Wirtschaft : Die Verbraucher sind unschuldig

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Von Anselm Waldermann

Das Klagen über den schwachen Konsum in Deutschland mag man schon nicht mehr hören: Die Menschen würden ihr Geld horten, anstatt es auszugeben. Deshalb könne es mit dem Wirtschaftsaufschwung nichts werden, heißt es allerorten. Die Konsumenten werden so zu den Schuldigen der konjunkturellen Schwächephase erklärt. Doch mit Appellen an die Verbraucher ist es nicht getan, wenn der Wirtschaftsmotor wieder anspringen soll. Neben Zukunftssorgen und der entsprechend hohen Sparquote gibt es einen weit simpleren Grund für die Kaufzurückhaltung der Deutschen: Sie haben für größere Anschaffungen immer weniger Geld in der Tasche. Das hat das KarlBräuer-Institut in seiner jüngsten Studie eindrucksvoll belegt. Während ein lediger Gutverdiener 1970 noch 41,7 Prozent seines Bruttolohns in Form von Steuern und Abgaben abführen musste, ist dieser Anteil inzwischen fast auf 60 Prozent gestiegen. Dabei lagen zwischen 1970 und heute zahlreiche Steuerreformen. Auch an den Sozialsystemen wurde mehrfach herumgedoktert. Nur: Statt weniger mussten die Bürger immer mehr zahlen. Und wenn sich die Politik in Einzelfällen doch einmal zu einer Entlastung der Steuer- und Beitragszahler durchringen konnte, nahm sie sich das fehlende Geld an anderer Stelle wieder – nach dem Motto: Etwas in die eine Tasche hinein, etwas mehr aus der anderen wieder heraus. Jüngstes Beispiel: die Gesundheitsreform. Was der Staat den Bürgern über die für 2004 geplanten Steuer- und Sozialbeitragssenkungen zurückgeben will, holt er sich bei den Patienten gleich wieder. Ein paar Euro für den Zahnersatz, ein paar für das Krankengeld. In der Summe jedoch fehlen all diese Euros beim privaten Konsum. Über die schwache Binnennachfrage darf sich niemand wundern, solange sich am Schema staatlichen Handelns nicht fundamental etwas ändert.

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