Wirtschaft : Die Verteidiger des Wettbewerbs haben nur wenige Freunde - Ein streitbarer Präsident blickt zurück

Heike Jahberg

Fußball-Fan war er früher einmal, doch die Zeiten, in denen Dieter Wolf dem 1. FC Köln die Treue hielt, sind vorbei. Das liegt weniger am Misserfolg der rheinischen Profikicker, die heute in der zweiten Liga antreten, sondern an der Politik. Denn die hatte den Kantersieg, den Kartellamtspräsident Wolf und seine Mitstreiter im Dezember 1997 vor dem Bundesgerichtshof (BGH) erzielt hatten, mit einem Handstreich zunichte gemacht. Um trotz der gelben Karte vom BGH dem Deutschen Fußballbund das Fernseh-Vermarktungsmonopol für die Bundesliga-Spiele zu sichern, wurde kurzerhand im darauf folgenden Frühling das Kartellrecht geändert. Der Profisport unterliegt seitdem nicht mehr der Kontrolle der Kartellbehörde. Das reicht, um dem obersten deutschen Wettbewerbsschützer die Freude am Fußball gründlich zu verderben.

Dabei hätte Wolf jetzt wirklich die Gelegenheit, regelmäßig ins Müngersdorfer Stadion zu gehen. Denn mit dem Jahreswechsel hat der Jurist vor allem eines - Zeit. Nach siebeneinhalb Jahren an der Spitze des Bundeskartellamts, nach Terminhetze und Stress werde er nun endlich Herr über seine Zeit sein, sagt Wolf: "Das ist eine große Erleichterung." Zum 1. Januar übernimmt Ulf Böge, der wie einst Dieter Wolf aus dem Bundeswirtschaftsministerium kommt, die Amtsgeschäfte - wie sein Vorgänger ein ausgemachter Kenner der Materie.

Doch während Böge ein Mann der leisen Töne ist, feuerte Wolf während seiner Dienstjahre am Platz der Luftbrücke in Berlin so manche Verbalattacke gegen die Ministerialen in Bonn ab. Als die Medienriesen Kirch und Bertelsmann beschlossen, beim Pay-TV gemeinsame Sache zu machen und den Abosender "Premiere" untereinander aufzuteilen, bot das Bundeskartellamt den Konzernen die Stirn. Von der Politik kam wenig Unterstützung - im Gegenteil. Kirch fand Befürworter in konservativen Kreisen, und Bertelsmann konnte seine Kontakte zur deutschen Sozialdemokratie spielen lassen. Nur für den Wettbewerb, resümiert Wolf, habe sich eigentlich keiner so recht stark gemacht. Doch einen wie Wolf beeindruckt das nicht. "Anweisungen nagele ich ans Schwarze Brett", ließ er Wirtschaftsminister Rexrodt wissen. Das Schwarze Brett blieb leer. Eine Anweisung aus Bonn kam nicht, und Kirch / Bertelsmann erlitten Schiffbruch mit ihren medienpolitischen Träumereien.

Heute hat sich das Blatt gewendet. Statt Bertelsmann steht nun Rupert Murdoch vor der Tür und möchte bei Kirchs Pay-TV-Monopol mitmischen. Kein Wunder, dass Wolf auch dieses Gespann für "nicht unkritisch" hält. Denn sowohl Kirch als auch der australisch-amerikanische Medienmann Murdoch beschränken ihre Medienaktivitäten nicht auf das Abofernsehen, sondern sind auch im werbefinanzierten "Free TV" aktiv. Zu Kirchs Imperium gehören Sat 1, Kabel 1 und Pro 7. Murdoch hat gerade seine 24,9 Prozent an Vox an die CLT-Ufa verkauft, hält aber noch die Mehrheit an tm 3. Es drohen Vermischungen und Absprachen zwischen beiden Bereichen, warnen die Wettbewerbshüter. Doch noch ist unklar, ob die deutschen Kontrolleure überhaupt zum Zug kommen. Denn anders als im Fall Bertelsmann hat der Einstieg Murdochs bei Kirch eine stärker ausgeprägte europäische Komponente, immerhin ist Murdoch auch in Frankreich und Großbritannien engagiert. Dennoch, so Wolf, werde das Bundeskartellamt auch hier prüfen, ob man in Brüssel die Rückverweisung nach Deutschland beantragt.

Apropos Brüssel. Er sei stolz, heute sagen zu können, dass das Bundeskartellamt kein Auslaufmodell mehr ist. Die innere Genugtuung, die da mitschwingt, ist nicht zu überhören. Denn bei seinem Amtsantritt im Jahr 1992 hatten viele prophezeit, die wirklich wichtigen Fälle würden künftig alle in Brüssel entschieden - natürlich "hinter vorgehaltener Hand", erinnert sich der scheidende Präsident. Die Zukunft des Amtes sei aber inzwischen gesichert, meint Wolf. Statt weitere Kompetenzen an sich zu ziehen, werde in Brüssel heute eher dezentralisiert. Nicht zuletzt eine Konsequenz der wachsenden Arbeitsbelastung in der EU-Kommission.

Über mangelnde Arbeit können sich auch die Deutschen nicht beklagen. Dabei muss das Amt derzeit einen gewaltigen personellen Aderlass verkraften. Ende des Jahres zog die Behörde von Berlin nach Bonn - als Ausgleich für die Ministerien, die an die Spree gekommen waren. Doch die Hälfte der Belegschaft blieb in Berlin und arbeitet heute im Bundeswirtschaftsministerium. Die Lücke schließen neue Kollegen, die einst im Ministerium waren und den Weg nach Berlin nicht antreten wollten. Zwar sind die Leiter der Beschlussabteilungen mit an den Rhein gezogen, doch im Unterbau gibt es Risse. Bis das Amt wieder eine Einheit bildet, dürfte noch einige Zeit vergehen.

Eine schwierige Aufgabe, das weiß auch Ulf Böge, der neue Mann an der Spitze. Was muss er für das neue Amt mitbringen? "Breitschultrigkeit", meint Wolf, und die Bereitschaft, gegen alle Widerstände "Nein" zu sagen. Beliebt sei man als "Wettbewerbspolizei" ohnehin nicht: "Man kann sich in diesem Job nicht viele Freunde machen".

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