Wirtschaft : Die Schweineflüsterer von Herford

Vanessa Fuhrmans

Während die 1500 Schweine ihr Abendmahl verdrücken, klettert Ulrich Krutemeier in den Stall, um mit seinen Tieren zu kuscheln. Doch die Chemie stimmt ganz eindeutig nicht. Die Schweine weichen nervös zurück, als die schlammverkrusteten Stiefel von Krutemeier den Boden berühren. Als er einen der Säuger am Rüssel kitzelt, erwidert das Tier die Zuneigung mit einem Biss. "Aua!", ruft der rotblonde Krutemeier und reißt seinen Arm zurück. "Darauf konnte nur jemand kommen, der keine Ahnung von Schweinen hat", brummelt der 37-jährige.

Dieser jemand ist die Regierung von Nordrhein-Westfalen. Sie will das Verbrauchervertrauen zurückgewinnen, das im vergangenen Jahr durch BSE und andere Lebensmittel-Skandale erschüttert worden war. Tests und Hygienestandards müssen verbessert werden, sagen die Politiker. Aber das ist nur ein Teil der Lösung. Ebenso wichtig sei, dass Bauern ihre Tiere - nun ja, menschlicher aufziehen. Damit die Schweinezüchter nicht rätseln müssen, wie sie das anstellen sollen, hat das nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerium die neuen Rechte der sechs Millionen NRW-Schweine im so genannten Schweinehaltungs-Erlass klargemacht.

Danach hat ein durchschnittlich großes Schwein Anspruch auf einen Quadratmeter Stallfläche und eine weiche Gummi- oder Strohmatte zum Schlafen. Falls es Lust zum Spielen hat, muss es Ketten oder Spielzeug zum Daraufherumkauen haben. Aber auch Bälle könnten den Schweinen zur Verfügung gestellt werden, heißt es im Erlass, der in gedrechseltem Behördendeutsch geschrieben ist. Jedes Schwein soll mindestens acht Stunden Tageslicht bekommen. An kurzen Wintertagen muss der Bauer mit künstlichen Licht nachhelfen. Was aber die Bauern am meisten aufbrachte, war die "Kuschel-Vorschrift". Danach muss der Bauer jedes Schwein täglich mindestens 20 Sekunden ansehen - und die liebende Zuwendung auch beweisen, indem er auf Formularen angibt, genug Arbeitskräfte zu haben, um die Betreuungszeit zu garantieren. Ohne dies erhält ein Bauer nicht die erforderliche Lizenz für die Vergrößerung oder für den Aufbau eines Schweinezuchtbetriebes.

Bislang hat das Gesetz wenig dabei ausgerichtet, Bauern und Schweine näher zu bringen. Vielen ist gar nicht klar, was sie überhaupt tun sollen. "Was soll ich denn genau machen? Das hier etwa?", fragt der 48-jährige Bauer Egbert Storck, der in der Nähe von Herford 1300 Schweine hält. Er lehnt sich über den Zaun eines Schweinestalls, starrt mit weit aufgerissenen Augen eines der Schweine an, und zählt dabei die Sekunden. Das Tier wendet sich unter dem intensiven Blick zur Seite und versteckt seinen Kopf hinter einem anderen Tier. "Sehen Sie, auch den Schweinen gefällt es nicht", sagt Storck.

Zum Lachen ist den Bauern dennoch nicht zu Mute. Sie befürchten, der Erlass könne ihre Existenz gefährden. So entstände für einen Bauer mit 1500 Schweinen acht Stunden zusätzlicher Arbeitsaufwand am Tag, wenn er 20 Sekunden Betreuungszeit pro Schwein rechnet. Das entspricht einer zusätzlichen Vollzeit-Arbeitskraft. Daher schätzen die Bauern, dass die neuen Vorschriften die Kosten der Schweinehaltung um zwölf Euro pro Tier verteuern. Dieser Betrag ist fast so hoch wie ihr Gewinn. Die Bauern haben außerdem Angst, gegenüber ihren Kollegen aus Süd- und Osteuropa an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. "Wir hätten kein Problem damit, jedem Schwein einen Ruhesessel zu geben, wenn das verlangt würde - so lange jeder andere Bauer in der EU es auch tun würde", sagt Wilhelm Brüggemeier, ein Bauer aus der Region.

Zwei Frauen sind es, die für die Bauern den ungeliebten Schweinehaltungs-Erlass verkörpern: die NRW-Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn und die Bundeslandwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin Renate Künast. Denn die Schweinehaltungs-Vorschriften wurden von Grünen verfasst, die das Bundesland mit der SPD regieren. Endgültig ist der Erlass nicht. Er gelte nur übergangsweise, bis ein bundesweites Schweinezucht-Gesetz erlassen sei. Und das werde wahrscheinlich im kommenden Jahr passieren. Man hoffe aber, dass der NRW-Erlass Vorbild für ein Bundesgesetz werde.

Noch ist es zu früh zu sagen, ob Verbraucher Fleisch von Schweinen vorziehen, die mit mehr Zuwendung aufgezogen wurden. Doch wissenschaftliche Untersuchungen liefern zwiespältige Resultate. Im Haus Düsse, einem staatlich geförderten Trainings- und Testzentrum für die Landwirtschaft, testen Experten die Reaktion der Schweine - mit unterschiedlichen Ergebnissen. Als der Agroingenieur Hans-Joachim Lücker das Licht aufdreht, um die staatlich vorgeschriebenen Lichtstärken zu simulieren, schnappen einige Schweine nach den anderen Tieren. Von Natur aus sind Schweine Nachttiere und daher macht ihnen schwaches Licht nichts aus. Selbst die Gummimatte stößt nicht überall auf Liebe: In einem Stall haben die Schweine sich zwar für ein Nickerchen auf die Matte gelegt - aber im nächsten Stall strecken sie sich lieber auf dem Zementboden aus. "Wir können jede Vorschrift der Welt erlassen", sagt der Agroingenieur Lücker. "Aber es sind die Schweine, die entscheiden, was ihnen gefällt."

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