Wirtschaft : "Die Stollmanns dieser Welt gehören in den Vordergrund"

TAGESSPIEGEL: Trendwende auf dem Arbeitsmarkt, Aufschwung für die Konjunktur.Ist unsere Volkswirtschaft wieder gesund?

HENZLER: Nein.Es gibt positive Signale, aber ich warne davor zu glauben, wir wären schon über den Berg.Das Modell der Vollzeiterwerbs-Gesellschaft gilt nicht mehr.Dieses Problem bleibt.Daß man einen einzigen Beruf lernt, den 45, 50 Jahre ausübt und dann in den wohlverdienten Ruhestand geht - dieses Modell ist passé.Das sehen wir in anderen Staaten, die früh industrialisiert waren und uns insofern einige Zeit voraus haben.

TAGESSPIEGEL: Können wir von denen lernen, wie wir uns anpassen können?

HENZLER: Wir sind, was den Wandel von der Industriegesellschaft in die Dienstleistungsgesellschaft angeht, relativ spät dran.In den USA hat dieser Wandel schon vor 25 Jahren eingesetzt.Die hatten damals fast genau die Beschäftigungsstruktur, die wir heute haben.Wir können aber auch von europäischen Ländern lernen, zum Beispiel von Holland und Dänemark, deren Konsensmodell besser funktioniert als unseres.

TAGESSPIEGEL: Ist denn bei uns die Auseinandersetzung um Reformen zu verhärtet?

HENZLER: Konsens bedeutet bei uns Status quo - nach dem Motto: Laßt uns bloß nichts verändern.Das war der Trugschluß der Runden Tische.Der einzelne dachte nach diesen Meetings doch oft, in der Gesellschaft kranke es zwar, aber er selbst mache doch alles richtig und müsse nichts ändern.

TAGESSPIEGEL: Jeder muß einstecken, wenn sich etwas ändern soll - und sich auch schlechter stellen?

HENZLER: Jeder muß zu Veränderungen bereit sein.Der Fürsorgestaat, wie wir ihn gewohnt waren, zum Beispiel paßt nicht mehr in die Zeit.Schließlich ist der Wohlstand gewachsen.Stellen Sie sich ein Zirkuszelt mit dem Sicherheitsnetz vor.Wenn das unser Sozialstaat ist, fallen die Menschen nicht mehr weich, sondern auf viele andere und tun sich weh.Das bringt nichts.

TAGESSPIEGEL: Wieso kann man immer weniger Sicherheit garantieren?

HENZLER: Wir müssen uns tatsächlich von alten Sicherheiten lösen.Die Veränderungen in der Informationstechnik, an den Kapitalmärkten, in der Service-Industrie sind enorm.Auch die Arbeit läßt sich nicht mehr so einfach quantifizieren und definieren wie früher.Da konnten wir noch sagen: Es gibt 125 Berufsbilder, dafür die entsprechenden Ausbildungsgänge, und wenn man die absolviert, kann man Jahrzehnte ordentlich arbeiten.Das bedeutet aber nicht nur Unsicherheit, sondern auch Freiraum für Experimente und neue Leistungen.Morgen werden plötzlich Berufe auftauchen, die wir jetzt erst erahnen können.

TAGESSPIEGEL: Kann ein Regierungswechsel für die notwendigen Reformen sorgen - zum Beispiel mit dem Unternehmer Jost Stollmann als Wirtschaftsminister in einer SPD-geführten Bundesregierung?

HENZLER: Jost Stollmann ist sicher ein überaus fähiger Unternehmer.Er steht für Informationstechnik und Existenzgründung, hat eine amerikanische Ausbildung und relativ rasches Wachstum geschafft, ist schließlich ausgestiegen.Das entspricht alles nicht dem verbreiteten Unternehmerklischee.Er kann eine Leitfigur sein.Inwiefern man ihn machen ließe und ein Ministerium seine Ideen umsetzen würde, das ist ein ganz anderes Thema.Da habe ich erhebliche Zweifel.

TAGESSPIEGEL: Was immerhin neu ist am Medienereignis Jost Stollmann: Da wird ein Unternehmer mal positiv dargestellt.

HENZLER: Das ist selten genug der Fall.Die Unternehmerfigur kommt bei uns zu kurz - angefangen in den Schulbüchern, später an der Universität, dann im öffentlichen Leben.Überlegen Sie mal, wann junge Menschen bei uns zum ersten Mal mit einem Menschen in Berührung kommen, der kein abhängig Beschäftigter ist.Erst haben wir die Kindergärtnerin, dann die Lehrer, dann die Hochschullehrer.Wann erlebt jemand, daß es überhaupt so etwas gibt wie Unternehmer? Es fehlt an Vorbildern.Das liegt aber auch daran, daß die Unternehmer vielfach selbst nicht in den Vordergrund treten wollen.Neue Ideen, neue Produkte, neue Arbeitsplätze - das zeichnet den Unternehmer aus.

TAGESSPIEGEL: Arbeitnehmer haben in Zukunft mehr als nur einen Beruf und mehr als nur einen Arbeitgeber in ihrer Laufbahn.Wie kann es gelingen, diesen Wandel nicht nur als Risiko, sondern auch als Chance zu vermitteln?

HENZLER: Das ist eine Erziehungsaufgabe.Die Stollmanns dieser Welt müssen in den Vordergrund treten.

TAGESSPIEGEL: Die Erziehung an den deutschen Hochschulen gilt als Standortrisiko.Denken Sie das auch?

HENZLER: Die Welt hat sich dramatisch verändert.Unsere Hochschulen, die sich in der Vergangenheit viele Meriten verdient haben, funktionieren nicht mehr richtig, weil sie sich nicht angepaßt haben.Das relativ verschulte System in den USA schafft eine breite Grundlage und ist flotter: Mit 22 sind Sie fertig und sammeln ein, zwei Jahre Berufspraxis, ehe Sie häufig nochmals für zwei Jahre an die Uni gehen.Danach wissen Sie, was Sie machen wollen.Sie haben sich schon mal längere Zeit in einem Unternehmen bewähren müssen, Projekte gemanagt und im Team gearbeitet.Dazu kommt, daß man vier Fünftel seines Wissens erst im Beruf erwirbt.Es kommt also gar nicht darauf an, sehr viel Wissen im Studium zu vermitteln, sondern auf die neuen Sekundärtugenden.

TAGESSPIEGEL: Was verstehen Sie denn darunter?

HENZLER: Die Fähigkeit zum Strukturieren, Aufnehmen und Wiedergeben, zum Kommunizieren, zur Teamarbeit.Kein Einpauken, sondern das Lernen lernen.

TAGESSPIEGEL: Die Reformen muten eher revolutionär an.Haben die überhaupt eine Chance?

HENZLER: An den privaten Hochschulen schon.Bei den staatlichen Hochschulen bin ich sehr skeptisch.Hier bestätigen sich immer noch häufig die Beobachtungen des römischen Philosophen Seneca: Unter den Hörern wirst Du eine große Zahl finden, denen die Bildungsanstalt nur ein Absteigequartier für ihren Müßiggang bedeutet.Wer immer hier etwas verändern will, muß sich selbst in Frage stellen.Davor haben alle Angst.

TAGESSPIEGEL: Aber was ist mit der Alternative? Die privaten Hochschulen haben doch schon zurückgeschaltet.

HENZLER: Hochschulen sind eine teure Sache.Das Grundübel ist, daß wir Hochschulbildung scheinbar zu einer wertlosen Angelegenheit gemacht haben, indem wir sie umsonst anbieten.Was nichts kostet, ist nichts wert - diese Binsenweisheit spürt man an unseren staatlichen Hochschulen.Studiengebühren wären ein wichtiger Schritt - für die Wertschätzung durch die Studenten und durch die Professoren.

TAGESSPIEGEL: Die Angst vor jeglichem Wandel ist groß.

HENZLER: Nichts bleibt, wie es war.Aber das darf doch keinen entmutigen! Beispiel Autoindustrie: Die Entwicklung stand still, nichts mehr tat sich.Inzwischen haben wir Innovationssprünge, die vor ein paar Jahren niemand für möglich gehalten hatte.Beispiel SAP: Enormes Wachstum von über 30 Prozent im Jahr sorgte dafür, daß das Unternehmen meinte, an seine Grenzen gelangt zu sein.Von wegen! SAP wächst weiter.

TAGESSPIEGEL: Was können wir von der Autoindustrie und von SAP lernen?

HENZLER: Wir müssen experimentieren mit Innovationen und Gründungen.Im Gesundheitssystem und in der Verkehrstechnik haben wir doch schon Stärken, auf denen wir aufbauen und die wir exportieren können.

TAGESSPIEGEL: Dienstleistungen zu exportieren setzt Mobilität bei den Arbeitskräften voraus.Sind die Deutschen da flexibel genug?

HENZLER: Wir können natürlich einen Zaun um unser Land ziehen, nichts mehr verändern und Eintritt verlangen.Schließlich haben wir Rothenburg ob der Tauber, oberbayerische Königsschlösser und das Oktoberfest.Im Ernst: Das kann es doch nicht sein! Die Welt verändert sich, und wir müssen das auch.Noch haben wir riesige Defizite.Aber das bedeutet auch: riesige Chancen zur Veränderung.

TAGESSPIEGEL: Wann nutzen wir die endlich?

HENZLER: Bislang sind zu wenige Menschen zu Mobilität bereit.Doch wir haben einen Generationenbruch in unserer Gesellschaft.Die Alten werden sich kaum mehr verändern.Aber ich bin optimistisch.Denn immer mehr junge Menschen haben gute Ideen, sind bereit, sich zu verändern oder umzuziehen.Das müssen wir unterstützen.Indem wir eine Gründerkultur aufbauen, indem wir die Hochschulen reformieren.

TAGESSPIEGEL: Wer Ideen hat, wird aber nicht automatisch zum Unternehmer.Das Risiko ist groß: Wer einmal gescheitert ist, kriegt doch keinen Job mehr.

HENZLER: Der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard, hat gesagt: So bitter es für den einzelnen ist, wenn er unter "Konkurs und Vergleiche" der Zeitung erscheint, aber Leben und Sterben gehören zur Marktwirtschaft.Das heißt auch, daß eine Pleite kein Makel fürs Leben sein darf.Zum Glück ist das Konkursrecht inzwischen reformiert, so daß man nicht ewig an einem Scheitern leiden muß.

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