Wirtschaft : Die Versicherungsbranche muss Massenkündigungen fürchten

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Auf die Versicherungswirtschaft könnte eine neue Kündigungswelle zurollen. Verbraucherschützer forderten am Donnerstag die Verbraucher auf, von bereits abgeschlossenen Riester-Verträgen zurückzutreten. Dabei sollten sich die Kunden beeilen. Für den Vertragsrücktritt haben die Versicherungsnehmer eine Frist von einem Monat nach Zahlung der ersten Prämie. Da die meisten Riester-Verträge zum 1. Januar dieses Jahres geschlossen worden sind, läuft diese Frist jetzt, sagte Wolfgang Scholl vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Wie Scholl auf Anfrage weiter mitteilte, überprüfen die Verbraucherschützer zudem die Geschäftsbedingungen der Versicherer. Problematisch seien vor allem die nach dem Gesetz vorgeschriebenen Informationen zu den Vertragskosten. Diese Angaben seien häufig zu versteckt. "Wir werden bestimmt einige Anbieter abmahnen", so Scholl.

Problematisch ist nach Meinung des Versicherungsexperten auch die unterschiedliche Behandlung von Fonds- und Versicherungsprodukten. Während sich bei der gesetzlich geförderten Fondsanlage die Kunden wenigstens 20 Prozent des angesparten Kapitals beim Rentenbeginn auszahlen lassen können, ist das den Versicherungsnehmern verwehrt. Sie müssen sich ausschließlich mit einer Monatsrente abspeisen lassen. Diese Ungleichbehandlung, meint Scholl, sei "rechtlich nicht haltbar".

Nach Einschätzung von Verbraucherschützern ist der Abschluss von Rentenversicherungen im Rahmen der Riester-Förderung nicht sinnvoll. Die Investition in Fonds oder betrieblich Altervorsorgemodelle brächten eine deutlich höhere Rendite, sagte Scholl. Seine Empfehlung: Jetzt aus dem Versicherungsvertrag aussteigen und dann einige Monate abwarten. Spätestens im Sommer gebe es dann genügend Informationen, um die verschiedenen Anlageformen zu vergleichen. Um die in diesem Jahr ohnehin nur bescheidene Riester-Förderung für das laufende Jahr 2002 zu bekommen, reicht es, im nächsten Dezember einen Vertrag abzuschließen.

Der Bund der Versicherten geht noch weiter. "Millionen von Menschen können ihr Geld zurückbekommen", prognostiziert BdV-Geschäftsführer Hans Dieter Meyer. Denn über das gesetzlich verankerte Rücktrittsrecht von einem Monat hinaus können Verbraucher sich sogar ein Jahr lang von dem Vertrag lösen, wenn sie bei Vertragsschluss nicht ausreichend über die Vertragsbedingungen informiert worden waren. Da einige Lebensversicherungsklauseln wie die Bestimmungen über die Rückkaufwerte und die Abschlusskosten inzwischen von den Gerichten beanstandet worden sind, gibt das nach Meinung Meyers den Kunden das Recht, aus bestehenden Lebensversicherungsverträgen auszusteigen. Das, so der BdV-Chef, sei besonders interessant für die Kunden, die bereits im vergangenen Jahr Riester-Rentenverträge abgeschlossen hätten. Denn bei diesen Altverträgen würden die Vermittlerprovisionen - wie bislang üblich - mit den ersten Beitragszahlungen beglichen. Bei den neuen Riester-Produkten werden die Kosten, die mit dem Versicherungsabschluss verbunden sind, dagegen über einen Zehn-Jahres-Zeitraum getilgt. Auch Meyer empfiehlt daher: Raus aus den Riester-Rentenverträgen, abwarten und dann in die betriebliche Altersvorsorge einsteigen.

Anders als die Verbraucherschützer warnen die Versicherer vor pauschalen Empfehlungen. Ob die private oder die betriebliche Altersvorsorge günstiger sei, hänge vom Einzelfall ab, sagt Eckhard Marten, Sprecher der Allianz Leben. So bleibe bei betrieblichen Modellen der Ehepartner außen vor. Außerdem müsse man die Zahl der Kinder und das Einkommen berücksichtigen. Eine Kündigungswelle erwartet Marten nicht. Allerdings muss die Allianz Leben einräumen, dass das Interesse an der Riester-Rente geringer ist als erwartet. Statt 400 000 erwarteter Verträge habe man bis zum Ende des vergangenen Jahres nur 323 195 Policen abschließen können. Bis zum Jahr 2008 peile man im Konzern jedoch nach wie vor eine Zahl von drei Millionen Riester-Verträgen an. "Das Geschäft ist nicht weg."

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