Wirtschaft : Die Telekom dringt in virtuelle Welten vor

KLAUS TSCHARNKE (dpa)

Video auf Bestellung und sprechende Köpfe im LaborVON KLAUS TSCHARNKE (dpa)

DARMSTADT.Deutschlands Videotheken stehen schwere Zeiten ins Haus.Denn wenn sich durchsetzt, was die Telekom derzeit noch vor handverlesenem Publikum präsentiert, dann werden wohl viele von ihnen auf ihren Spielfilm-Kassetten sitzenbleiben.Die Zukunft gehört nach Telekom-Einschätzung nämlich dem "Video-on-Demand" (Video auf Bestellung).Möglich macht das eine neue Übertragungs-Technologie, das sogenannte T-Net ATM.Der "Asynchronous Transfer Modus" (ATM) sorge auf den bisherigen Datenautobahnen für wesentlich mehr Tempo, berichten Telekom-Experten.Selbst der Transfer ganzer Videofilme werde kein Problem mehr darstellen, versichert die Telekom. Wer Zweifel hat, bekommt sie im "Future-Lab" der Telekom in Darmstadt zerstreut.Dort hat der Fernmelderiese in einem postmodernen Pavillon die Tür zur Kommunikations-Zukunft aufgestoßen.Einer der dort präsentierten Anwendungen ist auch das "Video-on-Demand".Bis zu 10 000 Telekom-Kunden können dabei - vorausgesetzt, sie haben ein Telefon und eine sogenannte Set-Top-Box - völlig unabhängig voneinander Videos abrufen; Filme können jederzeit vorgespult, gestoppt und vorzeitig beendet werden - gegen entsprechende Gebühr.Die Einführung des Dienstes sei nur noch eine Frage der Zeit, heißt es. Nur noch eine Frage der Zeit ist auch der rund um die Uhr abrufbare "Wetterflug" über Deutschland.Wer sich nicht bis zum abendlichen Wetterbericht gedulden will, braucht künftig nur zu Telefon und PC zu greifen.Wohin der Flug geht, entscheidet der Betrachter mit Bewegungen eines Datenhandschuhs. Doch die Übertragung künstlicher Welten über das ATM-Glasfasernetz, so versichert Telekom-Manager Ulrich Thamm, sei mehr als nur eine Spielerei für High-Tech-Freaks.Vor allem Unternehmen könnten damit enorme Kosten sparen.So habe beispielsweise der Sportwagen-Hersteller Porsche unlängst die Karosserie eines neuen Automodells komplett in einem virtuellen Windkanal getestet - der Rechner, in den die Porsche-Entwickler nur noch die Daten des virtuellen Prototyps eingeben mußten, stand in einer anderen Stadt.Jeder Windstrom entlang der Karosserie wurde von einem Datenhandschuh gesteuert, der virtuelle Schnipsel ausstreute. Neben der Übertra gung von Computersimulationen mit hochauflösenden Bildern und entsprechender Datenflut wird die ATM-Technologie nach Einschätzung der Telekom-Forscher vor allem Video-Kommunikation auf breiter Basis zum Durchbruch verhelfen.Dabei bietet die sogenannte breitbandige Informationsübertragung via Glaserfaserkabel vor allem einen Vorteil: Parallel zur live übertragenen Konferenzrunde flimmern über die geteilten Monitore auch schriftliche Erläuterungen, Computer-Dateien und PC-Grafiken. Bei aller High-Tech-Manie - die zwischenmenschlichen Beziehungen sollen nach den Vorstellungen der Telekom-Forscher keinesfalls zu kurz kommen.Wem es bei reinen Wort-Telefonaten zu wenig menschelt und wem selbst bei Live-Videobildern das Gegenüber fremd bleibt, für den hält der Fernmelderiese künftig den "Talking Head" (sprechenden Kopf) bereit.Bei dieser neuartigen Variante der Videokommunikation nehmen beide Gesprächspartner vor einer Gips-Büste Platz.Auf diese wird dann jeweils das Video-Porträt des Partners projiziert.

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