Wirtschaft : Die Tücken des Boykotts

Erfolgreich per Kaufverweigerung ökonomischen Druck auszuüben, ist in einer globalisierten Wirtschaft schwierig

Flora Wisdorff

Kauft nicht beim Ami! Boykott den Kriegstreibern! Nicht bei Amway, Wal Mart und ähnlichen Handelseinrichtungen einkaufen! Keine Microsoft-Produkte, so es geht, und dafür Linux! Verträge mit Time Warner und AOL kündigen! Auf diversen Homepages der deutschen Aufrufer zum Boykott ( www.amerika-boykott.com ) reihen sich Hunderte amerikanische Produkte auf Tabu-Listen aneinander, die der deutsche Kunde meiden soll. Das Gleiche passiert jenseits des Atlantiks. Zeitungen wie die „New York Times“ schmücken Anzeigen mit dem Aufruf zum Boykott französischer Produkte, und auf der Internetseite Germanystinks.com rät man dazu, auf Bier, Autos, und Musik aus Deutschland zu verzichten.

Die Kriegskritiker auf der einen Seite und die Befürworter auf der anderen Seite wollen ihrem Widersacher jeweils ökonomischen Schaden zufügen – und ihn so unter Druck setzen. Allerdings ist der Boykott in einer globalisierten Welt kein Erfolgsrezept. Wer weiß schon noch, welche Firma wem gehört, und wo sie produziert? In einer Welt von verflochtenem Kapital und globalisierter Produktion kann der Boykotteur mit seiner Aktion auch schnell seinem eigenen Land schaden – und sich dem eigenen „friendly fire“ aussetzen. Laut der amerikanischen Handelskammer gibt es allein in Deutschland 1800 Firmen mit US-Kapital und 2500 Firmen mit deutschem Kapital in den USA.

Um den Richtigen zu treffen, sollte man sich zunächst sicher sein, dass ein Produkt auch wirklich aus dem Land kommt, das man boykottieren will. In den USA mühen sich die Hersteller von „French’s Mustard“, den Konsumenten zu erklären, dass ihr Produkt nichts mit Frankreich zu tun hat. Der Namensgeber Robert T. French sei ein waschechter Amerikaner. Außerdem komme der Senf aus dem US-Partnerland Großbritannien, wohin auch die Gewinne fließen. Und sollten die Amerikaner mit Evian ein Produkt mit echter französischer Herkunft meiden, würden sie ausgerechnet dem US-Softdrink-Unternehmen Coca-Cola schaden. Denn Coca-Cola vertreibt das Wasser nicht nur exklusiv in Nordamerika, dort gehört dem US-Unternehmen Evian auch zu 51 Prozent. Auch der Boykott französischen Weins ist problematisch. Große Weinmengen sind längst in den USA, von amerikanischen Zwischenhändlern erworben. Die bleiben jetzt auf ihrer Ware sitzen – oder schrauben die Preise herunter – worüber die US-Weinproduzenten nicht glücklich sein dürften.

Ähnlich problematisch ist der Boykott von US-Produkten in Deutschland. Fast 100 Prozent der Coca-Cola-Produkte, die in Deutschland über den Ladentisch gingen, seien auch hier hergestellt worden, sagt Coca-Cola Sprecher Klaus Hillebrand. Auch bei McDonald´s beteuert man: Die rund 1200 Restaurants in Deutschland würden zu 80 Prozent seit Jahren von einheimischen Lieferanten versorgt. Die Kaffee-Kette Starbucks gehört in Deutschland zu mehr als 80 Prozent dem Einzelhandelsunternehmen Karstadt. Auch Organisationen wie Attac in Deutschland haben unter anderem aus diesem Grund auf Boykott-Aufrufe verzichtet. Die Kaufverweigerung treffe zunächst vor allem Menschen im eigenen Land, sagt Attac. Bisher jedenfalls verzeichnen weder US- noch deutsche Konzerne nennenswerte Einbrüche wegen der Boykottaufrufe.

Die Iren boykottierten als Erste

Handelsboykotts zu politischen Zwecken haben schon lange Tradition – und können auch erfolgreich sein. Schon Mahatma Gandhi rief im Kampf um die Unabhängigkeit Indiens zum Verzicht auf britische Waren auf. Der langjährige Boykott gegen südafrikanische Produkte im Kampf gegen die Apartheid hat auch zum Sturz des Regimes beigetragen. Und Mitte der Neunziger Jahre schaffte es Greenpeace, die Firma Shell mit einem Boykottaufruf unter Druck zu setzen und die Versenkung der Ölplattform „Brent Spar“ zu verhindern. 74 Prozent der Deutschen folgten damals dem Aufruf, die Shell-Tankstellen verzeichneten Umsatzeinbußen von über 20 Prozent.

In der arabischen Welt hat der schon seit etwa zwei Jahren andauernde Boykott von US-Produkten, zu dem Mullahs in Moscheen, Studenten an den Unis oder andere Aktivisten aufrufen, Erfolg: Von den McDonald´s Filialen in Jordanien gingen zwei im vergangenen Jahr pleite. Bei Procter&Gamble sanken die US-Importe in mehreren Golfstaaten seit dem Afghanistankrieg deutlich. Dagegen konnte die regionale „Star Cola“ aus den Arabischen Emiraten im vergangenen Jahr einen Umsatzzuwachs von 40 Prozent verbuchen.

Solche Auswirkungen haben sich die irischen Landpächter bestimmt nicht ausgemalt, als sie vor 120 Jahren den ersten Boykott machten: Sie lehnten sich gegen ihren Gutsherren Captain Charles Cunningham Boycott auf, überredeten Zulieferer, ihm Post und Lebensmittel nicht mehr zu liefern, und zerstörten seine Zäune. Boycott musste das Land verlassen – und der Begriff des „Boykott“ war geboren.

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