Wirtschaft : Die Überspringer

Nicht für jeden Master braucht man ein Erststudium. Auch ohne Bachelor kann man zugelassen werden.

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Kein unüberwindbares Hindernis. Wer es ohne Studium in eine Führungsposition geschafft hat, ist für einen Bachelor oft überqualifiziert. In so einem Fall kann man ihn überspringen und gleich den Master machen . Foto: Patrick Sinkel/dapd Foto: dapd
Kein unüberwindbares Hindernis. Wer es ohne Studium in eine Führungsposition geschafft hat, ist für einen Bachelor oft...Foto: dapd

Als Alexander Mädje sein Masterstudium aufnahm, war er fast 40 Jahre alt – und hatte vorher weder einen Bachelor noch ein anderes Erststudium hinter sich. Dabei hatte der gelernte Werkzeugmacher bislang gar keine schlechte Karriere hingelegt, auch ohne Hochschulabschluss: Er hatte es bis zum Projektleiter in einem mittelständischen Unternehmen für Luft- und Raumfahrt gebracht: „Aber irgendwann hatte ich eine Position im Management erreicht, wo es normal ist, dass man einen akademischen Grad hat“, sagt Mädje. Für ihn ein Argument doch noch die Hörsaalbank zu drücken.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon verschiedene Fort- und Weiterbildungen hinter sich, etwa an Fachhochschulen und Berufsakademien, die aber nur mit Zertifikaten und nicht mit einem Hochschulabschluss endeten: Nach der Berufsausbildung hatte er an einer Fachhochschule eine Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker absolviert und später an einer Berufsakademie die Zusatzqualifikation „Technischer Betriebswirt“ erworben.

Als es dann an den Master ging, entschied sich Mädje für ein Fernstudium an der Fachhochschule Rhein-Ahr-Campus in Remagen. Hier konnte er direkt mit dem Masterstudium beginnen und sich so den Umweg über einen sechsjährigen Bachelor sparen. Die Zugangsvoraussetzungen für den „Master of Business Administration“ - eine Berufsausbildung, einschlägige Berufserfahrungen sowie eine Eignungsprüfung - erfüllte er problemlos.

Ermöglicht hat das Masterstudium ohne Bachelor oder anderes Erststudium ein Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) aus dem Jahr 2009, der die Zugangsvoraussetzungen für weiterbildende Masterstudiengänge gelockert hat. Seitdem ist es in vielen Bundesländern möglich, sich auch ohne Bachelor oder Diplom für ein Masterstudium zu qualifizieren. Berufliche Kompetenzen sollen als Kriterien bei der Studienplatzvergabe mit einbezogen werden, heißt es in dem Beschluss. Grundlage der Reform ist der Bologna-Prozess, der lebenslanges Lernen in Form von Weiterbildung als Auftrag für die Universitäten vorschreibt.

Oft werden solche Weiterbildungsmaster als Fernstudiengänge angeboten. General Management, Bildungs- und Kompetenzmanagement, Gesundheitsmanagement oder European Public Affairs – thematisch sind viele der Master im Managementbereich verortet. Das habe viel mit der Nachfrage zu tun, sagt der Studienberater Sebastian Horndasch, der das Buch „Master nach Plan“ veröffentlicht hat. Denn für viele Arbeitnehmer ohne Erststudium seien diese Masterprogramme vor allem deshalb interessant, weil sie eine höhere Position im Management anstreben. „Auf dem Markt tummeln sich hauptsächlich private Anbieter“, sagt Horndasch. Staatlichen Hochschulen würden erst jetzt nachziehen.

Horndasch rät dazu, besonders die privaten Anbieter genau zu prüfen: „Man sollte unbedingt mit Absolventen sprechen und darauf achten, dass es sich wirklich um einen staatlich anerkannten Abschluss handelt“. Wichtig ist auch, vor der Bewerbung genau auf die Zugangsvorausetzungen zu achten. Sie unterscheiden sich je nach Universität und Studiengang: Manchmal wird etwa eine bestandene Meisterprüfung vorausgesetzt, in anderen Fällen reichen eine fachspezifische Ausbildung und mehrere Jahre Berufserfahrung.

Wer kein Erststudium abgeschlossen hat und sich für einen Master an der Europäischen Fernhochschule Hamburg (Euro-FH) entscheidet, muss mindestens zehn Jahre Berufserfahrung vorweisen , sowie sechs Jahre Führungsverantwortung. Zur Qualifizierung gehört außerdem ein sechsmonatiges Einstiegsprogramm, in dem den Studenten wissenschaftliche Arbeitsmethoden vermittelt werden. Seine Studenten, die in der Regel zwischen 35 und 50 Jahre alt sind, seien ohnehin „dem Bachelor voraus“, sagt Gernot Graeßner, Studiengangsdekan der Euro-FH.

Seit einem Jahr bietet die Euro-FH über diesen Zugangsweg zwei Masterstudiengänge mit unterschiedlichen Fachrichtungen an: Im Studiengang General Management (MBA) werden vor allem Kenntnisse in der Betriebsführung vermittelt. „Die Studenten bringen dazu bereits viel Praxiswissen mit“, sagt Graeßner. „Wir vermitteln ihnen theoretisch fundiertes Wissen, auf das sie ihre Führungsqualitäten weiter aufbauen können.“

Bei dem Studiengang Master in Business Coaching und Change Management werden wiederum Studieninhalte vermittelt, die sich mit Veränderungen in Betrieben und der Beratung von Führungskräften befassen. Für dieses Studium entschied sich Ira Rueder. Ursprünglich hatte sich die 46-Jährige an der Euro-FH für ein Bachelor-Studium in BWL und Wirtschaftspsychologie eingeschrieben. Doch ein Professor riet ihr direkt mit dem Master über das Einstiegsprogramm anzufangen. Aufgrund ihrer Berufs- und Lebenserfahrung sei sie „schlicht überqualifiziert" für einen Bachelor, habe er ihr gesagt. Bevor die gelernte Reiseverkehrskauffrau 2012 mit dem Master-Einstiegsprogramm begann, war sie bereits viele Jahre in unterschiedlichen internationalen Konzernen der Reise- und Finanzdienstleistung im höheren Management tätig. Ihr Entschluss für das Studium sei einhergegangen mit der Entscheidung, sich als Unternehmensberaterin selbstständig zu machen, sagt sie: „Fachliche Qualifikation wird mit einem akademischen Titel höher bewertet".

Für so einen Titel muss man einiges investieren: Bei privaten wie staatlichen Hochschulen kostet so ein Master etwa 10 000 Euro. Außerdem ist ein solches Masterstudium zeitintensiv, auch wenn man es in der Regel nebenberuflich und mit wenigen Präsensphasen absolvieren kann. Studienberater geben an, dass die Studenten etwa sechs bis zwölf Stunden pro Woche aufwenden sollten. In Prüfungsphasen oder während der Masterthesis kann das deutlich mehr Zeit werden. Und nicht alle können dabei auf die Unterstützung ihrer Arbeitgeber setzen. „Es gibt Chefs, die Angst bekommen, dass man sie überholt“, sagt ein Student der namentlich nicht genannt werden möchte. Für viele seiner Kommilitonen sei deshalb der gesamte Jahresurlaub draufgegangen.

Bei David Seifert war es jedoch genau umgekehrt: Sein eigener Chef drückte ihm eine Anzeige mit einem Weiterbildungsstudiengang der Hochschule Magdeburg Stendal in die Hand. Dort begann der ausgebildete Mediengestalter das Masterstudium „Cross Media“ mit dem Schwerpunkt „Interaction Design“. Für Prüfungstage bekam er Bildungsurlaub. „Ziemlich schnell bekam ich außerdem anspruchsvollere Aufgaben von meinem Chef", erzählt der 27-Jährige. Mittlerweile ist er Projektleiter – Projektmanagement war Teil des Masters: „Die theoretische Vertiefung gibt mir mehr Sicherheit und ein souveräneres Auftreten“, sagt er.

Luftfahrttechniker Alexander Mädje hingegen hat seinem Arbeitgeber erst ein halbes Jahr nachdem er begonnen hatte, von seinem Masterstudium erzählt: „Ich wollte mir erst sicher sein, ob ich es tatsächlich durchziehen will", sagt er.

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