Wirtschaft : Die Stunde der Optimisten

Analysten und Charttechniker rechnen mit steigenden Aktienkursen in den kommenden zwölf Monaten

-

Berlin (mot/os). „Ich glaube, wir befinden uns in einer hervorragenden Situation, um Aktien zu kaufen – und anschließend den Bildschirm für zwölf Monate auszuschalten.“ Richard Davidson, Chef der europäischen Strategieabteilung der USInvestemtbank Morgan Stanley, trommelt für die Aktie. Und Barton Biggs, sein Kollege aus dem globalen Strategieteam von Morgan Stanley, pflichtet ihm bei: „Diese Rallye wird weiter führen und länger dauern, als viele glauben – vorausgesetzt die US-Wirtschaft wird wieder munter.“

Biggs’ kleiner Nachsatz ist charakteristisch für die derzeitige Gefühlslage der meisten Börsianer. Er beschreibt die Unsicherheit, die selbst die Profis nach dem zweieinhalb Jahre dauernden Absturz an den Aktienmärkten noch nicht abgelegt haben. „Es gibt immer noch zu viele Blasen, die noch nicht geplatzt sind, zu viele Überkapazitäten und zu viele Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft“, gibt Biggs zu bedenken. Und die Frage, ob die Kursgewinne der letzten zwei Wochen schon der Beginn eines langjährigen „Bullen-Marktes“ mit nachhaltig steigenden Aktienkursen waren, beantwortet Biggs mit „nein“.

Dennoch: Für die kommenden zwölf Monate sind die US-Strategen überaus optimistisch. Sie stützen sich dabei sowohl auf fundamentale als auch technische und börsenpsychologische Argumente. Die nach wie vor „depressive“ Stimmung in der Öffentlichkeit bewerten sie positiv – getreu dem antizyklischen Ansatz, dann Aktien zu kaufen, wenn keiner sie haben will. So werten Börsenpsychologen im Übrigen auch die Situation am deutschen Aktienmarkt. „Die plötzliche Abkühlung der Stimmung (an den beiden vergangenen Börsentagen) bei steigenden Kursen ist ein gutes Omen für den Dax“, meint etwa das Researchhaus Cognitrend, das jede Woche einen so genannten Dax-Stimmungsindikator für die Deutsche Börse ermittelt. Nach dem jüngsten Rückschlag belebe sich bei gesunkenen Aktienpreisen die Nachfrage wieder und könne den Dax bis auf 3700 Punkte „katapultieren“.

Fundamental, also mit Blick auf Konjunktur- und Geschäftsdaten, sehen die Optimisten sowohl die amerikanischen als auch europäischen Unternehmen nach der scharfen Gewinnkorrektur wieder auf Erholungskurs. Die Ergebnisse des dritten Quartals 2002 zeigten zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 im Jahresvergleich wieder nach oben, erklärt Morgan Stanley. Zudem erhole sich der Markt für Unternehmensübernahmen und Fusionen langsam. „Big surprise“ für Richard Davidson: Die Pensionsfonds und Versicherer, die im September Aktien im großen Stil verkauft hatten, trennten sich nun von Staatspapieren und kehrten an den Aktienmarkt zurück.

All dies genügt nach Einschätzung von Morgan Stanley, um die Börsen in den USA und Europa im kommenden Jahr um bis zu 25 Prozent steigen zu lassen. Wohl gemerkt: in den kommenden zwölf Monaten. Insgesamt, so lautet die Warnung, müssten sich die Anleger auf eine „fünfjährige Phase mit schwankenden Kursen“ einstellen.

Großen Optimismus verbreiten die Charttechniker für die nächsten Wochen. Ihrer Ansicht nach verläuft die Rallye wie im Lehrbuch der Charttechnik, die ihre Erkenntnisse aus den Kursverläufen selbst sowie technischen Marktindikatoren ableitet. Für den normalen Anleger können sie vor allem die bange Frage beantworten, ob es wirklich einen nachhaltigen Kursanstieg geben wird, der große Gewinne verspricht, oder ob es sich nur um ein Strohfeuer handelt.

Die Charttechniker sind sich einig. Die Rallye verläuft wunschgemäß. Seit dem Tief des Dax bei 2519 Punkten gab es einen schnellen Anstieg auf über 3200 Punkte. Der anschließende Rückschlag um mehr als 200 Punkte ist aus charttechnischer Sicht normal. Es ist eine so genannte technische Reaktion, die den neuen Aufwärtstrend keineswegs in Frage stellt, sondern eher bestätigt. In der Grafik ist die so genannte W-Formation dargestellt, die viele Rallyes in der Vergangenheit begleitet hat. Das Beispiel zeigt einen Zeitabschnitt im Frühjahr 2001. Auch damals gab es eine Umkehr des kurzfristigen Abwärtstrends. Die Kurse sanken noch einmal deutlich, bevor die Rallye richtig losging. Die Grafik rechts zeigt eine ebenfalls häufig vorkommende Konstellation: die V-Formation, wie sie idealtypisch in der Folge des 11. September 2001 ausgeformt wurde.

Auf dem Weg zur V-Formation

Für die kommenden Wochen sagen die Charttechniker folgende Szenarien voraus: Entweder die Börsen geben sich mit der kleinen Korrektur der letzten Tage zufrieden. Oder es kommt noch zu dem deutlichen Rücksetzer. Nach Angaben von Roger Vogt, Charttechniker der Deutschen Bank, hat der Dax seine so genannte Fibonacci-Minimalkorrektur bereits geschafft. Stößt er sich jetzt nach oben ab und überwindet die sekundäre Abwärtstrendlinie, die bei etwa 3260 Punkten liegt, dann ist der Weg bis 3600 frei, ohne dass sich Widerstände in den Weg stellen. Wegen der geringen Korrektur läge dann eine V-Formation vor.

Oder es kommt zu einer Normalkorrektur, die den Dax auf 2900 Punkte drücken würde, bevor es wieder in Richtung 3600 Punkte geht. Eine Maximalkorrektur würde den Dax bis auf 2770 führen. Dann läge eine W-Formation vor. Sollte der – unwahrscheinliche – Fall eintreten, dass der Dax weiter sinkt, wäre die Rallye hinfällig. Charttechnisch orientierte Anleger, die sicher gehen wollen, warten, bis die Korrektur zu Ende ist und der Dax wieder auf über 3260 Punkte gestiegen ist. Dann ist der Weg bis 3600 und möglicherweise sogar bis 5000 Punkte frei.

Doch Charttechniker weisen auf einen wichtigen Punkt hin: Bei etwa 5000 Punkten verläuft die mittelfristige Abwärtstrendlinie, an der sich die Kurse seit dem Hoch Anfang 2000 gleichsam aufhängen. Es gilt als ziemlich unwahrscheinlich, dass diese Linie nach oben hin durchstoßen wird. Es ist bislang nur eine „Bärenmarkt-Rallye“: der intakte Abwärtstrend wird also noch nicht verlassen. Anleger sollten also auf der Hut sein und rechtzeitig über einen Ausstieg nachdenken.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben