Wirtschaft : Die schwache Währung treibt die Zinsen hoch

Europäische Zentralbank gerät unter Druck. Mineralölkonzerne erhöhen Preise für Benzin und Diesel

Die anhaltende Schwäche des Euros hat kurz vor der nächsten EZB-Sitzung am Donnerstag zu heftigen Spekulationen über höhere Zinsen geführt. Der Referenzkurs wurde am Dienstag mit 0,9710 Dollar festgesetzt. Im Devisenhandel hieß es: Zweifel an der Glaubwürdigkeit europäischer Politik setzten die Währung unter Druck. Eine Zinserhöhung für den Euro-Raum werde für Donnerstag nicht erwartet, aber auch nicht ausgeschlossen.

Angesichts der Euro-Schwäche forderte der Bund der Steuerzahler die Bundesregierung auf, das Vertrauen der Kapitalanleger zu stärken. "Dazu muss in Deutschland, als eine der stärksten Volkswirtschaften im Euroraum, eine mutige Reformpolitik auf den Weg gebracht werden, die die Kapitalanleger überzeugt", sagte der Präsident des Steuerzahlerbundes, Karl Heinz Däke. Die internationale Wirtschaft schaue mit Argusaugen auf Deutschland und erwarte ein mutigere Steuerreform mit deutlich niedrigeren Steuersätzen und einem deutlich stärkeren Entlastungsvolumen.

Auch die FDP-Politiker Rainer Brüderle und Helmut Haussmann erklärten in Berlin, der Verfall des Eurokurses sei Ausdruck der europäischen und vor allem der deutschen Standortprobleme. Der Bundeskanzler als Vertreter des größten Wirtschaftsraums in der Eurozone müsse sich des Kursverfalls annehmen. Das Euro-Tief spiegele das Misstrauen der internationalen Anleger gegenüber den langfristigen Wirtschaftsperspektiven des Euro-Raumes wider.

In Händlerkreisen wurden die anahltenden Euro-Verkäufe damit erklärt, dass bisher eindeutige Äußerungen von EU-Vertretern ausgeblieben seien. Die Aussagen von EZB-Chef Wim Duisenberg, wonach eine weitere Schwächung des Euro ein Risiko für die Preisstabilität bedeuteten, seien von den EU-Finanzminister noch am selben Tag konterkariert worden, kritisierten Händler in Tokio. Die Minister hatten lediglich wiederholt, dass der Euro basierend auf Wachstum und Preisstabilität Aufwertungspotenzial hat. Dies sei zum jetzigen Zeitpunkt zu wenig, hieß es in Tokio. Der Markt habe den Eindruck, dass der Euro nicht verteidigt werde. Außerdem bringe man der EZB nicht das Maß an Vertrauen entgegen, das der US-Notenbank entgegengebracht werde, erklärten Händler in London: Während die EZB, egal was sie entscheide, auf Kritik stoßen dürfte, seien die Leute ziemlich davon überzeugt, das US-Notenbankchef Alan Greenspan die US-Wirtschaft sicher zu einer sanften Landung führen werde.

Als psychologischen Grund für die Euro-Verkäufe wurde auch die mögliche Beteiligung der rechtsgerichteten FPÖ an der Regierungskoalition in Österreich genannt. Zudem belaste schon seit Wochen die CDU-Affäre um Ex-Kanzler Helmut Kohl die Währung. Die Affären in Europa stünden im Übrigen im Gegensatz zu den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den USA. Die im November bevorstehende Präsidentenwahl verlaufe bisher ohne Störungen, und die US-Wirtschaft stelle im Februar mit 107 Monaten Wachstumskurs einen Rekord auf. Zudem schwäche die Zinsdifferenz zum US-Dollar den Euro.

Für diesen Donnerstag rechnet die Mehrheit von Analysten immer noch nicht mit einem Zinsschritt der EZB. Allerdings schließen auch viele Händler einen solchen Schritt nicht mehr aus. Dies könnte aber - wie schon im November - den Euro auf Grund der möglichen konjunkturellen Folgen eher belasten. Der Chefökonom der Deutschen Bank, Norbert Walter, sagte am Dienstag im Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg er gehe davon aus, dass die EZB die Leitzinsen erhöhen werde, um den Euro wieder zu stabilisieren. Der Wirtschaftsweise Rolf Peffekoven sagte, angesichts des Inflationsdrucks werde sich die EZB "überlegen müssen, ob sie hier möglicherweise Gegenmaßnahmen ergreift". Eine Erhöhung der langfristigen Zinsen belaste aber die öffentlichen Haushalte immens. Peffekoven, der Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage ist, rechnet wegen der anhaltenden Euroschwäche mit einer höheren Inflationsrate. Die Abwertung des Euros führe zu steigenden Importpreisen, vor allem bei Rohstoffen. Unter dem Hinweis auf den Euro-Kursverfall und den teuren Dollar erhöhten die Mineralölkonzerne unter Führung der Deutschen Shell die Preise für Benzin und Diesel am Dienstag um drei Pfennig pro Liter.

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