Wirtschaft : Die Stunde der Glücksritter

Veronika Csizi

Zu russischen, koreanischen, sogar indonesischen Aktien haben die Investoren inzwischen mehr Vertrauen. Am deutschen Neuen Markt hingegen tummeln sich die Glücksritter, Zocker, Daytrader und Leerverkäufer. Frisierte Bilanzen, betrügerische Vorstände, blinde Wirtschaftsprüfer, Insolvenzen: Kaum eine Woche vergeht ohne einen neuen Skandal.

Von den ehemals 346 Unternehmen sind mittlerweile 26 in Konkurs, vier vom Markt geworfen, 18 haben freiwillig in ein anderes Segment gewechselt. Mehrere Vorstände sitzen hinter Gittern. Nur noch knapp neun Prozent der Aktien notieren über ihrem Ausgabepreis. Der gesamte Markt, also die versammelte deutsche New Economy, ist den Investoren nur noch 41 Milliarden Euro wert. Das ist in etwa soviel wie ein einziger Dax-Wert, beispielsweise Eon.

Die Deutsche Börse, Betreiberin des Neuen Marktes, versucht verzweifelt zu retten, was zu retten ist. Jüngster Schritt: Wer künftig an den Neuen Markt will, muss im Emissionsprospekt für Klarheit sorgen. So verlangt der neue Kapitalmarktkodex eine konkretere Darstellung der Risiken eines Investments - und das in allgemein verständlicher Sprache. Der Vorstand muss zudem künftig Geschäftsbeziehungen mit nahen Verwandten offen legen, ebenso wie Verurteilungen oder Strafen wegen Betrugs, Bilanzfälschung oder Insidergeschäften. Man wolle damit Missbrauch bei Börsengängen verhindern und Schadenersatzansprüche erleichtern, so der für den Neuen Markt zuständige Börsenvorstand Rainer Riess.

Rückzieher bei Pennystocks

Bei ihrem Bemühen, schwarze Schafe und Dauerverlierer auszusortieren und so das Image des Finanzplatzes wieder zu verbessern, musste die Deutsche Börse hingegen gerade eine herbe Niederlage einstecken. Das Oberlandesgericht Frankfurt hat rechtskräftig verboten, Billigaktien vom Markt zu werfen. Der Hintergrund: Bereits seit Oktober 2001 erlaubte ein neues Regelwerk den Ausschluss von Aktien, die an 30 aufeinander folgenden Börsentagen unter einem Euro notieren und an der Börse weniger als 20 Millionen Euro wert sind. Das Gericht urteilte nun, ein Vertrag zwischen der Börse und einem gelisteten Unternehmen könne nicht einseitig verändert werden. Die Deutsche Börse setzte daraufhin das Pennystock-Regelwerk aus. Die Kläger, darunter Letsbuyit.com, Infogenie, GfN, e-multi und NSE, dürfen an Europas größtem Markt für "Wachstumswerte" bleiben. Dabei ist etwa der Börsenwert von GfN, einem Unternehmen, das Firmenschulungen und Seminare im Netzwerkbereich vermarktet, inzwischen auf 1,95 Millionen Euro geschrumpft. Und die Aktien von Letsbuyit.com, bei dem der inzwischen verhaftete mutmaßliche Hochstapler Kim Schmitz seine Hände im Spiel hatte, sind weiter zu haben - für aktuell 0,016 Euro pro Stück.

"Der Neue Markt bleibt damit weiter am offenen Grab stehen", bedauert ein Fondsmanager, der ungenannt bleiben will. Das Segment sei inzwischen praktisch tabu. Auch das Bankhaus Oppenheim kündigte unlängst an, seinen Fonds Oppenheim Neue Märkte im Mai zu schließen.

Gerüchten zufolge sollen sich in den letzten zehn Handelstagen vor allem US-Hedgefonds und angelsächsische Anleger aus dem Neuen Markt verabschiedet haben. Dabei seien ohne Rücksicht auf die Güte des Unternehmens sämtliche Positionen geräumt worden, hieß es. Leerverkäufer seien auf den Zug aufgesprungen, hätten geliehene Aktien in größeren Paketen verkauft und die Abwärtsspirale damit weiter beschleunigt.

In diesen Strudel geriet zum Beispiel auch Thiel Logistik, ein Unternehmen, das bisher noch als seriöse Adresse galt. Binnen weniger Stunden sackte der Kurs des Luxemburger Unternehmens am vergangenen Montag um gut 40 Prozent auf weniger als sieben Euro ab. Es gebe Wertberichtigungsbedarf in der Bilanz, wurde kolportiert. Nach einem scharfen Dementi des Vorstands und der Ankündigung, das Unternehmen werde angesichts des niedrigen Kurses bis zu zehn Prozent der Aktien zurückkaufen, erholte sich der Kurs zwar wieder, stürzte an den Folgetagen jedoch erneut ab.

Zu viele Gewinner entzaubert

Selbst renommierte Fondsmanager rätseln: Handelt es sich nur um Gerüchte, die Zocker oder Konkurrenten gestreut haben, oder steckt doch ein Körnchen Wahrheit drin? Die Nervosität wächst. Am Neuen Markt seien schon zu viele Gewinner entzaubert worden, heißt es bei den Profis.

Den traurigen Höhepunkt setzte bislang Comroad, ein Hersteller von Telematik-Systemen. Comroad-Chef Bodo Schnabel hat offenbar Umsätze schlicht erfunden. Geschäftskontakte nach Asien existierten nur in Schnabels getürkten Papieren. Die Wirtschafts-Prüfungs-Gesellschaft KPMG, die seit Jahren die Comroad-Bilanzen prüft, ließ sich täuschen oder fragte nicht nach. "So etwas Krasses haben wir noch nie erlebt", kommentierten die Aktionärsschützer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Im Fall Comroad machte die Börse kurzen Prozess: Das Unternehmen, das noch 2001 den "Award of excellence" erhielt, wurde an den Geregelten Markt strafversetzt. KPMG will nun alle 36 am Neuen Markt bereits überprüften Firmen nochmals unter die Lupe nehmen.

Vielen anderen Unternehmen steht das Wasser bis zum Hals, weil die Banken bei der Kreditvergabe am Neuen Markt inzwischen immer knauseriger werden. Ohne positiven Cash-Flow klopft der Konkursrichter schnell an der Haustür, wie zuletzt beim Hardware-Anbieter Elsa und dem Thüringer Baudienstleister Mühl.

Christian Strenger, Mitglied der Börsensachverständigen-Kommission des Bundestages, sieht auch die Banken in der Pflicht: "Die Institute sollen bei den Unternehmen, die sie selbst an die Börse gebracht haben, intensiv nach faulen Eiern suchen." Allein werde es die Deutsche Börse nicht schaffen, das Gossen-Image des Neuen Marktes wieder zu verbessern. Auch die Rufe nach dem Gesetzgeber werden lauter: Der Staat müsse die rechtlichen Grundlagen für Schadenersatzforderungen deutlich verbessern und damit die Hemmschwelle für Betrügereien nach oben setzen.

Wassili Papas bleibt skeptisch: "Es werden noch viele Engel vom Himmel fallen", befürchet der Fondsmanager bei Union Investment. Papas rechnet mit 50, vielleicht sogar 100 weiteren Fällen von Bankrott und Betrug. Die US-Investmentbank Morgan Stanley sieht noch schwärzer: 80 Prozent der Unternehmen am Neuen Markt überleben nach Meinung der Banker nicht.

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