Wirtschaft : Die Tigerstaaten stecken in der Krise

THOMAS LANIG (dpa)

Womöglich löst Thailand einen Schneeballeffekt aus / Hohe Leistungsbilanzdefizite und SchuldenVON THOMAS LANIG (dpa)

SINGAPUR.Eine neue Version der Dominotheorie geht um in Südostasien.Nicht mehr der Kommunismus bedroht ein Land nach dem anderen, wie in den 60er Jahren, es ist die thailändische Krankheit: Überschuldung, Währungsverfall, Kapitalflucht, Stagnation.Waren die "Tigerstaaten" der Region bis vor kurzem noch der Schrecken vieler "behäbiger" westlicher Volkswirtschaften, so drohen sie inzwischen selbst zum Opfer der unbarmherzigen Globalisierung zu werden.Der Fall der Aktienkurse beweist: Das Vertrauen ist gegenwärtig dahin. Für ein Sanierungspaket des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Höhe von 16 Mrd.Dollar muß Thailand für Jahre den Gürtel enger schnallen.Doch vielleicht hat das Königreich noch Glück gehabt.Eine zweite Rettungsaktion in dieser Größenordnung dürfte es kaum geben, meint Norbert Walter, der Chefökonom der Deutschen Bank, dieser Tage in Bangkok."Dazu fehlt einfach das Geld." Doch überall blinken schon die Alarmsignale.Die ersten Kandidaten für einen ähnlichen Absturz wie in Thailand sind bekannt: Malaysia, Indonesien und die Philippinen. Die "Washington Post" fragt: "Ist die goldene Ära der Tigerstaaten zu Ende?" Nicht unbedingt: Zwar wird Indonesien von einem Währungssturz thailändischen Ausmaßes erschüttert, die Rupiah hat innerhalb weniger Tage 18 Prozent gegenüber dem Dollar verloren, Präsident Suharto warnt for massivem Rückzug des Auslandskapitals.Dennoch erwartet die Regierung in Jakarta ein Wachstum auch in diesem Jahr von sieben Prozent.Die Philippinen, deren Peso seit Juli um 14 Prozent fiel, rechnen mit einem Zuwachs um sieben bis acht Prozent.Und auch Malaysia hofft trotz Haushaltskürzungen und Ringgit-Verfalls erneut auf ein Plus von acht Prozent. Doch dies ist nur eine Seite der Medaille: "Thailand hat einen Schneeball-Effekt ausgelöst", sagt der Analyst Desmond Supple von der BZW-Pacific Union in Singapur."Die Spekulanten fanden Bestätigung in den anderen Schwachstellen der Region." Und die haben die meisten Länder gemeinsam.Ein Wertpapierhändler in Singapur sagt: "Sie haben große Leistungsbilanzdefizite und diese mit kurzfristigen Krediten finanziert." Bei Indonesien sind es 8,9 Mrd.Dollar, bei Malaysia 5,2 und bei den Philippinen 3,5 Mrd.Dollar.Denn die überbewerteten Währungen, die durch die Kopplung an den US-Dollar unter Druck gerieten, drosselten auch die Exporterträge.Kurzfristiges Auslandsgeld ging aber spekulativ in den Immobiliensektor und nicht in neue Fabriken. Vor allem leiden die meisten "Tigerstaaten" jedoch wie Thailand unter einer tiefen Strukturkrise: Ihre beste Zeit als Billiglohnländer ist vorbei.Schuhfabriken zum Beispiel "wandern" schnell: von Korea nach Thailand, an die chinesische Küste und ins chinesische Binnenland.Sie gehen dorthin, wo die Löhne billig sind.Kann sich das kleine Singapur noch als High-Tech-Standort und Dienstleistungszentrum behaupten, ist das für Indonesien kein Ausweg.Ein Katastrophenszenario ist dies aber nicht."Es gibt keinen überzeugenden Grund, warum Ostasiens Volkswirtschaften nicht weiter Wachstumsrekorde im Weltmaßstab erzielen können", schreibt der "Economist".Voraussetzung ist aber, daß die "Tiger" die Lehren aus dem thailändischen Fall ziehen: rechtzeitige Reformen."Wenn der Wille zur Reform schwindet, aus Selbstzufriedneheit oder aus Stolz, dann schwindet auch das Wachstum."

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