Wirtschaft : Die Tui kämpft um ihr Überleben

Der Kurs fährt Achterbahn, Großaktionär WestLB will verkaufen. Experten warnen: Dem Touristikkonzern droht die Zerschlagung

Flora Wisdorff

Berlin - Das weltweit größte Touristikunternehmen Tui steht Experten zufolge vor der Zerschlagung. „Diese Gefahr besteht durchaus“, sagte Touristikexperte Dieter Schneiderbauer von der Unternehmensberatung Mercer dem Tagesspiegel. Schneiderbauer glaubt, dass die Gefahr noch wachsen wird, falls die Tui Anfang September aus dem Börsenindex Dax herausfallen sollte. Es sei gut möglich, dass ein großer Finanzinvestor aus den USA den Hannoveraner Reisekonzern übernehmen wolle, um die profitable Logistiktochter Hapag Lloyd aus dem Konzern herauszulösen und gewinnbringend zu verkaufen, so Schneiderbauer.

Konkretes Interesse von Seiten anderer Touristikkonzerne oder Hotelketten schließt der Tourismusexperte jedoch aus. Die Tui müsse nun alles daransetzen, im Dax zu bleiben. „Das würde die Übernahmefantasien dämpfen“, so Schneiderbauer, völlig vom Tisch seien sie damit aber noch nicht. Auch der ehemalige Tui-Vorstand und Touristikprofessor Karl Born glaubt: „Wenn ein Investor zuschlägt, wird er die Tui filetieren.“

Seit Wochen wird darüber spekuliert, ob jemand Interesse daran hat, die Tui zu übernehmen. Hintergrund ist, dass vor zwei Wochen die Investmentbank Morgan Stanley zehn Prozent der Tui-Anteile gekauft hatte. Weil die Märkte davon ausgingen, dass so genannte „Hedge-Fonds“ (siehe Kasten) , die auf fallende Kurse spekulieren, hinter der Aktion steckten, fiel der Kurs der Tui-Aktie weiter. Seit den Terroranschlägen vom 11. September steckt die ganze Touristikbranche in der Krise, und auch die Tui leidet deshalb ohnehin schon länger unter einem schlechten Aktienkurs.

Zwar erholte sich der Kurs vorübergehend wieder, weil Konzernchef Michael Frenzel und die Westdeutsche Landesbank (WestLB), die 31 Prozent an Tui hält und diesen Anteil verkaufen möchte, von diversen Übernahmeinteressenten sprachen. Seit einigen Tagen aber ist der Kurs erneut auf dem Weg nach unten, am Freitag lag er bei 15 Euro. Der Grund: Aus den Übernahmegerüchten sei „die Luft raus“, heißt es am Markt. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen prüft derzeit, ob sie eine Untersuchung wegen Kursmanipulation einleitet.

Frenzel kann nur hoffen, dass sich der Trend vor dem 3. September wieder dreht. Denn dann berechnet die Frankfurter Börse die Zusammensetzung des Dax neu, und wegen ihres niedrigen Kurses könnte die Tui herausfallen. Dann würde der Wert in eine Abwärtsspirale geraten.

Die Tui kommt nicht nur wegen ihrer niedrigen Marktbewertung für eine Übernahme in Frage, sondern vor allem, weil sie gleichzeitig die profitable Logistiktochter Hapag Lloyd im Portfolio hat. Die wäre also billig zu haben. Dass die WestLB unbedingt ihren Anteil verkaufen will, verschärft die Situation weiter.

Zwar gibt es noch keine konkreten Angebote, außer Zweifel stehe jedoch, dass die Tui grundsätzlich für Käufer interessant sei und immer mehr „zum Spielball der Kapitalmärkte“ werde, sagt Matthias Engelbrecht, Analyst bei Independent Research in Frankfurt. Es gebe zwei Sorten von Interessenten für die Tui: Die so genannten Buyout-Fonds, auch „Geierfonds“ genannt, die billige Unternehmen kaufen und sie dann ausschlachten, und die Hedge-Fonds.

Dass andere Tourismuskonzerne wie etwa My Travel in Großbritannien oder spanische Hotelketten aktuell an der Tui interessiert sein könnten, hält Analyst Schneiderbauer für eher unwahrscheinlich. Die anderen integrierten Touristikkonzerne seien momentan zu sehr mit ihrem eigenen Strukturwandel in der Krise beschäftigt, als dass sie sich eine solche Übernahme leisten könnten. Für spanische Hotelketten wie Sol Melia oder Barcelo könne laut Schneiderbauer ein Kauf der Tui zwar theoretisch Sinn machen – wegen der Hotel- und Vertriebskapazitäten der Tui in Deutschland. Allerdings müssten die spanischen Hotelketten dann als Tui-Eigentümer die eigenen Konkurrenten in Spanien als Geschäftspartner für eine weitere Zusammenarbeit motivieren – und das würde „zu Friktionen führen, die dem Geschäft schaden", so Schneiderbauer.

Die Experten sind sich einig: Frenzel könne nur hoffen, dass seine Zahlen für das dritte Quartal am 11. November wie prophezeit wirklich gut ausfallen und den Kurs stützen – das sei das beste Mittel gegen eine feindliche Übernahme. Als „Ultima Ratio“, empfiehlt Schneiderbauer, könne die Tui immer noch schnell die Hapag Lloyd an einen Großinvestor verkaufen – und sich so unattraktiv für eine Übernahme machen.

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