Wirtschaft : Die traurige Wahrheit über Karstadt Verlust steigt auf 250 Millionen Euro

Düsseldorf - Ein Jahresabschluss wie ein Offenbarungseid. 102 Seiten lang war das Zahlenwerk, das Karstadt-Chef Andrew Jennings am vergangenen Donnerstag seinem Aufsichtsrat vorlegte. Und mit jeder Seite, mit jeder Tabelle wurde deutlicher: Der Kaufhauskonzern befindet sich im freien Fall. 249,6 Millionen Euro – das ist der Verlust, den die Karstadt-Gruppe im vergangenen Geschäftsjahr, vom 1. Oktober 2011 bis zum 30. September 2012, anhäufte. 121 Millionen davon entfielen auf Restrukturierungsmaßnahmen – Abfindungen für die 2000 Mitarbeiter, von denen Karstadt sich trennte. Gesundschrumpfen darf Jennings diesen Prozess aber nicht nennen. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag bei minus 168 Millionen Euro. Das Eigenkapital halbierte sich auf 261 Millionen Euro. Aus dem Aufsichtsrat von Karstadt hieß es am Wochenende: Wenn das so weitergeht, ist in zwölf bis 18 Monaten Schluss.

Wie geht es weiter? Schlecht. Die Karstadt-Aufsichtsräte mussten sich am Donnerstag nicht nur den Abschluss für das vergangene Geschäftsjahr anschauen, sondern auch die aktuelle Entwicklung. Die 26-seitige Präsentation stand unter dem Motto: Unter Plan.

Unter Plan lag der Umsatz – er sank in den ersten sieben Monaten des Geschäftsjahres um 7,9 Prozent und lag damit um neun Prozent unter Plan. Das Verheerende: Es gab keinen Lichtblick. Die 84 Warenhäuser lagen unter Plan, die 27 Sporthäuser lagen unter Plan und die drei Premiumhäuser von Karstadt, darunter das KaDeWe, ebenfalls. Auch beim Ergebnis vor Steuern (EBT) hatte Jennings einen Plan, er wollte 13 Millionen Plus erreichen. Tatsächlich waren es aber 51 Millionen Minus. Der Cashflow lag bei Minus 113 Millionen Euro und damit 52 Millionen Euro unter Plan. Für das laufende Geschäftsjahr wird nun ein Verlust in „niedriger dreistelliger Millionenhöhe“ erwartet.

Die Zahlen waren so schlecht, dass Karstadt-Chef Jennings am Wochenende in die Trickkiste griff. Er ließ sich von seiner eigenen Presseabteilung befragen und verschickte das vermeintliche Interview dann als Pressemitteilung. Jennings beklagte darin einen harten Winter und einen schlimmen Frühling und rechnete sich die Verluste in den Sparten so zurecht, dass seiner Meinung nach das Minus gar nicht so schlimm war, wie es im Konzernabschluss stand – und von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KMPG testiert wurde. Doch Jennings hat leicht reden. Der Mann, der dem „Handelsblatt“ noch vor kurzem sagte, er habe bis 2015 Zeit, um sein Konzept umzusetzen, wird Karstadt in wenigen Monaten verlassen. Um seine Zukunft muss er sich keine Sorgen machen. Anders als die 23 000 Karstadt-Mitarbeiter. HB

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