Wirtschaft : Die Stimmung in den Industriebranchen hellt sich auf

Eine Trendwende am Arbeitsmarkt wird indes noch nicht erwartet

Die deutsche Wirtschaft sieht deutlich optimistischer in die Zukunft als noch vor einem Jahr. Aber sie erwartet noch keine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt. Bei der am Mittwoch veröffentlichten Verbändeumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln gaben 20 von 42 Wirtschaftsorganisationen an, ihre Geschäftserwartungen hätten sich in den vergangenen zwölf Monaten deutlich gebessert. In lediglich neun Wirtschaftszweigen wurde die Lage noch negativ beurteilt. Damit habe sich das Verhältnis von Optimisten zu Pessimisten gegenüber der IW-Umfrage des vergangenen Jahres genau umgedreht, teilte das Institut mit.

Unterdessen berichtet das Institut für Weltwirtschaft in Kiel von einem kräftigeren Aufschwung in Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt wird nach einer neuen Prognose der Kieler Konjunkturforscher im Jahr 2000 um 2,5 Prozent zunehmen. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen sinke um 70 000 auf 3,9 Millionen, die Beschäftigung nehme im Jahresschnitt um 50 000 zu. Dennoch bezeichnete der Präsident des Instituts, Horst Siebert, die erwartete Entwicklung am Arbeitsmarkt eher als "Stagnation". Das prognostizierte Plus des Bruttoinlandprodukts bringe nach Einschätzung von Siebert keine große Dynamik zum Ausdruck. Vielmehr sei in dem Zuwachs ein statischer Überhang von einem Prozentpunkt enthalten. Die Prognose sei zudem mit zwei Risiken behaftet, so Siebert: "Eine aggressive Lohnpolitik" könne die zaghafte Verbesserung am Arbeitsmarkt "torpedieren" und "ein Hin und Her in der Wirtschaftspolitik" die Investitionen negativ tangieren.

Exportbranchen zuversichtlich

Laut IW blicken vor allem die exportorientierten Branchen positiv in die Zukunft. Dazu zählen Chemie, Maschinenbau, Elektrotechnik, Feinmechanik und Optik. Sie profitierten von der aufgehellten Weltkonjunktur und der Schwäche des Euro gegenüber dem US-Dollar, die ihre Produkte im Ausland billiger macht.

Dagegen sahen eher inlandsorientierte Wirtschaftszweige noch kein deutlich helleres Geschäftsklima. Vor allem in der Textil- und Bekleidungsindustrie sowie beim mittelständischen Einzelhandel herrsche "geradezu frostiges Klima", betonte das arbeitgebernahe Institut. Dort gebe es noch deutliche Zweifel darüber, ob der Exportschub auch der Inlandsnachfrage genug Impulse verleihen könne. In diesen Branchen sei zudem "die Enttäuschung über die Steuer- und Abgabenpolitik der rot-grünen Bundesregierung besonders groß". In der Bauwirtschaft wiederum sei zwar die Talsohle durchschritten, doch von einem tragfähigen Aufschwung hätten insbesondere die ostdeutschen Unternehmen nicht sprechen wollen. Unverändert ist die Stimmung in Branchen wie der Automobil- und Druckindustrie sowie bei Versicherungen und Speditionen. Für fast alle Bereiche gelte, dass der intensive Wettbewerb den Preisdruck erheblich verstärkt habe und sich "die überhöhten Lohnabschlüsse der Tarifrunde 1999 auf der Kostenseite nachteilig bemerkbar machen", schreibt das IW.

Mit sinkenden Produktions- und Umsatzzahlen im kommenden Jahr rechnen nach der IW-Umfrage nur noch vier Branchen. Im Vorjahr waren es noch elf. Bei den Investitionen vermeldeten 13 Branchen für das Jahr 2000 ein steigendes Budget. In 25 Wirtschaftszweigen sollten demnach die Ausgaben etwa gleich bleiben und nur vier rechnen mit weniger Ausgaben. Das Kölner Institut wies allerdings daraufhin, dass viele Investitionen für Rationalisierungen vorgesehen sind. Arbeitsplatzschaffende Erweiterungen seien dagegen meist nur an kostengünstigeren Standorten im Ausland vorgesehen.

Die für das kommende Jahr allgemein erwartete Belebung der Konjunktur wird nach Meinung des Instituts "allerdings nicht jene Dynamik erreichen, die für den Auffbau der Beschäftigung nötig ist", hieß es in dem Umfrage-Bericht weiter. 18 der 42 Wirtschaftszweige sehen es demnach schon als Erfolg an, wenn sie den aktuellen Mitarbeiterstand halten können. Dagegen wollten 19 Branchen ihren Personalstand reduzieren. Nur in fünf würden Neueinstellungen geplant. Allerdings gehörten zu den letztgenannten mit dem Handwerk, der elektrotechnischen sowie der eisen- und metallverarbeitenden Industrie "drei relativ beschäftigungsstarke Sektoren". Vielfach machten die Verbände nach IW-Angaben die gestiegenen Lohnkosten durch eine "teure Tarifrunde" im ablaufenden Jahr für die ausgebliebene Trendwende bei der Beschäftigungslage verantwortlich.

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