Wirtschaft : Die schwierige Suche nach Plan B

DAVID WESSEL BOB DAVIS

Mehr als ein Jahr lang haben das amerikanische Finanzministerium und der Internationale Währungsfonds (IWF) den angeschlagenen Regierungen Vorträge gehalten, daß die einzige vernünftige Reaktion auf die globale Finanzkrise eine rasche Liberalisierung der Märkte sei.Und bis vor kurzem haben diese Regierungen auch darauf gehört.Aber es hat nicht funktioniert.Zumindest nicht annähernd so gut, wie es sich die Befürworter dieser Strategie erhofften.Jetzt bewegen sich einige betroffene Länder genau in die entgegengesetzte Richtung.Sie stellen neue Barrieren auf, um den freien Kapitalfluß über die Grenzen hinweg zu verhindern.Es sieht so aus, als würden sich noch weitere Länder diesem Kurs anschließen.Das Ergebnis ist die weltumspannendste Herausforderung für die Lehre der reinen Marktwirtschaft seit Ende des Kalten Krieges.

Der malaysische Premierminister Mahathir Mohamad verkündete, daß die freie Marktwirtschaft kastrophal gescheitert sei.Diese Woche sagte er, daß sein Land nicht länger zulassen würde, daß die Währung außerhalb der eigenen Grenzen gehandelt würde.Rußland hat sich geweigert, seine Auslandsschulden zu bezahlen.Einige lateinamerikanischen Regierungen liebäugeln mit der Einführung neuer Währungskontrollen.Es werde an vielen Orten versucht, die Freiheit einzuschränken, sagt Fan Gang, ein unabhängiger Wirtschaftswissenschaftler, der von Zeit zu Zeit die chinesische Führung berät."Es ist ein historischer Wandel, der hier stattfindet." Sogar diejenigen, die Kontrollen der Kapitalflüsse für schädlich halten, erwarten, daß sie vermehrt eingesetzt werden."Ich glaube fest daran, daß Kontrollen der Geldflüsse zur Mode werden", sagt Rüdiger Dornbusch, Volkswirt am Massachusetts Institute of Technology, deutlich.

Bisher war die vorherrschende Meinung unter den volkswirtschaftlichen Strategen der Welt, daß das Geld sich frei um den Globus herum bewegen solle.Dem Kapital solle es möglich sein, die profitabelste und produktivste Anlageform zu finden, ganz gleich an welchem Ort.Und bis im vergangenen Jahr wuchsen und gediehen die Emerging Markets unter dieser Strategie.Sie zogen Hunderte Milliarden Dollar von ausländischen Investoren an, was einen bemerkenswerten Anstieg des Lebensstandards nach sich zog.Wie keiner anderen Institution gelang es dem Markt, den Regierungen eine Disziplin aufzuerlegen, die sie zu vernünftiger Wirtschaftspolitik zwang.

Aber jetzt ist klar, daß die Abhängigkeit ihren Preis hatte.Ein großer Teil des Geldes war in kurzfristige Projekte investiert worden und konnte so schnell wieder fliehen, wie es gekommen war.Das Resultat: Die Zinsen stiegen, die Wechselkurse fielen und entzündeten Finanzkrisen und Rezessionen.Leere Büroräume in Kuala Lumpur und Bangkok geben ausreichend Zeugnis darüber ab, daß zumindest ein Teil des ausländischen Geldes verschwunden ist.

Einige der Länder, die sich weigerten, sich der Lehre des freien Geldflusses anzuschließen - China, Indien und zu einem geringeren Maße auch Chile - ragen jetzt als die am wenigstens von der Krise betroffenen Länder heraus.Weil Indien nie ganz die Tür für fremdes Geld öffnete, bleibt es von der aktuellen Entwicklung an den Finanzmärkten, die insbesondere die Währungen in heftige Turbulenzen stürzen, verschont, sagt der frühere indische Finanzminister Montek Singh Ahluwalia.Er hat bei der Konzeption der markt-orientierten Reformen des Landes in den 90er Jahren mitgearbeitet und ist ein starker Befürworter des freien Handels von Gütern und Dienstleistungen."In Indonesien hat jeder, der Geld hatte, es in dem Moment außer Landes gebracht, in dem klar war, daß die Rupiah fallen würde.In Indien könnte das nicht passieren." Kontrollen seien zwar "ein Ärgernis", in dieser Übergangsphase aber nötig.

All das ist auf der Wall Street nicht ungehört geblieben.Die Volkswirte von Goldmann, Sachs & Co.schrieben in ihrem Newsletter in dieser Woche: "Bislang geht es den Ländern noch am besten, deren Währung nicht frei konvertiert ist.Das erhöht die Gefahr, daß andere Länder sich unter Umständen auch dazu entscheiden, die Kapitalmärkte zu kontrollieren.Die genauen Konsequenzen für die Vereinigten Staaten sind zwar unbekannt, aber solche Schritte würden auf jeden Fall negative Auswirkungen haben." Experten sehen eine Bedrohung für die Gewinne der multinationalen US-Unternehmen - vor allem für die Finanzdienstleister - die von der größeren Offenheit für ausländische Direktinvestitionen profitiert haben.

Unter den Akademikern ist es Jeffrey Sachs, Volkswirt in Harvard und einer der harschesten Kritiker des IWF-Ansatzes, der sich entschieden gegen eine Kontrolle der Finanzmärkte als Antwort auf die jetzigen Bedingungen ausspricht."Der Kern der wirtschaftlichen Entwicklung ist die Integration in die globale Wirtschaft", sagt er."Wenn man das System einmal verlassen hat, ist es schwierig, wieder zurück zu gelangen."

Trotz einigen vielversprechenden Zeichen in Thailand und Korea haben die enttäuschenden Ergebnisse der Strategie des IWF weltweit Experten dazu animiert, nach Plan B zu suchen.Hinter geschlossenen Türen trafen sich 30 anerkannte Top-Finanzwissenschaftler im Institute for International Economics in Washington und diskutierten die Vor- und Nachteile von Kontrollen der Finanzmärkte.Wall Street hatte nur einen abfälligen Kommentar für solche Kontrollen übrig: Sie seien kontraproduktiv und ließen sich nicht umsetzen.Auch David Folkerts-Landau, ein früherer Top-Mitarbeiter des IWF und heutiger Leiter des Emerging Market Research der Deutschen Bank sprach sich gegen Kontrollen aus: Sie seien "katastrophal" und würden ausländische Investoren vertreiben."Die Angst, in der Falle zu sitzen, ist für die Investoren überwältigend".

Dagegen betonte Joseph Stiglitz, Chef-Ökonom der Weltbank, daß Kontrollen in Betracht gezogen werden könnten, vorausgesetzt, sie würden so konzipiert, daß sie kurzfristige Investitionen oder kurzfristige Devisengeschäfte erschweren, ohne die wichtigen ausländischen Investitionen in Wirtschaft und Infrastruktur zu behindern.

Im Gegensatz zum Jahrhunderte alten Argument der Ökonomen für den Freihandel ist das Argument für den freien Fluß der Investitionen relativ neu.Diejenigen, die den IWF aufgebaut haben, der renommierte britische Ökonom John Maynard Keynes und der weniger bekannte Amerikaner Harry Dexter White, befürchteten, daß Kapitalflüsse eine unabhängige und störende Kraft entwickeln könnten, die den Handel behindern könnte.Keynes Überzeugung: "Es ist die weitverbreitete Meinung, daß die Kontrolle der Kapitalbewegungen eine dauernde Einrichtung des Systems sein sollte."

Die Kontrollen wurden in den Vereinigten Staaten erst 1974 aufgehoben - zu der Zeit war dieser Schritt sehr umstritten.Zu Beginn der 80er Jahre erlaubten nur die USA, die Schweiz und Großbritannien den freien Kapitalfluß.Deutschland folgte 1984 und Japan etwas später.Nach und nach verschwanden auch andere internationale Barrieren.Im vergangenen Jahr, bevor das Ausmaß der Krise abzusehen war, einigten sich die Mitglieder des IWF darauf, den freien Fluß des Kapitals zu einem ihrer vordringlichen Ziele zu machen.Die jetzige Charta erlaubt es den Ländern nach eigenen Vorstellungen Barrieren einzurichten.Der IWF-Vorschlag hat jetzt wieder eine breite Diskussion zwischen Gegner und Befürwortern der Barrieren entfacht.Die Positionen sind klar: Wall Street hat ein offensichtliches Interesse daran, das Kapital so mobil wie möglich zu halten.Die aufstrebenden jungen Märkte teilen dieses Interesse nicht."Sie müssen die Kosten und das Risiko einer Krise genau abwägen", sagt Jagdish Bagwhati von der Columbia University.

Übersetzt und gekürzt von Kristina Greene (Osteuropa), Karen Wientgen (Europäische Börsen, Malaysia) und Sigrun Schubert (Währungskontrollen).

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