Wirtschaft : Die verschlungenen Wege des Martin Frankel

NORBERT KULS

NEW YORK . Als Greenwich das letzte Mal in den Schlagzeilen war, schien es der Ausgangsort für einen Zusammenbruch der Weltbörsen zu sein. Das war vergangenes Jahr, als der Risikofonds LTCM mit Sitz in Greenwich, Connecticut, in eine spektakuläre Schieflage geraten war.Jetzt ist der Vorort der Reichen Ausgangspunkt für einen neuen Skandal, der Topthema der großen US-Zeitungen ist. Die Story hat alles, was eine gute Story braucht. Es geht um Geld, viel Geld: um über 300 Mill. Dollar. Es geht um Betrug, um leichtgläubige Kunden aus der Versicherungsbranche und ein mögliches Versagen der Behörden. Nebenbei spielt auch noch Sex eine Rolle.Greenwich ist der Sitz der Investmentfirma Liberty National Securities. Für deren Geschäfte interessieren sich derzeit die Börsenaufsichtsbehörden und die Agenten der Bundespolizei FBI. Das liegt an Martin Frankel, 44, dem Chef von Liberty National. Der Mann ist nach Ansicht der Behörden verantwortlich für einen der größten Versicherungsbetrüge aller Zeiten, wie die Tageszeitung "New York Times" berichtet.Frankel ist seit dem 4. Mai dieses Jahres spurlos verschwunden. Ebenfalls verschwunden sind mindestens 336 Mill. Dollar (nach anderen Quellen sind es sogar bis zu drei Mrd. Dollar). Die Strafverfolger werfen Frankel vor, diese Summe auf ausländische Konten überwiesen zu haben. Das Geld gehörte vorher verschiedenen Versicherungsgesellschaften, deren Anlagen Frankel verwaltete. Die Behörden glauben nun, daß Frankel mehrere kleinere Versicherungsgesellschaften ausgenommen hat, und das schon seit zehn Jahren. Eigentlich war Frankel schon 1992 geschäftlich tot; damals untersagte ihm die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC, Wertpapiergeschäfte zu tätigen, weil er damals falsche Angaben über seine Vermögensverwaltung Frankel Funds gemacht hatte. Doch Frankel fand eine Lücke im Aufsichtswesen: Er stieg um auf die Versicherungsbranche, die von den einzelnen Bundesstaaten beaufsichtigt wird und nicht von einer nationalen Behörde.Zusammen mit einem Partner begann er, kleine Versicherungsunternehmen aufzukaufen, die in einer schwierigen finanziellen Lage waren. Zwischen 1993 und 1995 erwarb Frankel Mehrheitsbeteiligungen an mindestens sieben Versicherern. Die Vermögensverwaltung für die Versicherungen wurde dann von Frankels Investmentgesellschaft Liberty National übernommen. Deren Geschäftsberichte wiesen überdurchschnittliche Gewinne aus, und Frankel, der sich im Laufe der Zeit sechs Falschnamen zulegte, erwarb die Reputation eines Investmentgurus, wie der Anwalt seines ehemaligen Partners meint.Andere beschreiben ihn als eine Art Woody Allen, dem die Kunden wegen seiner äußerlichen Tolpatschigkeit Vertrauen entgegenbrachten.Der Geldmanager heuerte eine bewaffnete Sicherheitstruppe an und zog einen hohen Zaun mit Kameras und Flutlicht um seine Residenz in Greenwich. Was dort vor sich ging, ist Spekulation. Sicher ist, daß die Polizei im Haus Pornovideos und sadomasochistische Utensilien fand. Und daß 1997 dort eine junge Frau starb, offizielle Erklärung: Selbstmord. Als gehe es darum, diese Melange aus Geld, Paranoia, Sex und vermutetem Verbrechen noch bizarrer zu machen, hat Frankel in jüngster Zeit einen für seinen Lebensstil eher ungewöhnlichen Kunden umworben - die katholische Kirche. Frankel soll katholischen Wohlfahrtsorganisationen große Spenden versprochen haben, um von einflußreichen Kirchenmitgliedern Unterstützung zu erhalten. Frankel gründete für seine Geschäfte eine Stiftung, die er nach dem heiligen Franz von Assisi benannte.Frankel gelang es sogar, Zugang zu einem Konto der Vatikan Bank zu bekommen. Frankel spielte dann seinen Kunden eine enge Verbindung mit dem Vatikan vor - was möglicherweise zum Auffliegen seiner Betrügereien geführt hat. Denn er wollte über die Stiftung weitere Versicherer kaufen. Aber manche Bundesstaaten verbieten ausländischen Konzernen - eine solche wäre auch eine vom Vatikan kontrollierte Stiftung - US-Versicherer zu übernehmen.Zudem begann den Aufsehern aufzufallen, daß die Versicherungen zuviel Geld ausschließlich in Frankels Liberty National angelegt hatten. Eine kleinere Versicherung in Virginia, die Settlers Life Insurance, ist nach Verlusten von 44 Mill. Dollar bereits in Bankrott gegangen. Der Rückversicherer Capital Re Corp. aus New York büßte 67 Mill. Dollar ein und soll deshalb in eine Fusion gezwungen worden sein. Zwar gehörten die beiden Versicherer nicht direkt zum Imperium von Frankel. Aber sie hatten geschäftliche Beziehungen zu seinen Firmen. Das könnte auch anderen Versicherern noch Schwierigkeiten bereiten, befürchtet die Branche.(HB)

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