Wirtschaft : Die US-Notenbank warnt vor der Rückkehr der Inflation - Keine Zinsanhebung in Euroland erwartet

Die Börse reagierte am Mittwoch ausgesprochen nervös, nachdem die US-Notenbank am Dienstag darauf verzichtet hatte, die Zinsen zu erhöhen. Die Fed hatte zugleich die Warnung ausgegeben, künftig eine straffere Geldpolitik zu verfolgen. Der Dax schloss nach Gewinnen am Nachmittag bei 5353,32. Am Donnerstag tritt der Rat der Europäischen Zentralbank zusammen. Werden die Zinsen erhöht? Diese Frage stellten sich die Börsianer.

"Mir wäre es lieber gewesen, wenn die US-Zentralbank etwas gemacht hätte, dann wäre die Kuh wenigstens vom Eis", brachte es ein Börsianer auf den Punkt. Ein anderer sprach von der "denkbar schlechtesten Entscheidung". Seit der letzten Zinserhöhung hatte es Spekulationen gegeben, ob die Zentralbank angesichts freundlicher Konjunkturaussichten jetzt noch einmal das Geld verteuert.

Die amerikanischen Währungshüter hatten erst vor sechs Wochen den Zinssatz für Tagesgeld um einen Viertel Prozentpunkt auf 5,25 Prozent angehoben. Mit höheren Zinsen versucht die Zentralbank, die Konjunktur abzukühlen und das Risiko einer Inflation zu vermindern. Diesmal blieb der Satz unverändert. Dafür gab es eine deutliche Warnung der Fed. "Der Offenmarktausschuss wird in den kommenden Monaten besonders aufmerksam auf mögliche Preissteigerungen achten, die zu einem inflationären Druck beitragen und die beeindruckende Leistung der Wirtschaft schwächen könnten", hieß es in der Stellungnahme. An den US-Finanzmärkten gaben die Kurse der Aktien und Staatsanleihen nach.

Eigentlich sei eine Anhebung um etwa einen Viertel Prozentpunkt bereits in den Kursen berücksichtigt, hieß es an Wall Street. Normalerweise müssten diese nun also in die Höhe schnellen, doch die Hängepartie geht weiter. Am 16. November findet die nächste Sitzung des Offenmarktausschusses der Fed statt.

Nichts aber ist schädlicher für die Entwicklung der Aktienkurse als Unsicherheit. Dies wird wohl zunächst in Wall Street zu einer sogenannten Schaukelböse führen. Und weil die US-Börse als Leitbörse die Aktienmärkte weltweit bewegt, ist auch für die deutschen Märkte kein wesentlicher Aufschwung zu erwarten. Es gilt wieder einmal der alte Grundsatz: Europa folgt den USA.

Noch ein Unsicherheitsfaktor für die Finanzmärkte ist die Europäische Zentralbank (EZB), die am heutigen Donnerstag eine Zinserhöhung beschließen könnte. Vorsorglich warnte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die EZB bereits vor "vorschnellen Zinserhöhungen". Der EZB-Rat dürfe nicht die Fehler der Deutschen Bundesbank wiederholen und "ohne Rücksicht auf Wachstum und Beschäftigung in einen zinspolitischen Aktivismus verfallen", sagte DGB-Vorstandsmitglied Heinz Putzhammer am Mittwoch in Berlin.

Bei den Volkswirten der großen deutschen Banken wird jedoch Entwarnung gegeben. Der Volkswirt der Bankgesellschaft Berlin, Heinrich Engelke, sagte dem Tagesspiegel, dass er eine Zinserhöhung für unwahrscheinlich halte. Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Ulrich Ramm, sagte, dass er frühestens im Frühjahr 2000 mit einer Erhöhung der Leitzinsen in Euroland rechne. Vorher ergebe dies wenig Sinn. Ramm sprach von einer "ruhigen Hand", die die EZB beibehalten werde. Die Deutsche Bank erwartet, dass die EZB mit hoher Wahrscheinlichkeit für den Rest des Jahres stillhält. Ihr zufolge hebt sie den Leitzins erst im Frühjahr von 2,5 auf 3,0 Prozent an.

Doch es bleiben die jüngsten Warnungen von EZB-Präsident Wim Duisenberg und seinem Chefvolkswirt, Ottmar Issing, dass die Konjunktur in Europa erstaunlich schnell an Fahrt gewinne. Das inflationäre Potenzial sei nicht zu unterschätzen. Der "scharfe Tonfall" der Währungshüter habe die Geldmarktsätze in Europa bereits kräftig nach oben getrieben, sagten Händler am Mittwoch.

Die Börsianer jedenfalls sind gewarnt. Wird auch die EZB nichts entscheiden, aber umso deutlicher drohen? Darin sehen Aktienkenner keine guten Voraussetzungen für Kurssteigerungen. Denn Zinserhöhungen sind Gift für die Aktienmärkte, verteuern sie doch das Geld. Investitionen werden knapper - und die Gewinnaussichten der Unternehmen kleiner. Auch die Inhaber festverzinslicher Wertpapiere haben an Zinserhöhungen wenig Freude. Denn die Verzinsung öffentlicher Anleihen folgt dem allgemeinen Zinstrend. Es wird dann also höherverzinsliche Papiere geben - mit der Folge, dass die Kurse der alten niedriger verzinsten Papiere sinken.

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