Wirtschaft : Die Strompreise in Europa werden weiter sinken

ERWIN SCHNEIDER (HB)

Die Verbraucher von Strom in Europa können in Zukunft noch einiges an Preisnachlässen erwarten. Denn der Markt, der nach der europäischen Binnenmarktrichtlinie "Elektrizität" vom Februar 1997 schrittweise liberalisiert werden muß, ist durch hohe Überkapazitäten von mehr als 40 000 Megawatt - mehr als die gesamte deutsche Kernkraftkapazität - geprägt. Entsprechend hart gestaltet sich der Wettbewerb der Anbieter quer durch Europa. Dabei ist Europa auf dem Weg in die Liberalisierung dreigeteilt: In Skandinavien und Großbritannien sind die Marktöffnungen seit Anfang der 90er Jahre schon weit fortgeschritten. Die Kunden haben davon schon von den freien Märkten und dem Wettbewerb der einst monopolisierten Stromerzeuger profitiert. So sind in Großbritannien die Strompreise für Haushaltskunden allein zwischen 1990 und 1996 um 15 Prozent und die der mittleren und größeren Unternehmen sogar um 21 Prozent gesunken. Dennoch zählt British Energy bei den Analysten zu den sicheren Papieren. Die Stromerzeuger National Power und PowerGen werden dagegen mit Zurückhaltung bewertet.Spanien und Deutschland gelten als Vorreiter der durch die Europäische Union initiierten Liberalisierung. Auf der iberischen Halbinsel ist der Wettbewerb - bisher allerdings erst theoretisch - in vollem Gange. Daß die Empfehlungen der Analysten für die beiden gleichgroßen spanischen Versorger Endesa und Iberdrola, die zusammen 80 Prozent Marktanteil halten, auf neutral lauten, wird mit dem Produktionsoligopol begründet, zu dem noch Unión Fenosa und Hidrocantßbrico gehören. Diese Konstellation beschleunigt die Liberalisierung nicht gerade. Auf der anderen Seite sind diese Aktien aber zu empfehlen, da die spanische Regierung eine weitere Liberalisierung mit Entschädigungen versüßen will.Dagegen hinkt Frankreich bei der Öffnung der Strommärkte hinterher. Dem Staatsunternehmen Electricité de France (EdF) bleibt das Monopol noch erhalten. Schon der erste Schritt, in dem die Umsetzungspflicht der EU-Richtlinie bis zum 19. Februar 1999 festgelegt war, ist hinausgezögert worden. Erst an diesem Stichtag wurde die von der französischen Regierung verabschiedete Gesetzesvorlage dem Parlament vorgelegt. Im Laufe des zweiten Halbjahres wird mit dem Inkrafttreten der minimalen Deregulierung gerechnet.EdF, so der Wille der Pariser Regierung, soll seine Privilegien auch in Zukunft behalten. Auch über eine Privatisierung des Staatskonzerns wird in Frankreich noch immer nicht diskutiert. Das trifft den privaten Stromanbieter Vivendi, der über kleinere Independent-Power-Producer-(IPP-)Projekte auf dem Inlandsmarkt Fuß fassen will, besonders hart. Vivendi forciert unterdessen im Ausland den Ausbau der Aktivitäten, zu denen auch Wasser, Entsorgung, Personenverkehr, Telekommunikation, Medien, Bau und Immobilien zählen. Dem Mischkonzern mit 31,6 Mrd. Euro Umsatz wird allgemein eine gute Entwicklung zugetraut. Denn Restrukturierungsmaßnahmen seien schon vor drei Jahren eingeleitet worden.Aber auch die anderen Märkte in der EU haben ihre Favoriten. Die österreichische EVN wird ebenso wie die belgische Electrabel oder Tractebel als Kaufkandidatin gesehen. Tractebel wurde zuletzt als Kooperationspartner oder Übernahmeunternehmen der Veba gehandelt. Doch hatten beide Gesellschaften dies dementiert. Die europäische Elektrizitätswirtschaft wird in zehn Jahren nicht wiederzuerkennen sein, prophezeien die Branchenbeobachter. Zunehmender Stromhandel wird den Wettbewerbsdruck verstärken und zu sinkenden Preisen führen. In der fortschreitenden Liberalisierung mit stagnierendem oder leicht steigendem Verbrauch werden dann nur die Stromerzeuger auf der Seite der Gewinner stehen, die eine rechtzeitige Bestandsaufnahme ihrer Stärken und Schwächen machen. Danach müssen sie schleunigst entscheiden, mit welcher Strategie sie neue Ziele erreichen wollen.Der Modetrend heißt Multi Energy und Multi Utility mit umfassendem Energieangebot und Dienstleistungen. Aber die Experten sind sicher, daß nur wenige Unternehmen überleben werden.

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