Wirtschaft : Die schöne Landschaft allein lockt keine Investoren

SILKE KERSTING

PRENZLAU .Es sind nicht nur die langsam und stur links Fahrenden, die ein schnelles Überholen und zügiges Fortkommen verhindern.Baustellen engen die Autobahn streckenweise auf eine Spur ein, über viele Kilometer fehlt der Standstreifen, der Belag ist holprig.Der Verkehrsfunk rät, auf die Landstraße auszuweichen.Dort allerdings geht es auch nicht schneller voran.Stoßstange an Stoßstange quälen sich die Autos über enge Alleen, vorbei an scheinbar vergessenen Dörfern, vorbei an Wald, Wiesen und Feldern.

Natur pur - das bietet die Uckermark in Brandenburg, nordöstlich von Berlin; eine Natur, die zwar schön aussieht, aber nicht genug Investoren anlockt.Flächenmäßig ist der Landkreis der größte in Deutschland.Die Bevölkerung dagegen zählt mit nur 160 000 Einwohner zu einer der niedrigsten.Zum Vergleich: Im kleineren Saarland leben zwei Millionen Menschen.Zehn Prozent der Bewohner, meist Jugendliche, haben der Region in den vergangenen zehn Jahren den Rücken gekehrt.Die rückläufige Bevölkerungsentwicklung ist kein Wunder: Mehr als 15 000 Menschen sind ohne Job; die Arbeitslosenquote liegt bei über 20 Prozent und ist die höchste in Brandenburg.

Strukturwandel, Arbeitsplatzabbau, Bevölkerungsschwund: Das sind typische Probleme in den neuen Bundesländern.Die Region im Nordosten Brandenburgs hat allerdings besonders mit dem Wegfall der industriellen Landwirtschaft aus DDR-Zeiten zu kämpfen.15 000 Menschen waren bis zur Wende in der Landwirtschaft beschäftigt; heute sind es noch 4000.Und die Zahl, vermutet Dieter Tramp, Amtsleiter der Wirtschaftsförderung im Landkreis, werde noch weiter abnehmen.

Industrie und Gewerbe machen den Abbau der Landwirtschaft, jedenfalls bislang, nicht wett: Die Uckermark, obwohl so nahe an Berlin, liegt nicht da, wo Unternehmer eine günstige Lage vermuten.Mit dem Auto ist die Region nur schlecht zu erreichen - ein gewaltiger Standortnachteil gegenüber dem unmittelbaren Berliner Umland, dem "Speckgürtel" der Hauptstadt.

Hinzu kommt, daß die Uckermark zwar die beeindruckende Zahl von 57 Gewerbegebieten ausweist, diese aber einer überdurchschnittlich großen Fläche von Natur- und Landschaftsschutzgebieten gegenüberstehen.Etwa die Hälfte der uckermärkischen Fläche stehe unter Natur- und Landschaftsschutz, kritisiert Wirtschaftsförderer Tramp und beruft sich dabei auf eine Studie der Prognos GmbH in Berlin.Der Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie, zwischen Naturschützern und Wirtschaftsvertretern, verunsichere nicht nur die bereits ansässigen Unternehmen, die um ihre Ausdehnung besorgt seien.Auch Neuansiedlungen würden dadurch gefährdet, befürchtet Tramp.Doch gerade die werden dringend herbeigesehnt, um die Uckermark aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit einiger weniger Großunternehmen, die sich darüber hinaus fast alle auf eine Stadt konzentrieren, zu befreien.

Mit dieser Stadt, dem nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt gelegenen Schwedt, verknüpfen allerdings viele Menschen große Hoffnungen auf eine wirtschaftlich bessere Zukunft.Denn Schwedt ist das ökonomische Zentrum der Uckermark, dessen "herausragende Bedeutung" Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) immer wieder betont.Fünf Papiererzeugungs- und -verarbeitungswerke haben sich inzwischen mit über 1000 Beschäftigten in Schwedt angesiedelt.Das ehemalige Petrolchemische Kombinat PCK gehört zu einer der größten Raffinerien Europas.Auf dem riesigen Gelände der heutigen PCK Raffinerie GmbH reihen sich alte chemische Anlagen an hochmodernes Gerät; bis 1999 sollen hier 2,5 Mrd.DM investiert worden sein.Auf der Gehaltsliste stehen 1650 Mitarbeiter; weitere 1800 Arbeitsplätze konnten durch die Ausgliederung von 35 Firmen erhalten werden.

"Investieren, wo Industrie stark ist und das Umfeld stimmt" - unter diesem Motto präsentiert sich die Stadt den Investoren, und das durchaus mit Erfolg: Bis heute haben sich bereits 85 Unternehmen auf dem PCK-Werksgelände niedergelassen.Schwedt trägt denn auch vor allem dazu bei, daß die Umsatzstatistik des Verarbeitenden Gewerbes für die gesamte Uckermark in einem nicht gar so schlechten Licht erscheint: Mit 820 308 DM Umsatz pro Beschäftigtem, so hat das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) ermittelt, übertrifft die Region schon heute alle anderen ostdeutschen Landkreise; der Durchschnitt in den neuen Ländern liegt bei lediglich 247 566 DM.

Doch noch ist die Liste der Mängel lang: Zwar verfügt die Uckermark trotz ihres erheblichen Grünanteils nach Meinung von Prognos mit ihren Gewerbeflächen auch langfristig über ein ausreichendes Angebot für Unternehmer.Allein sei das allerdings kein Standortvorteil, heißt es in der Studie von Prognos.Bislang lägen viele Gewerbegebiete unvorteilhaft im Raum und verfügten über eine unzureichende Verkehrserschließung.Besonders für den Industriestandort Schwedt sei der momentane Ausbauzustand der Straßen ein Investitionshemmnis.

Die geplante Küstenautobahn A20, die Lübeck mit Schwerin und Stettin verbinden soll, ist nach Ansicht von Prognos die wichtigste Maßnahme zur Verbesserung und Aufwertung des Wirtschaftsstandorts Uckermark.Sinnvoll sei auch der geplante Grenzübergang bei Schwedt, außerdem der Ausbau der parallel zur Oder fließenden Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße, auf der sich aufgrund der geringen Wassertiefe bislang nur geringe Gütermengen auf dem Schiffsweg transportieren ließen.

Die Wirtschaftsförderung ist optimistisch, sich langsam aber sicher aus der Abhängigkeit von Öl und Papier lösen zu können.Ein neues Standbein erhofft sich Tramp von dem Geschäft mit nachwachsenden Rohstoffen: Eine Hanf-Fabrik in Prenzlau existiert bereits; "hoffentlich bald" soll eine Dämmstoff-Fabrik hinzukommen.

Auch alte Fabriken laufen noch in der Uckermark: Eine ehemalige Munitionsfabrik in Pinnow, die das schwäbische Familienunternehmen Buck 1991 von der Treuhand gekauft hat.Dort, wo zu DDR-Zeiten Raketen gebaut und gewartet wurden, produzieren heute 600 Beschäftigte Module für Fertighäuser.

Hoffnungen richten sich auch auf den Tourismus.Die Landesregierung erwartet, daß langfristig 20 Prozent der Beschäftigten in dieser Branche arbeiten - heute sind es etwa drei Prozent.Auch der Bürgermeister von Prenzlau, Jürgen Hoppe (SPD), ist skeptisch: "Wir brauchen eine durchgehend glaubhafte touristische Infrastruktur." Sie müsse den Wochenendbesucher aus Berlin genauso anziehen wie die Familien, die an einem der 400 Seen in der Uckermark ihren Jahresurlaub verbringen wollten.

Wenn sich hier nichts verbessere, meint Hoppe, führen die Menschen lieber in den Spreewald.Und die Mücken dort "nehmen sie in Kauf."

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar