Wirtschaft : Die Schwäche der europäischen Währung beunruhigt die Zentralbank

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Trotz steigender Inflation bleiben die Leitzinsen unverändert. Wim Duisenberg fordert moderate Tarifabschlüssero

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag trotz der gestiegenen Inflation im Euroraum und der Schwäche der Gemeinschaftwährung die Zinsen unverändert gelassen. EZB-Präsident Wim Duisenberg machte nach der Sitzung des EZB-Rates aber sehr deutlich, dass die nächste Zinserhöhung nur eine Frage der Zeit ist. "Es kann für niemanden Zweifel geben, in welche Richtung sich die Geldpolitik im Euroraum bewegen wird."

Zuletzt hatte die EZB den wichtigsten europäischen Leitzins, den Refi-Satz Anfang Februar von 3,00 auf 3,25 Prozent angehoben. Nach Ansicht von Duisenberg haben die Risiken vor allem mit Blick auf den Ölpreis und die Euroschwäche zugenommen. Bereits im Januar habe die Inflationsrate im Euroraum bei 2,0 Prozent gelegen nach 1,7 Prozent im Dezember, erklärte Duisenberg am Donnerstag vor der Presse in Frankfurt. Die EZB werde deshalb wachsam bleiben. Der Kurs des Euro sei nach wie beunruhigend. Duisenberg betonte mit Nachdruck, dass sich die Zentralbank einen stabilen und starken Euro wünsche. "Ein starker Euro ist im Interesse Europas." Am Donnerstag legte die EZB den Kurs der europäischen Gemeinschaftswährung mit 0,9725 (Mittwoch 0,9667) Dollar fest. Für den Dollar ergibt sich damit ein Kurs von 2,0111 (2,0232) Mark.

Aus zwei Gründen macht sich der EZB-Präsident Sorgen wegen der anhaltenden Euro-Schwäche. Zum einen nähmen die Gefahren für die Preisstabilität zu, weil sich Importgüter und vor allem Rohstoffe verteuern. Zum anderen werde die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in die europäische Währung beeinträchtigt. Im übrigen spiegele sich im aktuellen Kursniveau des Euro nach Ansicht von Duisenberg nicht die zunehmende Stärke der europäischen Wirtschaft.

Zwar schließt der EZB-Präsident nicht aus, dass sich die Inflationsrate im Laufe des Jahres wieder abschwächt, wenn möglicherweise der Ölpreise sinke. Alle Prognosen, die eine Preissteigerungsrate von unter zwei Prozent voraussagen, gingen allerdings von sehr günstigen Umständen aus. Der EZB-Rat müsse dagegen auch das Geldmengen- und anhaltend starke Kreditwachstum im Auge haben. Außerdem könnten sich die Effekte von höheren Importpreisen in der Inflationsrate niederschlagen. Duisenberg appellierte erneut an die Tarifparteien, sich auf moderate Abschlüsse zu einigen. Dies sei eine Voraussetzung für stabile Preise und für den Abbau der hohen Arbeitslosigkeit.

Die Wirtschaft in Euroland sieht der EZB-Präsident in einem klaren Aufwärtstrend. Für das Jahr 2000 rechnet Duisenberg mit einem Wachstum von leicht über drei Prozent. Dieses Tempo sollte auch 2001 gehalten werden. "Die wirtschaftlichen Bedingungen im Euroraum und die Aussichten sind so gut wie nie in der letzten Dekade", sagte der EZB-Präsident. Das Wachstum sei stark, die Beschäftigung nehme zu und die immer noch hohe Arbeitslosigkeit könne endlich zurückgehen. Weitere Wachsamkeit der Geldpolitik auf mögliche Stabilitätsrisiken und Strukturreformen seien das Fundament für eine anhaltende Phase starken Wachstums und zunehmender Beschäftigung.

Auch Bundesfinanzminister Hans Eichel bezeichnete am Donnerstag den Euro unterhalb der Parität zum Dollar als unterbewertet. Die Finanzminister aller elf Eurostaaten seien der Auffassung, dass die Devisenmärkte die Fundamentaldaten des Euro zur Kenntnis nehmen sollten. Zugleich sprach sich der SPD-Politiker gegen Interventionen zu Gunsten der Gemeinschaftswährung aus.

Duisenberg kündigte am Donnerstag an, dass die EZB künftig ihre Ratssitzungen auch außerhalb von Frankfurt abhalten werde. Zum ersten Mal treffen sich die Notenbanker am 30. März in Madrid. In der zweiten Jahreshälfte soll eine weiteres Treffen der Spitze der Europäischen Zentralbank in Paris stattfinden. Am 2. und 3. November wird die EZB erstmals einen eigenen Kongress veranstalten. Im Mittelpunkt wird die Frage stehen: "Warum Preisstabilität?"

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