Wirtschaft : Die Unternehmensgewinne schrumpfen

NICHOLAS BRAY

LONDON .Bereiten Sie sich auf einen Kälteschauder vor.Ein geringeres Wachstum der Weltwirtschaft fordert seinen Tribut bei den Unternehmensgewinnen in Europa.Und mit dem Winterbeginn könnte das Klima sogar noch rauher werden.

Gewinnverschlechterungen und die schlechten Bilanzzahlen zahlreicher europäischer Unternehmen im dritten Quartal sind "erst der Anfang der schlechten Nachrichten", sagt der europäische Aktienstratege Gary Dugan von J.P.Morgan & Co in London.Der Kurssturz in Asien und anderen Emerging Markets bereiten Unternehmen in den USA und Europa wachsende Schwierigkeiten, sagt Dugan; auch andere Aktienexperten meinen dies.

Viele Analysten sind noch dabei, ihre Prognosen der veränderten Lage anzupassen.Noch immer erwarten einige gesunde Gewinnzuwächse für die Unternehmen in den meisten europäischen Ländern.Um 14 Prozent im Durchschnitt würden die Gewinne in diesem Jahr und um 13 Prozent 1999 steigen, ergab ein Umfrage von Wissenschaftlern im Auftrag der Pariser Beratung "Associes en Finance" unter 1 100 Unternehmen in 16 europäischen Ländern.Noch vor drei Monaten war das Umfrageergebnis positiver gewesen: die befragten Unternehmen hatten für 1998 einen durchschnittlichen Gewinnzuwachs von 17 Prozent erwartet.

Solche Vorhersagen, warnt James Lister-Cheese, ein Ökonom der Beratung Independent Strategy, "sind tendenziell viel zu optimistisch." Die Durchschnittszuwächse bei den Gewinnen der europäischen Unternehmen werden "wahrscheinlich im nächsten Jahr noch im Plus sein," sagt er voraus."Aber mit Raten zwischen Null und fünf Prozent."

Selbstverständlich gibt es Anlaß zu Optimismus."Die Inflation ist niedrig und die Zinsen fallen weiter," sagt Peter Oppenheimer, Ökonom der HSBC Investment Bank in London.Die Konsumentennachfrage ist im Großteil von Europa noch rege - Mobiltelefon-Hersteller wie Nokia erfreuen sich boomender Umsätze.Die Arbeitslosigkeit ist in den meisten Ländern am Sinken und viele Staaten haben den restriktiven Griff auf die Finanzen gelockert, nun wo die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion (EWU) praktisch steht.

Doch der Fall des Dollars läßt bereits die europäischen Güter im internationalen Wettbewerb zurückfallen.Und wenn die Europäische Zentralbank die Zinssätze langsamer senken wird als die amerikanische Notenbank Federal Reserve, könnte der Euro sogar zu einer stärkeren Währung werden, als jetzt viele Ökonomen meinen.Großbritannien befindet sich am Rande einer Rezession.In Asien ist der Konsum von Luxusgütern stark zurückgegangen.Gleichzeitig befürchten europäische Unternehmen den Zustrom billiger Produkte aus dem Ausland.

Heute sind es die Produzenten von Grundstoffen wie Chemie, Stahl, Erz und Papier, die von der Konkurrenz billiger ausländischer Anbieter getroffen sind.Morgen könnten es Automobilhersteller sein."Die Handelsströme ändern sich," sagt Fredrik Martinsson, Analyst bei der Den Danske Bank in Kopenhagen."Und angesichts des geringeren Wirtschaftswachstum besteht kein Anlaß zu hoffen, daß sich die Nachfrage irgendwo auf der Welt verbessern könnte."

Ironischerweise könnten die Probleme in Europa durch die EWU verschlimmert werden.Zwar wird die Einführung des Euro am ersten Januar einen riesigen Markt mit einer einheitlichen Währung und gemeinsamen Zinssätzen schaffen und damit die Transaktionskosten der Unternehmen senken.Aber man kann hinfort auch leichter Preisvergleiche über die Grenzen hinweg anstellen und damit Druck auf Unternehmen ausüben, ihre Gewinnmargen zu senken.Trifft dies mit einem weiteren Sinken des Dollar-Wechselkurses zusammen, wäre es für viele Unternehmen ein doppelter Schlag.



Nach der umfassenden Restrukturierung in der ersten Hälfte der 90er Jahre sei eine weitere Runde an Entlassungen und Fabrikschließungen in der europäischen Industrie notwendig, um die Kosten zu senken, sagen Analysten.Auch wenn in einigen Sektoren, vor allem im Dienstleistungsbereich, Arbeitsplätze entstehen, würde ein Verlust qualifizierter Stellen in der Industrie den Konsum schwächen und damit den Druck auf die Wirtschaft in den europäischen Ländern noch verstärken.



Es folgt ein Überblick über die Gewinnaussichten europäischer Unternehmen in einzelnen Sektoren

AUTOS: Die Volkswagen AG begeisterte die Anleger mit einem Gewinnanstieg um 77 Prozent in den ersten neun Monaten diesen Jahres, er stieg von 852 Mill.DM auf 1,5 Mrd.DM."Trotz der ökonomischen Krisen in Brasilien, Südafrika und Japan erwarten wir auch für das vierte Quartal schwarze Zahlen," kündigte das Unternehmen an.Die große Frage ist: Wie lang werden die guten Zeiten anhalten? Beim Konkurrenten BMW AG hat der Vorstand Bernd Pischetsrieder seit Monaten gewarnt, die Branche bewege sich auf eine Rezession zu.Bis vor kurzem hielten ihn die meisten Branchebeobachter für verrückt, weil die Gewinne Rekordhöhen erreichten und sich die Aufträge bis ins nächste Jahr stapeln.Jetzt sind sie aber nicht mehr so sicher.

BANKEN: Die Banken mußten mitansehen, wie ein Großteil ihrer beträchtlichen Gewinne der ersten Jahrehälfte im dritten Quartal aufgezehrt wurden - durch die turbulenten Finanzmärkte infolge des russischen Schuldendebakels.Das Zusammentreffen von Handelsverlusten, Kreditabschreibungen und einem Einbruch bei der Investitionstätigkeit wirkte sich "absolut entsetzlich" aus, sagt Peter Thorne, Paribas-Analyst in London.Die Dresdner Bank hat für das dritte Quartal einen operativen Verlust in Höhe von 56,6 Mill.DM ausgewiesen, während sie im Vorjahr einen Gewinn in Höhe von 631,1 Mill.DM gemacht hatte.Sie begründet dies mit den Auswirkungen der Finanzkrisen in Rußland und Asien.Auch der operative Gewinn der Deutschen Bank AG ist im dritten Quartal gefallen: von 1,26 Mrd.DM auf 70 Mill.DM.Der Rückgang hängt zum Teil mit dem auf 225 Mill.DM bezifferten Verlust in den Handelsoperationen der Bank und der hohe Risikovorsorge für russische Kredite zurückzuführen.

ELEKTRONIK UND SOFTWARE: Das dritte Quartal werden die meisten europäischen Softwareunternehmen und Technologiedienstleister am liebsten vergessen wollen.Etwa Philips Electronics NV: der Ertrag aus der normalen Geschäftstätigkeit ist um 38 Prozent auf 449 Mill.Gulden (Vorjahr: 721 Mill.Gulden) gefallen.

Europas führendes Software-Unternehmen, die deutsche SAP AG, übersteht das Abflauen der Wirtschaft in Europa besser.Das Unternehmen konnte seinen Gewinn vor Steuern im dritten Quartal trotz der schwachen Umsätze in Japan und den ungünstigen Wechselkursen um 50 Prozent steigern.Doch einige Analysten warnen vor einem Rückgang bei den SAP-Kernprodukten, indem sie darauf hinweisen, daß die Verkäufe der Software-Lizenzen im Quartal nur um 29 Prozent gestiegen sind.Für die Zukunft sagen Analysten weitere schmerzliche Entwicklungen voraus, wenn ein Abflauen der Weltwirtschaft akuter wird."Um die 60 Prozent der IT-Unternehmen kämpfen mit Problemen", sagt ein Fondsmanager.

VERSICHERUNG: Rezessionsängste und die Auswirkung der Marktturbulenzen auf Investmentportfolios haben die europäischen Versicherungsunternehmen im dritten Quartal belastet.Zudem hat die Abwärtsentwicklung auf den internationalen Aktienmärkten die Portfoliogewinne der ersten Jahreshälfte vernichtet.Die Münchener Rück, der große deutsche Rückversicherer, hat Mitte Oktober gesagt, er erwarte, sein Gewinn werde in diesem Jahr geringer als 1997 ausfallen.

TELEKOMMUNIKATION: In Europa spüren die staatlichen Telekomunikationsunternehmen bereits die Folgen der Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums, außerdem den Markteintritt von Konkurrenten im Gefolge der Deregulierung der europäischen Telekommunikationsmärkte im Januar.Im Moment ist der Schaden nicht zu groß: Unternehmen wie British Telecommunications und Telecom Italia steigern weiterhin ihre Einnahmen durch Dienstleistungen mit Mehrwert wie etwa Konferenzschaltungen, sagt Louise Cox, Analyst bei Robert Fleming Securities in London.Doch die Deutsche Telekom AG hat bereits mit Problemen zu kämpfen, trotz eines Gewinnzuwachses im dritten Quartal um 31 Prozent: Der Umsatz des Unternehmens hat im dritten Quartal praktisch stagniert.Zudem sagen Analysten für 1999 deutlich geringere Gewinne voraus, weil das Unternehmen plant, die Preise stark zu senken.

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