Wirtschaft : Die Vereinten Nationen – eine Welt für sich

Seit der Gründung vor 60 Jahren hat sich in der UN kaum etwas geändert. Sie muss dringend modernisiert werden

Jess Bravin,Steve Stecklow

Von Jess Bravin

und Steve Stecklow

Vier Jahrzehnte lang hatte die Schutztruppe der Vereinten Nationen ohne besondere Würdigung in abgelegenen Waffenstillstandszonen patrouilliert. 1988 wurde ihr dafür der Friedensnobelpreis verliehen.

„Wir können diese tapferen Soldaten nicht vergessen“, sagte der damalige UN-Generalsekretär Perez de Cuellar und erinnerte dabei an die 733 Soldaten, die bis dahin in UN-Einsätzen ihr Leben verloren hatten. Es folgten weitere 15 Jahre, zwei weitere Generalsekretäre und 1000 neue Opfer unter den UN-Soldaten, bis die Vereinten Nationen nach zahlreichen Sitzungen endlich entschieden, mit dem Preisgeld von 450000 Dollar ein Denkmal für die ums Leben gekommenen Blauhelm-Soldaten zu errichten. „Wir haben viel zu lange gewartet“, gestand der jetzige UN-Generalsekretär Kofi Annan auf einer Gedenkveranstaltung im vergangenen Oktober.

Es gibt kaum eine Aufgabe, die der Organisation noch leicht von der Hand geht. Ihr Auftragsspektrum reicht von der Verhinderung von Kriegen bis zur Gestaltung des internationalen Postverkehrs. Wann immer die UN auch versucht, ihre Aufgaben neu zu definieren, stößt sie an die Grenzen ihrer ritualisierten Arbeitswelt und Bürokratie, die ihre Wurzeln in einer längst vergangenen Ära haben. So tagt die Vollversammlung gerade vier Monate im Jahr, und das bei Sitzungszeiten, die noch auf die Dampfschiff-Fahrpläne der 40er-Jahre abgestimmt zu sein scheinen.

Pioniergeist wie in den ersten Tagen

Während ihrer fast 60-jährigen Geschichte sind die Vereinten Nationen eine Welt für sich geworden. Das Sieben-Hektar- Areal ihres New Yorker Hauptquartiers ist internationales Territorium, das weder zum US-Gebiet noch zu einem anderen Land gehört. In seinen Kellerräumen bezieht die eigene Werkstatt die inzwischen museumsreifen Tagungssitze ständig neu und hält das Mobiliar fortlaufend auf dem Stand der 50er-Jahre. „Alle Vorgaben stammen aus den Anfangsjahren, seitdem hat sich kaum etwas geändert“, sagt Jean Gazarian, der 1946 zu der ein Jahr zuvor gegründeten Organisation kam. „Allerdings ist der Pioniergeist dieser ersten Tage erhalten geblieben.“

Die veraltete Struktur nimmt bisweilen tragische Züge an, was besonders nach dem Bombenanschlag auf das UN-Quartier in Bagdad im August deutlich wurde. Eine Untersuchung des Vorfalls kam zum Ergebnis, dass die Zahl der Opfer weitaus geringer ausgefallen wäre, hätten die UN-Verantwortlichen das Geld einer Schwesterorganisation akzeptiert, um damit schnellstens Schutzfolien für die Glasscheiben des später zerbombten Gebäudes zu kaufen. Doch die Fenster blieben ungeschützt, weil die Manager lieber auf den langwierigen Dienstweg der Materialbeschaffung setzten.

Der Geschäftsetat der Organisationen durchläuft einen zweijährigen Abstimmungsprozess und ist bereits veraltet, wenn er verabschiedet wird. Selbst Kofi Annan beklagt die wenig zielführende Sitzungskultur. „Die Delegierten diskutieren und diskutieren, ohne dass es einen Mechanismus gibt, der die Debatte zu einem Ende bringt“, sagt der Generalsekretär. Das gilt auch für die UN- Vollversammlung. Viele der 173 Punkte auf der Beschlussagenda sind Dauerbrenner.

So etwa der Antrag auf Verurteilung der USA für den Bombenangriff auf Libyen im Jahr 1986. Oder Madagaskars 1976 beantragte Klärung des Status der Komoreninsel Mayotte und der Vorschlag für eine umfassende und vollständige Abrüstung, der in jedem Jahr neu auf der Tagesordnung erscheint, seit ihn die Sowjetunion 1959 erstmals eingebracht hat.

Trotz solcher Mängel erkennen auch die Kritiker der UN an, dass sie viel erreicht haben, besonders in ihrer humanitären Arbeit für Kinder und Kranke. Sowohl die förmlichen Sitzungen als auch die inoffiziellen Gespräche sorgen für einen stetigen diplomatischen Dialog, bei dem auch die ärgsten Feinde gelegentlich gemeinsame Positionen finden. Die wichtigsten Errungenschaften der UN dürften zudem kaum messbar sein, darin sind sich viele der UN-Offiziellen einig. Denn die eigentliche Leistung der UN bestand oft darin, dass potenzielle Konflikte erst gar nicht ausgebrochen sind.

Dass die Organisation noch immer gewaltig wächst, liegt vor allem an der Fülle ihrer Unterabteilungen, wie der Weltbank, dem Kinderhilfswerk Unicef, der Weltgesundheitsorganisation und so obskuren Gebilden wie der Meteorologischen Weltorganisation. Diese Einheiten haben die Zahl der UN- Mitarbeiter auf 61000 anwachsen lassen. Erst in den 90er-Jahren verabschiedete sich die UN vom System der unbefristeten Arbeitsverträge, die oft als Garantie für eine lebenslange Beschäftigung verstanden wurden.

Doch noch immer gibt es kein vernünftiges System der Leistungsbewertung, um fehlende Eignung und mangelnde Effektivität aufzudecken. Leitende Mitarbeiter klagen über die unzureichenden Möglichkeiten, das Fehlverhalten von Angestellten zu ahnden, und das für Personalfragen zuständige Schiedsgericht hat einen Antragsrückstand von drei Jahren. Ob die Organisation überhaupt jemals einen Mitarbeiter persönlich zur Rechenschaft ziehen kann, wird vielleicht erst die kürzlich angeordnete zweite Untersuchung zu den Sicherheitslücken beim Bombenattentat von Bagdad zeigen.

Begehrte Arbeitsplätze

Gerade in ärmeren Ländern sind die UN- Arbeitsplätze heiß begehrt. Welche Hauptstadt der Generalsekretär auch besucht, fast immer bitten ihn die Gastgeber um die Einstellung weiterer Landsleute. Auch die USA bemühen sich um die gut bezahlten UN- Jobs. Das Verdienstsystem orientiert sich an den höchsten Beamtenlöhnen der Welt. In besonders teuren Städten wie New York oder Genf werden den Mitarbeitern zusätzlich beträchtliche Zuschüsse für die Miete gewährt. Auch übernimmt die UN für die Kinder ihrer Mitarbeiter 75 Prozent der Ausbildungskosten.

Ungeschriebene Gesetzte sorgen dafür, dass viele der Spitzenjobs des UN-Sekretariats an die mächtigsten Länder gehen. „Wenn man sich die Top-Positionen beim Sekretariat anschaut, wird man dort Briten, Chinesen, Russen, Franzosen und US-Amerikaner finden“, sagt die Management-Chefin des Sekretariats Catherine Bertini, die wie ihre drei Amtsvorgänger aus den USA stammt. Wo immer es um die Besetzung der zahlreichen Kommissionen geht, sucht die UN nach einer möglichst breiten territorialen Verteilung der Posten. Doch oft fehlt ein echter Wettbewerb unter den Konkurrenten aus den Auswahlstaaten.

Statt dessen schmieden die Länder Allianzen, und präsentieren für jede Position nur einen Bewerber. Auf diese Weise kam Libyen in diesem Jahr zum Vorsitz der UN- Kommission für Menschenrechte, obwohl Libyens eigene Bilanz bei der Achtung der Menschenrechte laut der unabhängigen Human Rights Watch Group als „alarmierend“ zu bewerten ist.

Guatemalas UN-Botschafter Rosenthal glaubt nicht daran, dass sich der Auswahlprozess reformieren lässt. „Vieles basiert auf dem Motto ‚Eine Hand wäscht die andere’“, sagt Rosenthal, der auch Präsident des UN-Rates für Wirtschaft und Soziales ist. „Die Qualifikation der Bewerber spielt eigentlich keine Rolle. Darauf kam es bei der UN noch nie an.“

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