Wirtschaft : „Die sind doch schon mit 68 tot“

IG Metall und VW-Betriebsräte machen gegen die Rente mit 67 mobil. Die Beschäftigten finden das gut

Yasmin El-Sharif

Salzgitter - André Meiners bewegt etwas. Ungefähr 400-mal am Tag hebt er im Volkswagen-Werk Salzgitter eine Kupplung aus einer hohen Kiste, dreht sich um 90 Grad nach links und wuchtet das etwa sechs Kilo schwere Metallstück auf einen Vier-Zylinder-Motor. Dann schraubt er fünf Schrauben fest. Das Band, auf dem der Motor steht, fährt ein Stück weiter. Dahinter reihen sich noch viele weitere Motoren ohne Kupplung. André Meiners dreht sich wieder nach rechts zur Kiste, holt die nächste Kupplung, dreht sich nach links und versorgt den nächsten Motor mit ihr. Das macht André Meiners acht Stunden am Tag, fünfmal in der Woche, seit 22 Jahren.

Und so soll es Meiners, heute 42, wohl auch die nächsten 25 Jahre machen. Das will zumindest Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD). Rente mit 65? Damit soll künftig Schluss sein. „Immer dieses Drehen und Drehen bis ich 67 bin?“ fragt André Meiners. „Das halte ich kaum aus“, sagt er und schaut müde aus, obwohl seine Schicht erst vor eineinhalb Stunden angefangen hat. „Ich habe doch jetzt schon ständig Rückenschmerzen und kann nachts manchmal nicht mehr schlafen.“

Auf Leute wie Meiners wird wohl wenig Rücksicht genommen werden, wenn im Februar und März im Bundestag das Altersgrenzenanpassungsgesetz behandelt und wahrscheinlich auch verabschiedet wird. Denn für den Arbeitsminister ist sicher, dass es angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung und zugleich sinkender Geburtenzahlen ohne Reformen nicht weitergehen kann. Für alle, die nach 1947 geboren sind, bedeutet das eine verlängerte Lebensarbeitszeit. Ausnahmen soll es für Leute geben, die 45 Jahre oder noch länger gearbeitet haben. Meiners könnte noch Glück haben, wenn er mit 65 seine 45 Arbeits- und Rentenjahre voll hat.

Doch gerade hier sehen die Gewerkschaften und die Betriebsräte die Tücken im neuen Gesetz. „Kaum einer arbeitet heute noch bis 65“, sagt Andreas Blechner der im VW-Werk Salzgitter Betriebsratschef ist. Im Werk läge der Altersdurchschnitt bei den ausscheidenden Mitarbeitern heute bei 58 oder 59 Jahren. „Da ist das doch eine ganz klare Rentenkürzung“, sagt Blechner. Denn zum einen werde die Rente trotz geplanter längerer Lebensarbeitszeit nicht angehoben, zum anderen müssten viele Arbeitnehmer meist aus gesundheitlichen Gründen früher in Rente gehen und nähmen dafür Abschläge ihrer Altersbezüge in Kauf. „Den vollen Rentenanspruch muss es nach 40 Versicherungsjahren geben“, fordert Blechner.

Doch im Bundesministerium für Arbeit hält man am Entwurf fest. Da das neue Rentengesetz erst Schritt für Schritt zwischen 2012 und 2029 greife, solle die Phase dazwischen von den Unternehmen genutzt werden, um Arbeitsplätze neu zu gestalten. „Das ist ein langer Horizont“, sagt Christian Westhoff, Sprecher im Müntefering-Ministerium. „Bis dahin müssen mehr Schonarbeitsplätze eingerichtet und gesundheitsförderliche Maßnahmen ausgebaut werden“, sagt er. „Es ist ja nicht für alle ausgemacht, ewig am Band zu arbeiten.“

Das ist auch bei Uwe Kelch so. 36 Jahre lang hat er im VW-Werk Salzgitter „an der Linie“ gestanden, an Motoren geschraubt und gebohrt. Heute steht der 55-Jährige zwar immer noch den ganzen Tag. Aber inzwischen überwacht er die Maschinen, die die Motoren zu den Arbeitern am Band fahren. „Man kann einfach niemandem zumuten, das noch mit 66 Jahren zu machen“, sagt der kleine Mann mit den schlohweißen Haaren und der rötlichen Gesichtshaut. „Dieses stupide, eintönige Arbeiten belastet am meisten.“ Deshalb hat er sich – wie die meisten Älteren bei VW – für die Altersteilzeit entschieden. Seit dem 1. Januar nimmt er sie wahr. Das heißt für ihn, dass er in viereinhalb Jahren in die Freistellung gehen kann, wenn er 62 ist, geht er dann in Rente. Dass er bis dahin Gehaltseinbußen hinnehmen muss, ist für ihn ein notwendiges Übel. „Was anderes ginge bei mir gar nicht“, sagt Kelch.

Wer bis Ende vergangenen Jahres eine Altersteilzeitvereinbarung unterschrieben hat, kann noch mit 65 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen. Alle anderen müssen sich an den neuen Altersgrenzen orientieren. Eine schlimme Vorstellung für die Beschäftigten in der Kostenstelle 7152, der mechanischen Fertigung von Zylinderkurbelgehäusen. „Hätte ich gewusst, was alles auf mich zukommt, hätte ich bestimmt etwas anderes gelernt“, brüllt Industriemechaniker Mehmet Alan, 38, fast. Er trägt Ohrstöpsel, um gegen den Lärm, der von Hydraulikaggregaten ausgeht, anzukommen. „In jungen Jahren ist das hier ja machbar, aber irgendwann schmerzen die Gelenke, der Rücken“, sagt Alan. „Wie soll ich denn später in die Maschinen reinkriechen – etwa auf Krücken?“

Helga Schwitzer, IG-Metall-Tarifexpertin, übt heftige Kritik an Müntefering. Der würde sagen, Leute, die nicht mehr können, sollten einen Schwerbehindertenantrag stellen. „Es geht doch darum, dass die Beschäftigten gesund in Rente gehen können“, sagt sie. Außerdem sei der Arbeitsmarkt auf die Rente mit 67 nicht vorbereitet. „Ich sehe gar keine Möglichkeit, die ganzen Leute zu beschäftigen.“ Sie verweist auf eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Danach müsste es mindestens 1,2 Millionen neue Stellen geben, wenn zwei Jahre länger gearbeitet wird. Die Veränderungen bei der Altersteilzeit würden das Problem noch verschärfen.

„Das alles ist wirklich absoluter Schwachsinn“, findet auch André Meiners in der Motorenfertigung. „Wenn das Gesetz durchkommt, werde ich nichts mehr von meiner Rente haben“, sagt er und schluckt. „Wir sehen es doch bei den anderen, die schon länger weg sind. Die sind doch schon mit 68 oder 69 tot.“

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