Wirtschaft : Die Vier-Tage-Woche hilft Siemens nicht

Die IG Metall wirft dem Konzern Einfallslosigkeit beim geplanten Stellenabbau vor

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Berlin/München (fo/nad). Der Streit um den massiven Stellenabbau bei Siemens hat sich verschärft. Begleitet von Protesten tausender Mitarbeiter hat das Management am Freitag der IG Metall vorgeworfen, Ängste zu schüren und den „konstruktiven Gesprächsprozess“ mit den Arbeitnehmervertretern des Konzerns zu stören. IG-Metall-Chef Klaus Zwickel hatte tags zuvor der Branche Informations- und Kommunikationstechnik vorgeworfen, „vorschnell und einfallslos“ mit Massenentlassungen auf die Krise zu reagieren. Es gebe Unternehmen wie Vodafone oder Nokia, die den Personalüberhang in Deutschland kreativer gelöst hätten.

Hintergrund sind die Pläne des Münchener Konzerns, tausende von Stellen – vor allem in der Sparte Netztechnik (ICN) – abzubauen. Seit Frühjahr 2001 summieren sich die Ankündigungen auf insgesamt 35 000 Jobs, davon etwa die Hälfte in Deutschland. Die Deutsche Telekom, einer der großen Auftraggeber von Siemens, will selbst kräftig abspecken. Der Bonner Konzern hatte gerade erst bestätigt, dass bis 2005 rund 36 000 Arbeitsplätze in Deutschland gestrichen werden sollen. Auch die Gewerkschaft Verdi hat massive Proteste angekündigt.

Siemens verteidigte sich am Freitag gegen den Vorworf von Massenentlassungen. „Das geht an der Sache vorbei“. Fünfzig Prozent der „Maßnahmen“ seien bereits umgesetzt. Und „entsprechend der Siemens-Tradition werden Entlassungen als ultima ratio nur dann vollzogen, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichen“, hieß es weiter.

Was ist also dran an dem Vorwurf, Siemens und Co. falle zur Krisenbewältigung nur die Kündigung ein? Die Gewerkschaft verweist auf ein Beispiel, dass immerhin schon fast zehn Jahre zurückliegt. Volkswagen steckte 1993 in der tiefsten Krise der Unternehmensgeschichte. Damals traf das Management unter dem gerade angetretenen Konzernchef Ferdinand Piech die Entscheidung, niemanden zu entlassen, sondern die Arbeitszeit für 30 000 VW-Mitarbeiter von 35 auf 28 Wochenstunden bei entsprechendem Lohnverzicht zu kürzen. So konnte Jahre später, als die Automobilkonjunktur wieder anzog, der Bedarf an Arbeitskräften mühelos gedeckt werden. Zwickel fordert deshalb ein „VW-Modell für die IT- und Telekommunikationsindustrie“ weil er die Probleme für vergleichbar hält.

Das sehen die Siemens-Manager ganz anders. Personalvorstand Peter Pribilla: „Wenn das Geschäft in der Massivität einbricht, wie es bei ICN passiert ist, gibt es keine Alternative zu einem Personalabbau“. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres hat die Sparte einen operativen Verlust von 366 Millionen Euro eingefahren. ICN ist damit das größte Sorgenkind des Konzerns. Siemens will jetzt mehr als 2000 Stellen streichen.

Die Betriebsräte schlagen vor, durch die Einführung einer Vier-Tage-Woche bei Lohnverzicht den Stellenabbau zu vermeiden. Das Management will wegen der dramatischen Konjunkturschwäche aber die Unternehmensstruktur umbauen. Was nichts anderes bedeutet, als dass bestimmte Geschäfte komplett aufgegeben werden.

VW als Vorbild?

Und dann, so wird argumentiert. seien solche Methoden und Instrumente nicht sinnvoll einzusetzen. Nach Siemens-Berechnungen müsste die Arbeitszeit rein rechnerisch um 30 bis 40 Prozent reduziert werden, um den Nachfrageeinbruch aufzufangen.

Konzernchef Heinrich von Pierer hatte zwar immer wieder betont, Instrumente wie Arbeitszeitverkürzung, Teilzeit oder Kurzarbeit zu nutzen, um den Stellenabbau „so weit es geht, erträglich zu gestalten“. Angesichts der anhaltend schlechten Wirtschaftslage sieht er aber keine Alternative zum Arbeitsplatz-Abbau.

Der Siemens-Betriebsrat fordert, neben der Vier-Tage-Woche die Altersteilzeit auszubauen, Jobrotations-Modelle zu forcieren und eine eigene Dienstleistungsparte für den Konzern zu gründen. Die könnte nach den Vorstellungen der Arbeitnehmer sogar als eigenständiger Unternehmensbereich geführt werden und dauerhaft etwa 8000 Beschäftigte aus allen Bereichen des Unternehmens auffangen. Siemens hat ingesamt rund 100 000 Mitarbeiter in Deutschland

Gesamtbetriebsratschef Ralf Heckmann hat zwar eingeräumt, dass es in gewissen Bereichen durchaus einen Personalüberhang gibt. Er kritisiert aber vor allem bei ICN die Finanzmarkt-Hörigkeit von Siemens: „Sobald die Quartalszahlen mal nicht stimmen, kommt die Sense“. Die Belegschaftsvertreter kritisieren „schwere Managementfehler“.

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