Wirtschaft : Die Verlierer der Wende

Mit dem Atomausstieg steigt auch der Druck auf die Gewerkschaften – sie lebten gut mit dem alten System.

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Doppelrolle. Mitarbeiter, hier bei einer Demo gegen Vattenfalls Sparpläne, haben Angst, verstehen aber die Not ihrer Arbeitgeber.Foto: dapd
Doppelrolle. Mitarbeiter, hier bei einer Demo gegen Vattenfalls Sparpläne, haben Angst, verstehen aber die Not ihrer...Foto: dapd

Berlin - Den „großen Vier“ geht es schlecht: Eon, RWE, Vattenfall und EnBW haben seit der angekündigten Energiewende neue Sparprogramme aufgelegt oder bestehende noch verschärft. Am Donnerstag folgte auch der fünftgrößte Energiekonzern hierzulande, EWE aus Oldenburg: Wieder kündigte ein Vorstand Verluste und Stellenstreichungen in der Verwaltung an. Das führt dann unweigerlich zu Verhandlungen mit Betriebsräten und Gewerkschaften, die sich auch in eine neue Rolle fügen müssen. Denn mit dem alten System, das auf Kernkraft und Kohle basierte, hatten sie gut leben können.

„Die Gespräche sind definitiv härter geworden als in den vergangenen Jahren“, sagt Erhard Ott vom Bundesvorstand der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Er hat in dieser Woche gerade die Verhandlungen mit dem Marktführer Eon mit einem blauen Auge abgeschlossen. Zwar mussten Verdi und die Energiegewerkschaft IG BCE den zwei Milliarden Euro schweren Sparplan von Eon-Chef Johannes Teyssen im Prinzip akzeptieren, der 6000 Stellen allein hierzulande streichen will. Dafür konnten sie ihm das Versprechen abringen, dass das weitgehend ohne betriebsbedingte Kündigungen geschieht: Altersteilzeit, Fortbildungsmaßnahmen. Niemand soll all zu hart fallen.

Viel mehr wäre aber wohl nicht drin gewesen. Man kenne ja die Zahlen bei Eon und seinen Konkurrenten und habe diese auch noch mal von externen Gutachtern prüfen lassen, sagt Verdi-Vorstand Ott. „Es stimmt schon, die Energiewende zwingt sie zu grundsätzlichen Umbauten, das Argument halte ich für schlüssig. Zugleich habe ich manchmal aber den Eindruck, dass mancher Vorstand die Situation ausnutzen will, um noch härter zu verhandeln.“ In jedem Fall sei er gesprächsbereit und kein Anhänger der alten harten Strategie nach dem Motto „Wir verteidigen den Heizer auf der Elektrolok“, sagt Ott.

Tatsächlich fühlen sich irgendwie alle, Vorstände wie einfache Mitarbeiter, als Opfer der Energiewende. Nun müsse man eben gemeinsam das Beste draus machen, sagt Ott. Die Konzerne müssen mehr investieren in Erneuerbare, den Stromnetzausbau, energetische Sanierung, klimafreundliche Anlagen zur Kraft-Wärme- Kopplung, Forschung und Entwicklung. Doch hilft das, im großen Stil neue Jobs zu schaffen? Denn ein Grundproblem sieht Ott auch: „Ein Windrad dreht sich auch ohne Menschenhand.“ Der Betrieb von Anlagen zur Ökostromerzeugung erfordere viel weniger Betreuung als der eines konventionellen Kraftwerkes.

Über die Jahre seit der Liberalisierung der Energiemärkte seien rund 100 000 Stellen in dem Sektor verloren gegangen, das sei ein strukturelles Problem, sagt Ott. Zugleich sind Verdi und die anderen Gewerkschaften stark bei den großen alten Energieversorgern vertreten mit Organisierungsgraden von 70 bis 80 Prozent in einigen Teilbetrieben. Bei vielen der neuen Energieanbieter sei dagegen teilweise weniger als jeder fünfte Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert.

Der Wirtschaftsforscher Joachim Ziesing, Vorstand bei der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, soll der Bundesregierung Ende des Jahres einen Bericht über die Forschritte der Energiewende vorlegen. Er wundert sich, wie sehr die Chefetagen in Unternehmen und die Gewerkschaften von der neuen Energiepolitik überrumpelt wurden. „Die Wende war ja schon mit dem rot-grünen Atomausstieg absehbar“, sagt Ziesing. Man habe sich in der alten fossilen Welt bequem eingerichtet. „Den Mitarbeitern ging es da ja nicht wirklich schlecht. Den Gewerkschaften war die Situation so lange recht, wie es nicht an die Sicherheit der Arbeitsplätze ging“, sagt der Forscher. Wer in einem Atomkraftwerk arbeite, sei natürlich nicht erfreut, wenn das jetzt zurückgebaut wird. „Das kann ich verstehen. Aber alle Beteiligten hätten sich viel früher nach Alternativen umschauen können.“

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