Wirtschaft : Die Stadt in einer Hand

Drei Berliner haben ein Navigationssystem entwickelt, das Touristen den Reiseführer ersetzt

Jens Mühling

Berlin - Achtung, dieses Produkt macht schadenfroh. Der „Cruso“ ist ein kleiner Plastikkasten, der Touristen per Kopfhörer die Sehenswürdigkeiten in ihrer Umgebung erklärt – und wer das Gerät um den Hals hängen hat, kann sich beim Anblick anderer Touristen kaum das Lachen verkneifen: wie sie mit vier Fingern gleichzeitig in Reiseführern blättern, wie sie Stadtpläne im Wandtapetenformat auseinanderfalten, um bei jeder Windböe loszufluchen.

Mit dem Cruso ist das alles ein bisschen einfacher. Rund 15 mal 20 Zentimeter groß ist der Kasten, er wiegt keine 200 Gramm und lässt sich leicht in der Hand tragen. Bedient wird er über den eingebauten Bildschirm, auf dem die Sehenswürdigkeiten der unmittelbaren Umgebung in rotierender Panoramasicht mit Symbolbildern dargestellt werden – rund 200 Sehenswürdigkeiten sind eingespeichert, das Angebot wird ständig erweitert. Interessiert man sich für ein bestimmtes Bauwerk, drückt man einfach auf das zugehörige Symbol – sofort teilt eine Sprecherstimme die wichtigsten Fakten und witzigsten Anekdoten mit. Hinterlegt sind die Informationen mit atmosphärisch angepasster Musik, ab und an werden Tondokumente in die Erläuterungen eingestreut: Beim Roten Rathaus etwa erklärt ein gut gelaunter Klaus Wowereit, er sei ein „Politiker zum Anfassen“, während vor dem Palast der Republik die quäkende Stimme Erich Honeckers zu einem dreifachen „Hip Hip Hurra auf die Deutsche Demokratische Republik“ einlädt. Natürlich lassen sich die einzelnen Sehenswürdigkeiten auch in vorprogrammierten Touren erlaufen, bei denen eine Übersichtskarte die Orientierung erleichtert.

Erfunden und entwickelt haben das Gerät drei junge Berliner Diplomingenieure. Marco Köhler ist einer von ihnen, und bei der gestrigen Eröffnung der ersten Cruso-Verleihstation am Alexanderplatz stand dem 35-Jährigen der Stolz ins Gesicht geschrieben. Kein Wunder: Mit ihrer Fraunhofer-Ausgründung haben die drei Entwickler Großes vor. Sobald die erste Verleihstation richtig läuft, wollen sie das Konzept schrittweise auf ganz Berlin und noch in diesem Sommer auch auf München und Hamburg ausdehnen. Im Spätsommer könnten Dresden und Köln folgen. „Und unser Ziel ist natürlich, den Cruso international zu etablieren“, sagt Köhler.

Knapp zwei Jahre hat der Berliner an seiner Erfindung gefeilt. Nicht nur das Gerät selbst, auch das Betriebssystem und die Software haben Köhler und seine Kollegen selbst entwickelt. Der Grund: Die Akku-Laufzeit musste maximiert werden, damit das Gerät ohne zusätzliches Aufladen einen ganzen Tag lang einsatzbereit ist. Es soll Touristen nicht nur den Stadtplan und die Reiseliteratur ersetzen, sondern auch den persönlichen Führer – und perspektivisch auch den Gang zur Museums- oder Theaterkasse. Denn bald schon soll das Gerät auch den bargeldlosen Kauf von Eintrittskarten ermöglichen, eine Testphase mit dem Berliner Kennedy-Museum und dem Speicher-Club an der East Side Gallery soll noch diesen Monat starten.

Pro Tag kostet der Cruso zwölf, am Wochendende 14 Euro, Schüler und Studenten bekommen zwei Euro Rabatt, auch Gruppen zahlen weniger. Fürs erste soll die Verleihstation auf der zweiten Etage des Fernsehturms mit 100 Geräten ausgestattet werden, bald soll der Cruso auch an anderen Punkten der Stadt und in Hotels erhältlich sein.

Gefertigt wird das Gerät in Marienfelde: Der Hersteller Dorazil ist gleichzeitig Investor bei Köhlers Firma, der „Dreifach Einfach GmbH“, die ihren Sitz auf dem Gelände des Wissenschafts- und Technologieparks Adlershof hat. „Wir sind Berliner Jungs, wir machen ein Berliner Produkt“, sagt Köhler, dem es wichtig war, den Cruso komplett in Deutschland und überwiegend in der Hauptstadt fertigen zu lassen. 20 Mitarbeiter hat Köhlers Firma bislang, bis Ende des Jahres könnten es 60 bis 80 werden.

„Angefangen haben wir mit Risikokapital von einem Berliner Immobilienmakler“, erzählt Köhler. Mit rund 150 000 Euro ging es los, eine zweite Finanzierungsrunde brachte zusätzliche 450 000 Euro. Inzwischen beziffertt Köhler den Wert seines Unternehmens auf etwa acht Millionen Euro. Das erste Kaufangebot aus den USA hätten sie schon abgewiesen, sagt Köhler. „Wir wollen das alleine durchziehen.“

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