Wirtschaft : „Die Unternehmen investieren wieder“

IBM-Deutschland-Chef Walter Raizner erwartet 2004 ein Wachstum der IT-Branche – bei Innovationen fallen deutsche Firmen zurück

Maurice Shahd

Berlin. Der Chef von IBM Deutschland, Walter Raizner, sieht deutliche Anzeichen für eine Erholung der Branche für Informationstechnologie (IT). „Die Zeit der radikalen Sparmaßnahmen in den Firmen ist vorbei“, sagte Raizner im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Die Unternehmen investieren wieder stärker in größere IT-Projekte.“ Die wichtigsten Themen seien derzeit die Auslagerung von Geschäftsprozessen (Outsourcing), die drahtlose Vernetzung von Firmen und die Anwendungen des offenen Betriebssystems Linux. Raizner kritisierte, dass die deutschen Firmen im internationalen Vergleich zu wenig in ihre IT-Infrastruktur investieren. Die Folge: „Die deutschen Firmen fallen bei der Entwicklung von Innovationen zurück.“

Das sei auch ein Grund für die Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft. Nach einem stagnierenden Geschäft im laufenden Jahr rechnet Raizner für 2004 wieder mit einem Umsatzplus. Der Branchenverband Bitkom erwartet im kommenden Jahr für die IT- und Telekommunikationsindustrie ein Wachstum von zwei Prozent. Dass die Stimmung in der Hightech-Branche wieder steigt, zeigt auch eine aktuelle Umfrage des Verbandes: Fast 70 Prozent der Firmen rechnen 2004 mit steigenden Umsätzen. Grundlage dafür sind höhere Auftragseingänge.

Allerdings wird die IT-Branche nach Ansicht Raizners auf absehbare Zeit nicht wieder die hohen Wachstumsraten vergangener Jahre erreichen. Dafür habe sich das Umfeld in der Branche zu stark verändert. Während früher ein PC schon kurz nach dem Kauf hoffnungslos veraltet war, hat sich dessen Lebensdauer inzwischen deutlich verlängert. „Das Wachstum beim Verkauf von PCs hat sich abgeschwächt. Für Standardanwendungen wie Bürosoftware oder Internetzugang reicht die Leistung der Rechner allemal aus“, sagte Raizner. Die Anwender überlegten sich heute sehr genau, wann sie einen neuen PC kaufen. Zudem fehle es an grundlegenden Neuerungen wie dem Personal Computer in den 80er oder dem Internet in den 90er Jahren, die das Wachstum der Branche vorantreiben könnten.

„Die Kunden wollen keine Technologie, sondern eine Lösung“, sagte Raizner. Daher habe IBM schon frühzeitig damit begonnen, nicht nur Hardware, sondern auch Dienstleistungen und Software anzubieten. Inzwischen macht IBM die Hälfte seines Umsatzes von rund 80 Milliarden Dollar mit Beratung, der Wartung von IT-Systemen oder der Übernahme ganzer Abteilungen, von der EDV bis zum Personalwesen. Unternehmen, die einseitig auf Hardware, Software oder IT-Services setzen, werden es dagegen schwer haben, zu überleben, sagte Raizner. Bei der Konsolidierung der Branche werde auch IBM eine aktive Rolle spielen. In Deutschland sind es vor allem die eigenständigen IT-Service-Töchter großer Konzerne, die für eine Übernahme in Frage kämen.

Ohne technischen Fortschritt werde es in der IT-Branche aber auch künftig nicht vorangehen, betonte Raizner. Mit schnelleren Computern und mehr Speicherplatz auf kleinerem Raum könnten Firmen ihre Effizienz steigern und Kosten senken. Einen wesentlichen Trend sieht Raizner in der Verbreitung mobiler Datenverbindungen wie UMTS oder Wireless Lan: „Die einzelnen Netze in Firmen, Hotels oder Flughäfen werden bald zusammenwachsen.“

Neue Impulse erwartet sich Raizner von der Bundesregierung. „Innovationen sind der Motor für die Wirtschaft. Deshalb müssen wir mehr Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben“, sagte Raizner. In Deutschland würden nur 2,4 Prozent des Bruttosozialprodukts für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Andere Länder kommen auf mehr als vier Prozent.

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