Wirtschaft : Die verlorenen Kinder von Henan

Wie organisierte Bettel-Ringe die Armut chinesischer Bauernfamilien ausnutzen, um Geld zu verdienen

Peter Wonacott

Sie saß jeden Tag auf der Fußgängerbrücke neben den Bürotürmen von Gunagzhou. Ihre deformierten Beine unter den Körper geschoben und mit einer roten Plastikschüssel vor sich, bettelte die 13-jährige Qian Qian über zwei Monate in einer der reichsten Städte Chinas. „Meine Familie ist bei den Überschwemmungen umgekommen“, erzählte sie den Passanten. In Wahrheit wurde sie von ihrem Vater, einem ahnungslosen Bauern, an den Betreiber eines Bettler-Rings gegeben. Die Familie konnte die Arztrechnungen für die mit einem Wirbelsäulenschaden geborene Tochter nicht mehr bezahlen. Ihr neuer Vormund, ein Mann namens Gong Qingping, brachte sie in das nah gelegene Dorf Gongxiao, wo aus dem Betteln ein Geschäft gemacht wird. Gong gab dem Mädchen eine Rasierklinge und befahl ihr, die Füße und Beine aufzuschlitzen, damit sie noch Mitleid erregender aussieht. Seine 17-jährige Tochter brachte Qian Qian dann jeden Morgen zu der Fußgängerbrücke und holte sie am Abend wieder ab. Dann kassierte sie die umgerechnet etwa vier Euro, die das Mädchen an einem Tag erbettelte.

Die Geschichte von Qian Qian steht für die wachsende Kluft zwischen der armen Landbevölkerung und den reichen Städtern im explosionsartig wachsenden China. Für einen großen Teil der Chinesen, an denen der wirtschaftliche Aufschwung vorbeizieht, ist das Betteln zu einer lukrativen Beschäftigung geworden: Der Bettellohn kann das Zehnfache des Einkommens eines Farmers erreichen. Die wirtschaftlichen Umwälzungen im China der späten 70er Jahre brachten dem Land zwar ein jährliches Wachstum von fast zehn Prozent – doch der neue Reichtum verteilte sich ungleich. Zusätzlich wurden die Sozialleistungen radikal gekürzt, um die Staatsausgaben zu senken. Nur 13,5 Prozent der Bevölkerung sind krankenversichert, eine Arbeitslosenversicherung haben sogar nur 8,1 Prozent, heißt es im Bericht des chinesischen Sozialministeriums für das Jahr 2003. Gerade einmal 16,3 Prozent der Chinesen werden später einmal Rente erhalten. „Vor allem den Bauern fehlt selbst die einfachste Absicherung“, sagt Feng Xingyuan, Forscher am Institut für landwirtschaftliche Entwicklung in Peking.

Früher war es in China üblich, Almosen an behinderte Kinder oder buddhistische Mönche zu geben. Doch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in den Städten wurde das Betteln immer aggressiver und organisierter. Unter Anleitung von Erwachsenen warten die jungen Bettler vor Luxus-Geschäften oder klammern sich an die Beine von Passanten. Deshalb ist inzwischen das öffentliche Betteln in Chinas Städten verboten. Trotzdem registrierte die Polizei von August 2003 bis Juni 2004 landesweit 80000 bettelnde Kinder, so die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Wahrscheinlich aber sind es noch viel mehr, denn die Zahlen der Regierung sind kaum verlässlich. Sie hat wenig Interesse daran, das Ausmaß der sozialen Missstände öffentlich zu machen. Jetzt allerdings arbeitet die Regierung an einem Programm zur Bekämpfung des Bettelns. Laut einem Vertreter des kommunistischen Jugendverbandes will man die Behörden verpflichten, Zufluchtsstätten für die Kinder einzurichten und Erwachsene zu bestrafen, die Kinder zum Betteln anhalten.

Die Familie von Qian Qian lebt seit Generationen vom Landbau. Ihr Jahreseinkommen schwankt zwischen 125 und 250 Dollar. Selbst in guten Jahren beträgt es gerade einmal ein Viertel dessen, was in den Städten durchschnittlich verdient wird. Nach der Geburt ihrer körperlich behinderten Tochter Qian Qian wurde den Eltern von einem Arzt geraten, „das Kind loszuwerden“, erzählt der Vater. Die Familie gab Qian Qian nicht weg. Doch das Leben mit dem behinderten Kind und das Geschwätz im Dorf wurden bald zu viel für die Mutter – vor vier Jahren hat sie sich mit einer Flasche Baumwollpestizid vergiftet. Sie ist ins Koma gefallen und später im Krankenhaus gestorben. Der Vater blieb mit zwei Kindern und Klinikrechnungen von über 2400 Dollar zurück.

Im Frühjahr 2001 besuchte ihn Herr Gong, ein Mann aus dem drei Busstunden entfernten Dorf Gongxiao, und bot Hilfe an: Er wolle Qian Qian mitnehmen und sie in seinem Wein- und Tabakgeschäft arbeiten lassen. Angeblich würde ihm die Behinderung des Mädchens einen Steuervorteil bringen. Dem Vater würde er dafür monatlich 24 Dollar schicken. In Gongxiao lebt man vom Betteln. Bei der Planung der Bettelzüge in die Stadt sind die Dörfler bald darauf gekommen, dass behinderte Kinder mehr Geld einbringen. Nach Schätzungen erbetteln sich inzwischen 60 Prozent der 1500 Dorfbewohner ihren Lebensunterhalt mit Hilfe behinderter Kinder. Auf der Suche nach solchen Jungen und Mädchen durchforsteten viele von ihnen die Dörfer der noch ärmeren Nachbarprovinz Henan. Dabei konzentrierten sie sich auf das Dorf von Qian Qian, wo ein verseuchter Fluss zu massenhaften Geburtsschäden geführt haben soll. Wang Ronggue, Chef der örtlichen Polizeiverwaltung ist den Tricks der Bettel-Kartelle seit zwei Jahren auf der Spur. Er sagt, dass viele der Bauern das Gerede vom angeblichen Steuer-Bonus glauben und ihre Kinder für 40 bis 60 Dollar pro Monat an die Berufsbettler geben.

Auch Qian Qians Vater ließ sich blenden. Den von Gong aufgesetzten „Adoptionsvertrag“ besiegelte er mit dem unter Bauern üblichen Daumenabdruck. Kurz darauf wurde das Mädchen von Gong im Betteln geschult und musste mit ihm durch die Städte reisen, zuletzt in das aufstrebende Guangzhou nahe der Grenze zu Hongkong. Anfang dieses Jahres wurde der 33-jährige Liu Rouhan auf Qian Qian aufmerksam und wollte ihr helfen. Er erstattete Anzeige bei der Polizei. Doch auf der Behörde hieß es nur, er solle sich aus der Angelegenheit heraushalten. Rouhan holte das Mädchen trotzdem von der Straße und erzählte der Lokalpresse von der Geschichte. Inzwischen kümmert sich eine amerikanische Hilfsorganisation um Qian Qian. Gong wurde im Juni wegen Kindesentführung und Betreiben eines Bettler-Ringes zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.

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