Wirtschaft : Die vergessene Krise

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Gefahr für das Klima. Kohle deckt derzeit die Hälfte des globalen Energiebedarfs und prägt ganze Landstriche wie hier im südbrandenburgischen Jänschwalde. Foto: dpa
Gefahr für das Klima. Kohle deckt derzeit die Hälfte des globalen Energiebedarfs und prägt ganze Landstriche wie hier im...Foto: dpa

Berlin - Fatih Birol ist alarmiert. Der Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA) hat am Freitag in Berlin den neuesten Weltenergieausblick präsentiert. Angesichts der Zahlen sei er „viel pessimistischer als vor einem Jahr“, sagte Birol. Die Gründe dafür sind die Finanz- und Schuldenkrise, die Folgen des arabischen Frühlings für die Investitionen in die Erdölförderung und die Atomkatastrophe von Fukushima.

Birol beklagt, dass die wirtschaftlichen Turbulenzen der vergangenen Monate die Aufmerksamkeit der Regierungen von den Themen Energiesicherheit und Klimaschutz abgelenkt hätten. Die zusätzlichen öffentlichen Investitionen, die für einen Umbau zu einem kohlenstoffarmen Energiesystem notwendig sind, seien derzeit nicht in Sicht. Es sei denn, die Staaten würden die Subventionen für fossile Energieträger abschaffen, wie das schon mehrfach bei G-20-Gipfeln beschlossen wurde. Stattdessen stieg die Summe für diese Subventionen 2010 auf rekordverdächtige 409 Milliarden Dollar. Die Subventionen für erneuerbare Energien lagen übrigens 2010 weltweit bei 66 Milliarden Dollar. Allein in Deutschland betrugen die Subventionen für endliche Energieträger nach Berechnungen des Umweltbundesamtes 17,7 Milliarden Euro.

Birol hält den Zustand des Weltenergiesystems für besorgniserregend. Denn der weltweite Kohlendioxidausstoß hat 2010 einen historischen Höchststand erreicht. Als besonders dramatisch bewertet Birol die Tatsache, dass die Energieeffizienz bereits im zweiten Jahr abgenommen hat, anstatt verbessert zu werden. Vor 2009 habe sich die Energieeffizienz jährlich um ein knappes Prozent verbessert, 2009 und 2010 habe die Energieintensität der Weltwirtschaft dagegen zugenommen. Birol wies deshalb in Berlin auf den Gegensatz zwischen „vielen politischen Bekenntnissen“ und der offenkundigen Realität hin. Ändert sich an der Energiepolitik nichts, steuert die Welt auf eine globale Erwärmung von sechs Grad bis 2100 im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung zu. Nach einhelliger Einschätzung nicht nur der Klimaforscher wäre eine solche Erwärmung nicht mehr zu bewältigen. Die IEA hat deshalb auch ein Szenario berechnet, mit dem zumindest eine etwa 50-prozentige Wahrscheinlichkeit besteht, die globale Erwärmung auf zwei Grad begrenzen zu können. Dafür legt die IEA einen Wert von 450 Teilchen Kohlendioxid pro einer Million Teilchen (ppm) in der Atmosphäre zugrunde. Um diesen Wert – derzeit liegt der CO2-Anteil in der Atmosphäre bereits bei mehr als 380 ppm – zu erreichen, dürfte weltweit nach 2017 kein einziges Kraftwerk und keine Industrieanlage, die CO2 emittiert, mehr gebaut werden. Schon heute seien vier Fünftel der bis 2035 noch akzeptablen CO2-Emissionen in den bereits gebauten oder im Bau befindlichen Anlagen „eingeschlossen“.

Für erneuerbare Energien sieht zwar auch die IEA eine große Zukunft. Doch in ihren Szenarien gehen die Pariser Experten nicht einmal von einer Verdopplung des Anteils erneuerbarer Energien an der Versorgung im Jahr 2035 aus. Der Bundesverband Erneuerbare Energien sieht darin eine „systematische Kleinrechnung des Potenzials erneuerbarer Energien“.

Für Gas sieht die IEA ein „goldenes Zeitalter“ anbrechen, weil es von den endlichen Energieträgern der klimafreundlichste ist. Birol schränkte jedoch ein, dass unkonventionelles Gas, Schelfgas etwa, auch bei der Erzeugung „goldenen Regeln“ folgen müsse. Die mit der Extraktion derzeit verbundenen Umweltschäden müssten abgestellt werden, verlangte er. Über den klimaschädlichsten Energieträger Kohle werde dagegen kaum geredet. Tatsächlich decke Kohle aber derzeit die Hälfte des globalen Energiebedarfs. Und je stärker der Ölpreis steige, desto wettbewerbsfähiger erscheine die Kohle. Auch deshalb hofft Birol, dass die neuen Prioritäten in vielen arabischen Ländern nicht zu sinkenden Investitionen in die Ölförderung führen. Zwar sei es „politisch verständlich“, dass viele arabische Regierungen mehr Geld für soziale Zwecke ausgäben. Dennoch müssten jährlich etwa 100 Milliarden Dollar ins Ölgeschäft investiert werden, um mittelfristig den Bedarf zu decken. Sonst gingen diese Marktanteile verloren, warnte Birol.

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima hofft die IEA noch immer auf einen Ausbau der weltweiten Atomenergienutzung. Allerdings wies Birol auf grundlegende Debatten darüber in Frankreich und Japan hin, die derzeit beide einen hohen Atomenergieanteil haben. Würde deutlich weniger investiert, als die IEA das bisher gehofft hat, stiege der CO2-Ausstoß weiter, sagte er.

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