Wirtschaft : Die Spekulation über steigende Zinsen nimmt kein Ende

Bernd Frank

Lange Zeit sind die Anleihemärkte den Aktienmärkten "vorgelaufen". Am amerikanischen Anleihemarkt schlugen sich die Befürchtungen steigender Zinsen nieder und belasteten so auch den Aktienmarkt. Die europäischen Märkte vollzogen diese Entwicklung nach. Inzwischen läuft die Reaktionskette an manchen Tagen anders herum: Kursrückschläge am Aktienmarkt führen zu Umschichtungen in den Anleihemarkt. Aber es ist nicht zu übersehen, dass in Euroland wie in den USA Aktien und Anleihen seit Monaten seitwärts tendieren, wobei Aktien in den letzten Wochen eher wieder zur Schwäche neigten. Bei europäischen Anleihen bot die Stabilisierung des Euro-Kurses zum Dollar eine zusätzliche Stütze. Bis zum 5. Oktober, an dem der Offenmarktausschuss der amerikanischen Notenbank wieder zusammenkommt, dürfte der Grundtenor bei den Marktakteuren auf "abwarten" stehen. Sollten Fed-Chef Alan Greenspan und Kollegen für unveränderte Leitzinsen stimmen, dürfte das nur für kurze Zeit Jubel an den Märkten auslösen. Denn dann richtet sich der Blick schnell wieder auf die nächste Sitzung im November. Dass in diesem Jahr noch ein Zinsschritt kommt, ist offenbar vorherrschende Meinung an den Märkten.

Dafür spricht die anhaltende Verteuerung vieler Rohstoffe - ein klassischer Vorläufer für einen Anstieg der Erzeuger- und dann der Verbraucherpreise. Auf der anderen Seite wird Greenspan das inzwischen etwas gedämpfte Geldmengenwachstum ebenso ins Kalkül ziehen wie eine möglicherweise zu starke Verunsicherung der Börse im "Angstmonat" Oktober und im Vorfeld des Jahr-2000-Wechsels mit den vermuteten Liquiditätsproblemen. In Europa ist verwunderlich, wie viel Aufhebens um manche Zinsprognose gemacht wird. So sind zum Beispiel die Experten vom Deutsche Bank Research der Ansicht, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im kommenden Jahr die Leitzinsen um mindestens 100 Basispunkte erhöhen wird. Dass die Zinsen von dem derzeit äußerst niedrigen Niveau im nächsten Jahr angehoben werden, steht außer Frage. Das Ausmaß hängt aber von so vielen Unwägbarkeiten ab, dass eine Prognose darüber zu weit in die Zukunft reicht.

Anleger, die sich mit Unternehmensanleihen beschäftigen, wissen, dass diese je nach Laufzeit einen Renditevorsprung von 0,6 Prozentpunkten und mehr vor Bundespapieren besitzen. Da der Zinsfreibetrag mit Beginn des nächsten Jahres halbiert wird, gewinnen Anleihen mit niedrigem Zinskupon und entsprechend niedrigem Kurs an Attraktivität - schließlich ist der Kursgewinn nach einem Jahr steuerfrei. Auch Immobilienanleger müssen zum Jahresende eine steuerliche Veränderung beachten. Wer eine Wohnung zur Vermietung kauft, erwägt zur Finanzierung in der Regel eine Lebensversicherungshypothek. Voraussichtlich werden die Erträge neu abgeschlossener LV-Hypotheken ab Dezember oder Januar mit 25 Prozent besteuert. Es lohnt sich, noch vorher eine solche Finanzierung klarzumachen. Die Geldanlage in Zinspapieren und der Kauf einer Immobilie zur Vermietung dienen dem Vermögensaufbau und letztlich auch der Altersvorsorge. Angesichts der steuerlichen Verschlechterungen ist es bisher leider nur ein unbestätigtes Gerücht geblieben, dass die Bundesregierung die Altersvorsorge "stärkt". Wahr ist, dass sie die steuergünstigen Möglichkeiten einschränkt und Anleger in ihrer Entscheidungsfreiheit damit einengt.

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