Wirtschaft : Die Steuerreform fordert immer neue Opfer

HEIKE JAHBERG

BERLIN .Jetzt soll es Michael Naumann richten.Auf den neuen Staatsminister für Kultur konzentrieren sich die Hoffnungen deutscher Verleger und Buchhändler, die drohende Steuer-Katastrophe abzuwenden.Heute wollen sich der Börsenverein des deutschen Buchhandels und der neue Kulturminister treffen: Statt über die schönen Künste wird man über knallharte Fakten sprechen, über das von Rot-Grün geplante Verbot der sogenannten Teilwertabschreibung und das Wertaufholungsgebot.

Worum geht es? Kauft ein Händler Ware für 1000 DM, die er nicht sofort verkaufen kann, und legt sie aufs Lager, so kann er bislang den Wertverlust, der mit der Zeit eintritt, steuermindernd abschreiben.Statt der Herstellungs- oder Anschaffungskosten taucht in der Bilanz der niedrigere Wiederverkaufswert auf.Was für Lagerware gilt, gilt sinngemäß auch für Wertpapiere und Darlehensforderungen.Damit soll jetzt Schluß sein.Lagerbestände, Aktien oder Kreditansprüche sollen künftig so lange mit dem Wert bilanziert werden, den sie zum Zeitpunkt der Anschaffung hatten, bis sie wieder abgestoßen werden oder mögliche Verluste realisiert sind.Geplante Einnahmen für den Fiskus: 3,3 Mrd.DM im Jahr.Die Wirtschaft läuft Sturm."Absurd" nennt der Deutsche Industrie- und Handelstag die Steuerpläne.Die Unternehmen würden gezwungen, Steuerbilanzen vorzulegen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hätten.

Als Opfer sehen sich vor allem Buchhändler und Verlage.Denn für sie ist die Lagerhaltung unverzichtbar."Verlage, die nicht nur schnellverkäufliche Bestseller im Angebot haben, müssen auf einen langfristigen Abverkauf ihrer Bücher und damit auf eine langjährige Lagerhaltung setzen", schrieb der Vorsteher des Börsenvereins, Roland Ulmer, kürzlich in einem Brief an Finanzminister Lafontaine.Anders als in Italien oder den USA, wo die Titel schon nach wenigen Monaten vom Markt verschwinden, kann man in Deutschland unter rund 820 000 Titeln auswählen, darunter auch Bücher, die schon drei oder vier Jahre alt sind.Der Service hat seinen Preis.Verlage und Buchhändler leiden unter hohen Lagerkosten, die ihnen der Fiskus bislang erleichtert hat.Das soll mit der Gesetzesreform, die im Februar durch den Bundestag gebracht werden soll, rückwirkend zum 1.Januar 1999 aufgehoben werden.Allein im Lager der Kiepert-Buchhandlung in der Hardenbergstraße liegt Ware für rund 7 Mill.DM.Eine "Katastrophe" für den Buchhandel nennt Geschäftsführer Robert Kiepert die neuen Steuerregeln.Auch in den Verlagen herrscht Alarmstimmung: "Die Preisbindung wird das nicht überleben", wenn im nächsten Jahr 1000 Verlage aus Liquiditätsnot ihre Lagerbestände verramschen, warnt Verleger Lothar Schirmer.Die Verlage würden gezwungen, auf Bücher mit kurzer Lebensdauer zu setzen.Damit werde der Sinn der Preisbindung, die Leser langfristig mit dem Kulturgut Buch zu versorgen, ad absurdum geführt, kritisiert Schirmer.Dabei hat sich die neue Regierungskoalition die Verteidigung eben dieser Preisbindung ausdrücklich auf ihre Fahnen geschrieben.Ein Widerspruch, auf den Naumann den Bundeskanzler und seinen Finanzminister jetzt aufmerksam machen soll, meint der Börsenverein.In der SPD-Bundestagsfraktion will man aber von einer Ausnahmeregelung für Kulturbetriebe nichts wissen: "Steuergesetze werden von der Finanzpolitik gemacht".

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