale Komponente: "Das Schloß von Kötteritzsch steht unmittelbar neben meinem Heimatdorf und Firmensitz, der fortschreitende Verfall hat mich sehr geschmerzt", berichtet sie.Als ihr Unternehmen von der TLG beauftragt wurde, das immer wieder geplünderte Anwesen baulich zu sichern, habe sie durch Zufall von der Ausschreibung gehört und sich spontan mit einem Angebot gemeldet.Der Ausbau kostet rund 5 Mill.DM und damit deutlich mehr als ein Neubau, "aber letztlich wird es auch ein Aushängeschild für unser Unternehmen", sagt Frau Schroth.Solche Lösungen sind im Norden wesentlich schwieriger zu finden, "weil rund um die alten Schlösser nichts ist als weites Land, das oft noch nicht einmal zum Anwesen gehört", weiß Himstedt zu berichten. Als Beleg nimmt er das Exposé des Schlosses von Boitzenburg, an der Grenze zwischen Brandenburg und Vorpommern gelegen, zur Hand.Das riesige Renaissance-Schloß des Adelsgeschlechtes von Arnim sei baulich sogar gut erhalten und sieht auf dem Prospekt aus, als sei es mit dem zehn Hektar großen Park direkt von der Loire in die Uckermark kopiert worden."Wir hatten zahlreiche Interessenten aus der ganzen Welt, doch die landen in Berlin-Tegel und fragen sich nach drei Stunden Autofahrt durch die tiefe Provinz, an welchem Weltende sie denn nun sind", so der TLG-Chef. Für ihn stehen die Aussichten, die in seinem Katalog aufgelisteten Gebäude vor dem letzten Verfallsdatum an den betuchten Mann zu bringen, auch nach der jüngsten Steuerdebatte nicht besser."Wir brauchen sehr gut verdienende Leute, die ihren Spitzensteuersatz von über 50 Prozent drücken wollen.Wenn es vielleicht in zwei Jahren solche Steuersätze nicht mehr gibt, wirkt das heute schon auf die Bereitschaft für ein Engagement", so Himstedt.Dann, so meint der Immobilienmanager der Bundesgesellschaft, könne man nur noch auf Mäzene hoffen oder mit Steuermitteln selbst investieren, wie es am Schloß Basedow (Mecklenburg-Vorpommern) bereits geschieht.Giesela Schroth gehört wohl zu keiner der beiden typischen Gruppen von Schloßerwerbern, von der Himstedt träumt.Die Gewinne ihres Unternehmens hat sie bisher fast komplett in neue Technik gesteckt.Was seit 1995 übrig ist, wäre ansonsten in einen Neubau geflossen, den die Hausbank mit Handkuß finanziert hätte.Mit dem ersten Gebäude, in das neben den ersten Büros auch fünf Sozialwohnungen kommen, kann sie noch in diesem Jahr beginnen.

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