Die Schuld(en)frage : Muss man wirklich Schulden machen?

Das Statistische Bundesamt macht Jobverlust für die Überschuldung verantwortlich. Aber nicht immer zieht diese Entschuldigung. Ein Kommentar.

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Leere Taschen? Wer ist schuld? Foto: dpa
Leere Taschen? Wer ist schuld?Foto: dpa

Es sind gute Zeiten: Die Arbeitslosigkeit ist auf dem tiefsten Stand seit 1991, die Wirtschaft wächst, die Preise steigen kaum, die Zinsen sind niedrig. Wohlstand für alle? Nein. Knapp zehn Millionen Menschen sind davon abgehängt. Sie sind überschuldet, können ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen.

Besonders betroffen ist Berlin, das einstige Armenhaus Deutschlands, die frühere Hartz-IV-Hochburg, die sich jetzt zur aufstrebenden Gründermetropole mausert. Heute hängt Berlin fast alle anderen Bundesländer beim Wachstumstempo ab, neue Jobs entstehen. Dennoch sind noch immer fast 13 Prozent der Berliner überschuldet. Nur in Bremen ist es noch schlimmer.

Können Berliner nicht mit Geld umgehen?

Was stimmt da nicht? Können Berliner nicht mit Geld umgehen? Macht man hier wie in alten Zeiten auch dann noch auf dicke Hose, wenn das Portemonnaie dünn ist?

Grafik: AFP
Grafik: AFP

Nein, sagt das Statistische Bundesamt, und meint damit nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland. Das Amt hat sich bundesweit 113.000 Akten von Schuldnern angesehen, die Hilfe bei einer Schuldnerberatungsstelle gesucht haben. Einige sind tatsächlich aus Verschwendungssucht, Kaufwahn oder Selbstüberschätzung dort gelandet.

Doch viel häufiger ist es der Verlust des Jobs, sind es gesundheitliche Probleme oder eine Trennung, manchmal gar der Tod des Partners, die den Weg in den Ruin pflastern. Schicksalsschläge, zu denen sich dann finanzielle Probleme gesellen, Schulden, die sich auftürmen, bis es zu spät ist.

Was hilft - vier Punkte

Was folgt daraus? Was schützt?

Erstens: Vollbeschäftigung hilft – nicht nur der Mittelschicht, sondern auch schlechter qualifizierten Arbeitnehmern. Je mehr Jobs es gibt, desto besser ist die Chance, nach einem Jobverlust an anderer Stelle wieder Fuß zu fassen. Der Mindestlohn schiebt der Ausbeutung von gering qualifizierten Menschen einen Riegel vor – und ist ein weiteres Mosaiksteinchen im Kampf gegen Überschuldung.

Zweitens: Schuldnerberatungsstellen helfen. Je früher Schuldner dort Rat suchen, desto besser sind die Möglichkeiten, sich mit Gläubigern zu einigen, ein Privatinsolvenzverfahren zu beginnen und sich so eines Tages von den Schulden zu befreien. Doch von solchen Stellen gibt es zu wenige, Wartezeiten von mehreren Monaten auf einen Termin sind Gift.

Drittens: Familie hilft. Vor allem allein lebende Männer und alleinerziehende Frauen rutschen schnell in die Überschuldung. Eine Trennung, die Aufteilung von Hab und Gut, Unterhaltsverpflichtungen sind nicht nur seelische, sondern auch finanzielle Belastungen. Zu zweit ist man stärker als allein. Das ist nicht nur in der Liebe so, sondern auch beim Geld.

Viertens: Lernen hilft. Denn auch wenn sie nicht die Mehrheit bilden, so gibt es doch noch immer viele, die mit Geld schlicht nicht umgehen können. Noch sind die Zinsen niedrig, Kredite billig. Doch was ist, wenn sich die Zeiten ändern? Wenn Darlehen eines Tages wieder richtig Geld kosten? Haushalten sollte man daher schon in der Schule lernen. Als Hänschen. Wenn Hans damit anfängt, ist es zu spät.

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